Hauptstadtbrief

Doppelt gemoppelt

In der SPD wird tatsächlich beraten, ob die Bundespartei künftig von zwei Vorsitzenden geführt werden solle. Dass dies in ihren Gründerjahren und auch noch in der Weimarer Republik schon einmal der Fall war, spielt bei den Beratungen keine Rolle. Es ist auch lange her. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Partei immer nur einen Vorsitzenden – wie die anderen Bundestagsparteien auch. Eine Ausnahme: Die Grünen. An deren Spitze stehen seit ihrer Gründung 1980 stets zwei (ganz früher waren es sogar drei) Vorsitzende – in der Bundespartei, den Landesverbänden und auch in den Fraktionen von Bund und Ländern.

Hinter dem Konstrukt der „Doppelspitze“ stand eine politische Idee. Weil die Grünen anders sein wollten als die anderen Parteien, wurden die Vorsitzenden auch nicht Vorsitzende genannt, sondern „Sprecher“. Das war nicht nur verbale Kosmetik. Die Basis der Grünen wollte nicht „geführt“ werden. Ihre „Sprecher“ sollten die Partei in erster Linie repräsentieren. Ihre unterschiedlichen Flügel – ehedem „Fundamentalisten“ und „Realpolitiker“ genannt – sollten in der Parteispitze vertreten sein. Dazu sollte noch jeweils (mindestens) eine Frau und ein Mann Parteisprecher sein. Das führte im Laufe der Jahre zu dem Brauch, dass auf Parteitagen eine Frau vom Fundi-Flügel gesucht wurde, wenn ein Realo-Mann gefunden war. Oder auch umgekehrt. Zuletzt: Cem Özdemir („Realo“) und Claudia Roth (links), was zur Folge hatte, dass die beiden „Vorsitzenden“ einander politisch bekämpften. Der auf Parteitagen gewählte Vorstand war schwach. Die Folge: In Wirklichkeit wurden die Grünen von einem „heimlichen“ Vorsitzenden (Joschka Fischer) geführt. In jenen Jahren landeten die Grünen bei Bundestagswahlen jeweils bei weniger als zehn Prozent. Erst mit den beiden Parteisprechern Annalena Baerbock und Robert Habeck, die sich politisch nahe sind und sich auch sonst gut verstehen, änderte sich das. Die Grünen wurden zu einer Mehr-als-zwanzig-Prozent-Partei.

Ein Modell etwa auch für die SPD? Sogar Hans-Jochen Vogel findet ein gewisses Gefallen an einer SPD-Doppelspitze. Doch nicht ein Konzept hat dazu geführt, sondern die schiere Not. Zum Beispiel der Umstand, dass „Freiwillige“ – anders als früher – nicht an die Spitze der Partei drängen. Soll es bald Quotierungen grüner Art (Mann/Frau, Ost/West, Rechts/Links, Jung/Alt) geben? Not macht erfinderisch, wird gesagt. Naja.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hier denkt er über Parteien nach, die darüber nachdenken, mehr als nur einen Vorsitzenden – oder eine Vorsitzende – zu wählen.