Prognose

Studie: Bis 2060 verlieren Kirchen die Hälfte der Mitglieder

Junge Leute treten häufig wegen der Kirchensteuer aus den Kirchen aus. Der demografische Wandel verstärkt den Trend noch zusätzlich.

Der Altarraum im Osnabrücker Dom: Derzeit haben die beiden Kirchen zusammen rund 44,8 Millionen Mitglieder.

Der Altarraum im Osnabrücker Dom: Derzeit haben die beiden Kirchen zusammen rund 44,8 Millionen Mitglieder.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Berlin. Evangelische und katholische Kirche werden einer Studie zufolge bis 2060 rund die Hälfte (49 Prozent) ihrer Mitglieder verlieren. Bis zum Jahr 2035 beträgt der Rückgang demnach 22 Prozent. Zu der Prognose kommt das Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Uni Freiburg.

Die Forscher unter der Leitung des Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen sollten im Auftrag der beiden Kirchen berechnen, wie sich die Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen langfristig entwickeln werden.

Die nun veröffentlichte Prognose setzt voraus, dass das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten der vergangenen Jahre auch für die Zukunft repräsentativ ist. Und sie liest sich dramatisch: Um ihre jetzigen Aufgaben auch 2060 in gleicher Weise erfüllen zu können, müssten die Kirchensteuereinnahmen von zuletzt zwölf Milliarden Euro auf knapp 25 Milliarden Euro steigen. „Ihnen wird aber nur knapp die Hälfte zur Verfügung stehen“, heißt es im Bericht.

Die sinkende Zahl an Kirchensteuerzahlern werde dazu führen, dass die Einnahmen nicht im gleichen Maße wachsen wie die Ausgaben. Einem tendenziell stagnierenden Kirchensteueraufkommen würden steigende Preise für kirchliche Ausgaben – vor allem im Personalbereich – gegenüberstehen.

EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm sieht Studie als Chance

Derzeit haben die beiden Kirchen zusammen rund 44,8 Millionen Mitglieder. Der Rückgang um 49 Prozent auf 22,7 Millionen Mitglieder im Jahr 2060 ist den Wissenschaftlern zufolge nicht nur dem demografischen Wandel zuzuschreiben: Zwar wird es mehr Sterbefälle als Geburten und Zuzug von evangelischen und katholischen Zuwanderer aus dem Ausland geben, aber er wird demnach nur 21 Prozentpunkte beim Mitgliederrückgang ausmachen.

Die weiteren 28 Prozentpunkte führen die Forscher auf weitere Kirchenaustritte und den Rückgang an Taufen zurück. Aufgrund der Zuwanderung verliert die katholische Kirche insgesamt geringfügig weniger Mitglieder als die evangelische.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm versteht die Studie auch als Chance, das Schlimmste noch zu verhindern. „Die Projektion 2060 beschreibt die Auswirkungen eines Trends, der schon vor Jahren von der Sozialforschung festgestellt worden ist. Manches am Rückgang an Kirchenmitgliedern werden wir nicht ändern können. Anderes aber schon“, erklärt der bayerische Landesbischof.

Auch der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sieht Handlungsbedarf: „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten.“ Für ihn sei die Studie auch „ein Aufruf zur Mission“, so Marx. „Die Ergebnisse haben wir dem Grunde nach so erwartet“, erklärt Forscher Raffelhüschen.

Austritte fallen häufig mit Eintritt ins Erwerbsleben zusammen

Neu sei allerdings die Erkenntnis, dass sich weniger als die Hälfte des Rückgangs mit dem demografischen Wandel erklären lasse. Einen größeren Einfluss auf die Mitgliederentwicklung habe das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern, sagt der Freiburger Wissenschaftler. Die Analyse mache aber auch deutlich, „dass die Kirchen gerade in den kommenden zwei Jahrzehnten weiterhin über Ressourcen zur Umgestaltung verfügen. Diese gilt es klug einzusetzen“, so Raffelhüschen.

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Sein Forscherteam hat zusätzlich zur Prognose auch allgemeine Fakten zu Kirchenaustritten zusammengetragen. Demnach besteht die höchste Wahrscheinlichkeit aus der Kirche auszutreten im dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Die Austritte fallen häufig mit dem Eintritt ins Erwerbsleben und damit der ersten Kirchensteuerzahlung zusammen. Bis zum 31. Lebensjahr treten der Studie zufolge 31 Prozent der getauften Männer und 22 Prozent der getauften Frauen aus – mit entsprechenden Folgen für die Taufzahlen, wenn in dieser Lebensphase Kinder geboren werden. (Karsten Kammholz)