Debatte

Neue Nationalhymne? Mehrheit der Deutschen ist dagegen

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow wünscht sich eine neue Nationalhymne. Die meisten Deutschen sehen das allerdings anders.

Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft singen die Hymne.

Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft singen die Hymne.

Foto: Michael Debets / imago/Pacific Press Agency

Berlin/Erfurt. Mit seiner Forderung nach einer neuen Nationalhymne hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow eine hitzige Debatte angestoßen. Alle Amtskollegen aus den restlichen ostdeutschen Bundesländer reagierten mit Ablehnung auf den Vorschlag.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel meldete sich zu Wort – wenn auch indirekt. Über den Regierungssprecher Steffen Seibert kam ihre Haltung zur Nationalhymne an die Öffentlichkeit: „Die Bundeskanzlerin findet unsere Nationalhymne sehr schön, in Musik und Text“, erklärte Seibert.

Große Mehrheit der Deutschen will Nationalhymne bewahren

Damit liegt sie offenbar auf einer Linie mit drei Vierteln der Deutschen. 75 Prozent plädieren für ihre Beibehaltung, etwa 17 Prozent wollen hingegen eine neue Hymne. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag unserer Redaktion.

Westdeutsche plädieren demnach mit 78 Prozent besonders stark für die Bewahrung der Hymne. In den ostdeutschen Ländern sprechen sich 62 Prozent für die Beibehaltung aus.

Höchste Zustimmung bei Wählern von CDU, FDP und AfD

Die parteipolitische Orientierung prägt das Abstimmungsverhalten ebenfalls. Die höchsten Zustimmungswerte mit circa 85 bis knapp 90 Prozent erhält die Nationalhymne bei Anhängern von CDU, FDP und AfD. Es folgen Anhänger der SPD mit knapp 75 und Grünen-Wähler mit etwa 65 Prozent.

Eine Sonderrolle spielt die Linkspartei. Nur bei ihr votieren mehr Anhänger für eine neue Hymne als für die bestehende. Für eine neue Hymne sprechen sich 45 Prozent aus, für die alte 37,5 Prozent. Unterschiede in Alter und Geschlecht spielen bei der Entscheidung in der Hymnen-Frage laut der Umfrage kaum eine Rolle.

Nationalhymne erneuern? Ramelow-Vorschlag erfährt Gegenwehr

Ramelow hatte für einen neuen Text geworben. „Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden“, sagte der Linke-Politiker in einem Interview mit der „Rheinischen Post“.

Die deutsche Nationalhymne ist die dritte Strophe des „Lieds der Deutschen“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben („Einigkeit und Recht und Freiheit“). Die Melodie ist die des Kaiserliedes von Joseph Haydn. Die Nazis ließen nur die erste Strophe singen („Deutschland, Deutschland über alles“).

Ramelow wünscht sich „gemeinsame Nationalhymne“ für Ost und West

Ramelow sagte, auch 30 Jahre nach dem Mauerfall sängen viele Ostdeutsche die Hymne nicht mit. „Ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten. Bisher hat dieser Wunsch leider immer nur für empörte Aufregung gesorgt.“ Er plädierte für einen neuen Text, „der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: Das ist meins“.

Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) hatte 1922 die ersten drei Strophen de „Lieds der Deutschen“ zur Nationalhymne bestimmt. Die Nazis behielten das Lied bei.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer widerspricht Ramelow

Die Reaktionen aus anderen ostdeutschen Bundesländern kamen umgehend. Ramelows Amtskollegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern widersprachen unisono.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sieht keine Notwendigkeit für Ramelows Vorschlag. „Die Hymne mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“ trifft mein eigenes Gefühl sehr gut“, sagte er am Donnerstag in Potsdam. „Diese Worte müssen aber auch von uns allen mit Leben gefüllt werden.“

Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) widersprach Ramelow: „Ich finde es interessant, wie unterschiedlich die Emotionen bei unserer Nationalhymne sind.“, sagte er. „Ich singe sie sehr gern und verbinde damit genau diesen großartigen Teil unserer Geschichte – die friedliche Revolution, Helmut Kohl und die Deutsche Einheit.“

Gerade für die Ostdeutschen habe die Hymne eine besondere Bedeutung. „Das ,Lied der Deutschen’ spiegelt die wechselvolle Geschichte unseres Landes – gerade deshalb soll die 3. Strophe unserer Nationalhymne bleiben.“

Ablehnung kam auch aus Sachsen-Anhalt. „Wir sollten uns den Themen zuwenden, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht, wie zum ‎Beispiel der Energiewende oder der Mietpreisentwicklung“, erklärte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und erklärte die Debatte damit für unwichtig. „Ich finde unsere Hymne gut“, sagte Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern.

Hintergrund: Sachsen Regierungschef will rechte Netzwerke „zerschlagen“

Ramelow hatte schon vor 14 Jahren neue Nationalhymne gefordert

Es ist nicht das erste Mal, dass Ramelow eine neue Nationalhymne ins Gespräch bringt. Bereits als PDS-Landtagsfraktionschef in Thüringen hatte er 2005 eine neue Nationalhymne vorgeschlagen. „Wir brauchen eine Hymne in Deutschland, auf die sich alle Menschen positiv berufen können und die nicht missbraucht werden kann“, hatte er damals gesagt. Sein Vorschlag vor 14 Jahren: die Kinderhymne Bertolt Brechts.

Der damalige thüringische CDU-Generalsekretär und heutige CDU-Landeschef Mike Mohring hatte Ramelow damals „fahrlässigen Umgang mit unseren nationalen Symbolen“ vorgeworfen. Aktuell warf er dem Linke-Politiker eine unerträgliche „politische Bilderstürmerei gegen ein Symbol der Bundesrepublik Deutschland“ vor.

In Thüringen wird am 27. Oktober ein neuer Landtag gewählt, Bodo Ramelow ist Spitzenkandidat der Linken, Mohring Spitzenkandidat der CDU.

Gleichstellungsbeauftragte hatte Text-Änderung der Hymne vorgeschlagen

Im vergangenen Jahr gab es zudem eine Diskussion um den Wortlaut der Nationalhymne. Damals hatte die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, Kristin Rose-Möhring, vorgeschlagen, künftig statt „Vaterland“ besser „Heimatland“ und statt „brüderlich mit Herz und Hand“ in Zukunft „couragiert mit Herz und Hand“ zu singen.

Auch Österreich und Kanada hatten ihre Hymnen in den vergangenen Jahren aus Gleichstellungsgründen geändert. Die Bundeskanzlerin hatte sich gegen die Forderung gestellt, Angela Merkel wollte die Nationalhymne nicht geändert sehen. (dpa/moi/sdo)