Kommentar

SPD ist der große Wahlverlierer, aber Union profitiert nicht

Der Wähler hat die ehemals großen Volksparteien SPD und Union abgestraft. Vor allem die Sozialdemokraten sind in desolater Verfassung.

Die Spitzenkandidatin der SPD, Katarina Barley, ist enttäuscht über das Abschneiden ihrer Partei bei der Europawahl.

Die Spitzenkandidatin der SPD, Katarina Barley, ist enttäuscht über das Abschneiden ihrer Partei bei der Europawahl.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. An diesem Wahlsonntag wird die Bundespolitik noch lange zu kauen haben: Der Wähler hat die großen – oder besser, ehemals großen – Volksparteien wieder brutal abgestraft. Die Union bleibt zwar stärkste Kraft, ist aber ist weiter im Abschwung. Die SPD erlebt ein Drama und landet dauerhaft hinter den Grünen, die sich glatt verdoppeln konnten.

Es ist eine historische Demütigung für die Sozialdemokraten. Endgültig vorbei ist die Zeit, als Gerhard Schröder noch der Chefkoch in der Rot-Grünen Koalition war und den kleinen Partner breitbeinig als „Kellner“ verhöhnen konnte.

SPD kann froh sein, überhaupt noch mitzuregieren

Die Sozialdemokraten sind mittlerweile in derart desolater Verfassung, dass sie froh sein können, wenn sie überhaupt noch irgendwo mitregieren können. Sogar im SPD-treuen Bremen ist ihre historische Vormachtstellung offensichtlich Geschichte.

Jetzt geht das altbekannte Spiel wieder los: Abrechnung mit dem Parteichef! Diesmal ist die erste weibliche Vorsitzende Andrea Nahles dran. Sie hat gekämpft und es trotzdem nicht geschafft hat, die Partei aus der Todesspirale herauszuführen.

Europawahl-Blog: Herbe Verluste für Union und SPD – die Grünen können jubeln

SPD droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken

Dass ausgerechnet der Wahlverlierer Martin Schulz jetzt einen Putsch gegen sie anführt, zeigt, wie dramatisch die Personalsituation in Deutschlands ältester Volkspartei ist. Und mit jeder neuen Runde der Selbstzerfleischung rutscht die SPD noch tiefer in den Keller. Es droht die reale Gefahr, dass die Partei von Willy Brandt wie Frankreichs Sozialisten den Weg in die Bedeutungslosigkeit angetreten hat.

Auch die Union ist ein Verlierer dieser Europa-Wahl. Die Arbeitsteilung von Parteivorsitzender und Kanzlerin hat den Wähler offenbar nicht überzeugt. Dazu kam ein Spitzenkandidat, der zwar viel Seriosität aber wenig Charisma zu bieten hatte. Bis Sonntag kannte jeder dritte Wähler Manfred Weber nicht. Das reicht am Ende eben nicht für einen klaren Sieg und macht Webers Traum vom Präsidentenamt in Brüssel noch unrealistischer.

Wahlkampf von Union und SPD wirkte aus der Zeit gefallen

Überhaupt war der Europawahlkampf angesichts der großen Herausforderungen insgesamt erstaunlich blass. Dass die teure Wahlkampftruppe von CDU/CSU sich auf den letzten Metern von einem blauhaarigen Youtuber an die Wand spielen ließ, war „f***ing krass“, um es mit Rezo, dem selbsternannten CDU-„Zerstörer“ mal drastisch zu formulieren.

Vielleicht finden die Volksparteien die Kraft, grundsätzlich mal über einen modernen Wahlkampf nachzudenken. Der alte Dreikampf aus sinnfreien Plakaten, Wahlkampfauftritten mit Papierfähnchen und den berühmten Info-Klapptischen in der Fußgängerzone ist endgültig aus der Zeit gefallen.

Grüne haben Nerv der Wähler besser getroffen

Wer dagegen die sozialen Netzwerke beherrscht und auf Emotionen statt auf bürgerfernen Polit-Sprech setzt, wird gehört. Das mögen Traditionalisten beklagen, aber es ist trotzdem wahr. Wie es funktioniert, können Union und SPD von den Grünen lernen. Diese haben offensichtlich mit ihren Themen den Nerv der Wähler besser getroffen. Jetzt darf man gespannt sein, wie sie ihre ziemlich wolkigen Wohlfühl-Botschaften in erfolgreiche Politik umsetzen wollen.

Grüne mit 22 Prozent zweitstärkste Kraft

Zwei Ergebnisse hat die Wahl, die durchaus Grund zur Freude sind. Zum einen konnte die AfD in Deutschland mit ihrem populistischen Anti-Europa-Kurs für keinen Erdrutsch sorgen. Die Rechten blieben unter den Prognosen und können mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Und gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung der Deutschen deutlich gestiegen.

Das Interesse an Europa ist deutlich größer geworden. Die Jungen sind offenbar wach geworden und wollen sich einmischen. Das sollten alle – auch die großen Wahlverlierer – durchaus als Chance begreifen.