Bildung

Harte Fronten: Das sind Gegner und Fans des Zentralabiturs

Bundesländer können beim Abitur bisher machen, was sie wollen. Viele wollen eine Vereinheitlichung. Wer dafür ist – und wer dagegen.

Im Innerstädtischen Gymnasium in Rostock bereiten sich die Abiturienten in der Aula auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor.

Im Innerstädtischen Gymnasium in Rostock bereiten sich die Abiturienten in der Aula auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Wüstneck / picture alliance / Bernd Wüstnec

Berlin..  Es ist Ferienzeit – und doch geht es derzeit um die Schule. Beziehungsweise den höchsten Abschluss: Es wird gestritten über die Vereinheitlichung der finalen Prüfung – Zentralabitur für alle? Die Debatte ist voll entfacht, die Abgründe zwischen Gegnern und Befürwortern sind tief.

FDP-Chef Christian Linder sagte dazu unserer Redaktion: „Ich halte den Bildungswettbewerb zwischen 16 Bundesländern, wie wir ihn praktizieren, für aus der Zeit gefallen.“ Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte Anfang des Monats gefordert, dass in Deutschland innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur eingeführt wird. CSU-Chef Markus Söder widersprach umgehend.

Zentralabitur einführen? Darum geht

  • Alle 16 Bundesländer dürfen in Sachen Abitur machen, was sie wollen – Bildungsföderalismus
  • Die Befürworter sehen darin Ungerechtigkeit: Mancherorts sei die Abschlussprüfung schwerer als anderswo
  • Gegner glauben nicht, dass das Zentralabitur automatisch zu mehr Fairness führt

Ein Beispiel für die Problemlage zeigte sich in einem seltenen Moment der Einstimmigkeit im so zerklüfteten deutschen Schulsystem: Von Bayern über Sachsen-Anhalt bis Mecklenburg-Vorpommern waren Schüler empört, als sie im Mai die Abiturprüfung für Mathematik verließen.

Viel zu anspruchsvoll seien die Aufgaben gewesen, „so schwer wie in keiner der vergangenen Abiturprüfungen“, hieß es in der Online-Petition einer bayerischen Schülerin, die das dortige Kultusministerium bat, den Notenschlüssel anzupassen. Schnell folgten ähnliche Eingaben aus anderen Ländern, Tausende junge Erwachsene unterschrieben.

Doch ebenso schnell, wie er gekommen war, war der Moment der Gemeinsamkeit auch wieder vorbei: Bayern blieb hart, der Notenschlüssel unverändert. Hamburg und das Saarland dagegen passten ihre Bewertungen an.


Das Problem mit der Vergleichbarkeit

Die Episode zeigt exemplarisch, warum in Deutschland Abi nicht gleich Abi ist. 16 Bundesländer, das bedeutet im Bildungsföderalismus 16 Schulsysteme. Keine zwei davon gleichen sich exakt. Leistungen, die in einem Bundesland gute bis sehr gute Noten bringen, reichen anderswo nur für Mittelmaß in der Bewertung. Die „länderübergreifende Vergleichbarkeit“ der Abiturnoten, stellte das Bundesverfassungsgericht 2017 fest, sei „nicht in dem erforderlichen Maße“ gegeben.

Und trotzdem wird bei der Vergabe von Studienplätzen häufig so getan, als gäbe es diese Unebenheiten nicht: In zulassungsbeschränkten Studiengängen – was im kommenden Wintersemester laut einer Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) 40 Prozent aller Studiengänge sein werden – ist die Abiturnote oft ein wichtiges Auswahlkriterium. Gerade in begehrten Fächern wie Medizin oder Psychologie kann ein Zehntel hinter dem Komma entscheidend sein bei der Vergabe der Plätze.

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Um die Bedingungen zumindest ein bisschen anzugleichen, gibt es deshalb schon seit 2017 den gemeinsamen Abi­tur-Aufgabenpool der Länder, der wenigstens in einigen Kernfächern für eine gemeinsame Basis sorgen soll. In Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik erstellen die Länder seitdem gemeinsam eine Reihe von Aufgaben.

Aus dieser Sammlung können sich die Kultus- und Bildungsministerien bei der Erstellung der Prüfungen für ihr jeweiliges Land dann bedienen. Das würden sie auch tun, sagt Torsten Heil, Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK), unserer Redaktion.

Doch das heißt noch nicht, dass Schülerinnen und Schüler in Berchtesgaden dieselben Fragen beantworten müssen wie in Vechta: Wie viel die Länder aus dem Pool übernehmen, bleibt ihnen überlassen, zudem können die Fragen verändert werden. Das Ergebnis sind Situationen wie in diesem Mai: Für das Mathe-Abitur verwendeten einige Länder nur Aufgaben aus dem Pool, andere nutzten diese nur teilweise oder gar nicht.

Hier sollen die Vorgaben in Zukunft strenger werden: Bis 2021 sollen die Aufgaben unverändert eingesetzt werden, sagt Heil. „Langfristig sollen auch gemeinsame Regeln für den Einsatz von Hilfsmitteln kommen.“ Vielen Bildungspolitikern geht das nicht schnell genug: Sie wollen eine Prüfung für alle – das Zen­tralabitur.


Die Befürworter

Neu angestoßen hatte die Debatte jetzt Susanne Eisenmann (CDU), Kultusministerin in Baden-Württemberg. Ihr Vorschlag: einheitliche Prüfungsaufgaben, einheitliche Regeln auch dafür, welche Fächer aus der sogenannten Qualifikationsphase – den letzten zwei Schuljahren – in die Abschlussnote mit einfließen.

Zeitrahmen für die Vereinheitlichung: fünf bis zehn Jahre. Unterstützung bekommt Eisenmann von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) – die Vorschläge gingen „aus meiner Sicht in die richtige Richtung“, sagte Karliczek. Die Vergleichbarkeit von Abschlüssen sei auch eine Frage der Gerechtigkeit.

Auch in der Opposition hat die Idee einer zentralen Prüfung Freunde: Der Bildungswettbewerb zwischen den Ländern sei so, wie er jetzt praktiziert werde, „aus der Zeit gefallen“, sagte FDP-Chef Christian Lindner unserer Redaktion. Es müsse mehr Vergleichbarkeit her und auch mehr Mobilität. „Gemeinsame Bildungsstandards müssen endlich umgesetzt werden. Ein Zentralabitur könnte dabei ein Element sein.“

Der Weg zum Zentralabitur müsse über den gemeinsamen Aufgabenpool führen, sagt der thüringische Bildungsminister Helmut Holter (Linke). „Die Prüfungen müssen ebenso wie die Lehrpläne und Stundentafeln schrittweise angepasst werden.“ Er fordert dafür konkrete Fristen.

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) setzt seit längerem für bessere Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen ein. Auch Yvonne Gebauer (FDP), Schulministerin in NRW, hält den eingeschlagenen Weg über die gemeinsamen Aufgabenpools für richtig und will daran weiterarbeiten.


Die Gegner

Das sehen nicht alle so – vor allem nicht unter denjenigen, die dafür Kompetenzen abgeben müssten. Mit Bayern und der CSU werde es „auf keinen Fall“ ein Zentralabitur geben, erklärte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) prompt. Bayern gilt als eines jener Länder mit vergleichsweise hohen Ansprüchen an Schüler und Schülerinnen, das Abitur aus dem Südosten als angesehen.

Er habe nichts dagegen, sagt deshalb Söder, wenn andere Bundesländer das bayerische Abiturniveau anstrebten – „nur glaube ich, dass der Sprung sehr hoch ist“. Auch Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, hält das Zentralabitur für „die falsche Antwort“, wie sie unserer Redaktion sagte.

Auch im Saarland ist man skeptisch: „Gleichwertigkeit hat nichts mit Gleichmacherei zu tun“, erklärte Bildungsstaatssekretärin Christine Streichert-Clivot. „Ein bundesweites Zentralabitur garantiert weder eine faire Abiturprüfung noch eine vergleichbare Abiturnote.“

Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, sieht die Fokussierung auf eine einheitliche Prüfung kritisch: „Ich halte die Diskussion über ein Zentralabitur für eine Fetisch-Debatte, die an den eigentlichen Problemen vorbeigeht“, sagte Hoffmann unserer Redaktion.

Um echte Vergleichbarkeit herzustellen, sei es nicht genug, Prüfungen zu vereinheitlichen – zu unterschiedlich seien die sozialen und pädagogischen Bedingungen an den Schulen, auch innerhalb eines Bundeslandes. Außerdem sage der Abiturschnitt wenig darüber aus, ob ein junger Mensch wirklich bereit sei zu studieren, so die Gewerkschafterin.

Auch die Frage, ob jemand geeignet sei für ein bestimmtes Fach, lasse sich mit der Abiturnote nicht allein beantworten. „Zum Beispiel bei Lehramtsstudiengängen“, erklärt Hoffmann, „brauchen wir Leute, die für diesen Beruf brennen. Das hängt nicht unbedingt an einem Einser-Abitur.“ Doch ohne ein solches käme man häufig gar nicht in den gewünschten Studiengang.


Und jetzt?

Die Noten müssen besser vergleichbar werden – zumindest darüber besteht Einigkeit. Doch die Meinungen, wie das gehen soll, gehen weit auseinander. Bundesbildungsministerin Karliczek setzt für mehr Fairness auch auf einen Nationalen Bildungsrat aus Experten und Vertretern von Bund und Ländern. Das Gremium, das beraten soll, ist im Koalitionsvertrag vereinbart, existiert aber noch nicht. Auf jeden Fall kommen sollen gemeinsame Bildungsstandards auch für Biologie, Chemie und Physik, die derzeit entwickelt werden. Auf dieser Basis sollen auch für die Naturwissenschaften Poolaufgaben entstehen – doch der Weg bis dahin ist noch weit.