Rauschmittel

Drogenbeauftragte kritisiert Dealer-Freiflächen in Berlin

Weil niemand den Drogenhandel in den Griff bekommt, gibt es in Berlin einen skurrilen neuen Ansatz. Dealer bekommen Arbeitsflächen.

Eine rosa-farbige Markierung ist an einem Eingang zum Görlitzer Park auf dem Boden zu sehen. Dort sollen Drogendealer künftig stehen.

Eine rosa-farbige Markierung ist an einem Eingang zum Görlitzer Park auf dem Boden zu sehen. Dort sollen Drogendealer künftig stehen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Für Anlieger könnte es eine durchaus sinnvolle Idee sein. Für Außenstehende ist die Nachricht aus der bundesdeutschen Hauptstadt zuallererst ein weiteres Kapitel im Buch: bizarre Berlin-Ideen. Der Bezirk Kreuzberg hat Drogendealern eigene Wirkungszonen zugesprochen.

Konkret geht es um den Görlitzer Park – beliebt bei Anwohnern ob der Grünflächen. Aber wegen der hohen Besucherfrequenz eben auch bei Menschen, die Rauschmittel verkaufen. Immer wieder wollten Politik und Polizei die Dealer vertreiben. Keine Maßnahme fruchtete. Der Park blieb einer der Drogenumschlagplätze Nummer eins.

Weil die Handelstreibenden, die die Wege säumen, so ziemlich jeden mit ihren wenig legalen Angeboten behelligen – auch Familien – soll nun ein neuer Ansatz Frieden schaffen. Und die Dealer zwar nicht vertreiben. Aber wenigstens auf bestimmte Zonen reduzieren.

Drogendealer bekommen Wirkungsbereiche: Parkmanager sprüht Stehzonen

Zuerst berichtete der RBB über den neuen Ansatz. In den Eingangsbereichen seien bereits Flächen farbig markiert worden, in denen sich die mutmaßlichen Dealer zukünftig aufhalten sollen. Und so, heißt es in der Abendschau, soll die direkte Konfrontation insbesondere mit Müttern und kleinen Kindern, verhindert werden.

Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne) und Parkmanager Cengiz Demirci, der mit rosa Farbe die Bereiche gekennzeichnet hat, verteidigten die Maßnahme – die zuvor wenig überraschend heftig kritisiert worden war. Denn CDU und Gewerkschaft der Polizei sahen in dem Vorgang offenbar mehr oder weniger eine Bankrotterklärung. Man könne wohl offenbar nichts tun gegen das Drogenproblem, heißt es in dem RBB-Bericht.

Die Zuweisung von Flächen sei eine Einladung zum Rechtsbruch, teilte CDU-Fraktionschef Burkard Dregger mit. FDP-Abgeordneter Marcel Luthe sprach von einer Farce.

Auch Marlene Mortler, Drogenbeauftragte des Bundes, kritisierte die ausgewiesenen Flächen scharf. „Wenn das so stimmt, dann ist das eine Kapitulation des Rechtsstaates“, sagte die CSU-Politikerin unserer Redaktion. Dass Menschen illegale Drogen konsumieren, müsse man leider akzeptieren, „einen Freibrief zum Handel dürfen wir aber ganz sicher nicht erteilen.“

Erst im Februar hatte der um Kommentare nie verlegen Bürgermeister Tübingens, Boris Palmer, den von Berliner liebevoll „Görli“ genannten Park begutachtet – auf Einladung. Palmer hatte gelästert, die Hauptstadt sei ein nicht funktionierender Teil Deutschlands. Nach Berlin-Bashing: Boris Palmer besucht Park der Dealer.

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Zonen für Drogendealer sollen keine Legalisierung sein

Demirci betonte, dass es keiner Legalisierung gleichkomme. Das Problem, sagte er dem RBB, könne nur behoben werden, wenn die meist afrikanischen Dealer arbeiten dürften. „Dann würden hier 90 Prozent sofort aufhören.“

Tatsächlich offenbart sich wohl vor allem ein trister Realismus: Tägliche Polizeibestreifung hat maximal eine Verdrängung, aber keine Lösung des Problems gebracht. Also versucht man es zumindest mit Regulation.

Und am Ende hat das Konzept ja auch einen Vorteil: Wer ernsthaft interessiert am Drogenkauf ist, weiß zukünftig noch besser, wo er hingehen muss. Zumindest in Berlin. Andernorts liegt das Kokain in Bananenkisten – bei Aldi etwa. (ses)

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