Altersarmut

Die „Europa-Rente“ kommt - Was hinter der Idee steckt

Bald ist private Altersvorsorge in allen EU-Ländern nach einheitlichen Standards möglich. Es gibt viel Lob – aber auch große Skepsis.

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Brüssel.  Die EU unternimmt einen eigenen Vorstoß im Kampf gegen die drohende Altersarmut: Ein neues, europaweit einheitliches Angebot zur privaten Altersvorsorge soll mehr Menschen ermutigen, für das Alter zu sparen. Das EU-Parlament hat noch rechtzeitig vor der Europawahl im Mai den Weg für die „Europa-Rente“ frei gemacht.

„Die Bürger werden mehr Auswahlmöglichkeiten haben und gleichzeitig von einem hohen Maß an Verbraucherschutz profitieren“, sagt der zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis. Doch Kritiker warnen, die großen Versprechen würden gar nicht erfüllt.

Rentenkonzept für Europa wird von privaten Anbietern ausgefüllt

Das neue Rentenkind heißt PEPP – das ist die englische Abkürzung für europaweites privates Altersvorsorgeprodukt, das bestehende öffentliche Rentensysteme der Mitgliedstaaten und nationale Vorsorgeangebote ergänzen soll. Den Rahmen hat die EU-Kommission entwickelt, ausfüllen sollen ihn private Anbieter.

Das Ziel: Ein europaweites Produkt soll für mehr Wettbewerb, vergleichsweise niedrige Kosten und mehr Transparenz über Gebühren sorgen. Laut Studien ließen sich mit einheitlichen Regeln die Verwaltungskosten um ein Viertel senken.

Die Kosten sollen auf ein Prozent begrenzt sein

Ähnlich wie bei der Riester-Rente sollen Kunden zwischen verschiedenen Risiko-Varianten wählen können.

Ein wichtiger Vorteil: Für die Basis-Variante sollen die Kosten höchstens ein Prozent der angesparten Beiträge betragen. „Das ist der größte Vorteil von PEPP“, lobt die Chefin der Europäische Verbraucherorganisation BEUC, Monique Goyens. „Das Produkt ist interessant und einfach.“

Der zweite Fortschritt: Die Sparer sollen europaweit den Wohnort wechseln können, ohne Einbußen hinzunehmen. Bislang lassen sich beispielsweise Riester-Verträge nicht einfach ins Ausland mitnehmen. In die „Europa-Rente“ könnte ein Arbeitnehmer auch weiter einzahlen, wenn er von Deutschland nach Italien zieht. Für die in Deutschland geleisteten Einzahlungen gilt dann deutsches Recht, für die in Italien geleisteten Einzahlungen italienisches. Aber es bleibt dieselbe Rentenversicherung.

EU will drohende Lücke bei der Rente schließen

Die EU will mit der „Europa-Rente“ gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen:

Zum einen will sie die drohende Rentenlücke schließen. Zugleich sollen aber auch verstärkt die Spareinlagen europäischer Bürger in die Kapitalmärkte gelenkt werden – um in Europa langfristige Investitionen zu finanzieren, die Jobs und Wachstum schaffen, wie Kommissions-Vize Dombrovskis verspricht.

Er setzt darauf, dass mit PEPP die Nachfrage nach solchen Finanzanlagen bis 2030 um 700 Milliarden Euro zunimmt; um das zu ermöglichen, dürfen alle möglichen Finanzunternehmen, auch Investmentfondsgesellschaften, die „Europa-Rente“ anbieten. Der EU-Abgeordnete der Linkspartei, Martin Schirdewan warnt schon, durch die Zulassung selbst von Hedgefonds werde der Rentenmarkt „zum Spielball der Kapitalmärkte“.

Kritik kommt aus Deutschland an der „Europa-Rente“

Der Finanzexperte der Grünen im EU-Parlament, Sven Giegold, lobt vor allem den Kostendeckel von einem Prozent und spricht von einem „Durchbruch“ für den Verbraucherschutz. „Damit kommen auch in Deutschland die häufig unverschämten Gebühren bei Lebensversicherungen und Investmentfonds für Kleinsparerinnen unter stärkeren Druck des europäischen Wettbewerbs“, meint Giegold. So werde die Blockade in Deutschland, wenn es um niedrigere Kosten bei der Altersvorsorge gehe, „von Europa aufgebrochen“.

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Die Branche in Deutschland hält die Ein-Prozent-Deckelung für kaum praxistauglich, weil Anbieter in vielen Fällen nicht kostendeckend arbeiten könnten – beim jährlichen Durchschnittsbeitrag für Riester-Renten läge die Kostengrenze im ersten Jahr unter zehn Euro. „Selbst wenn sich die Anbieter auf reine Online-Angebote beschränken würden, ginge die Rechnung nicht auf – zumal eine Beratungspflicht vorgesehen ist“, sagt Ilka Houben vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) unserer Redaktion.

„Europa-Rente“ kommt – es herrscht Ungewissheit

Die Leiterin der Alterssicherungspolitik beim GDV ist aber auch grundsätzlich skeptisch: Die Grundidee von PEPP sei gut, aber die Umsetzung schwierig. Interessant könne das Angebot für europaweit mobile Arbeitnehmer sein, doch die Zielgruppe sei klein: „Dass PEPP einen Run auf die ergänzende Altersvorsorge auslöst, ist sicher nicht zu erwarten.“ Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute meint, es sei fraglich, wie für solche Angebote die bislang 28 EU-Länder mit unterschiedlicher Sozialgesetzgebung und Steuerrecht unter einen Hut zu bekommen seien.

Eine Chance haben die Verträge wohl nur, wenn sie wie nationale Angebote auch steuerlich gefördert werden – in Deutschland etwa wie die Riester-Verträge. Die EU-Kommission und das EU-Parlament werben schon dafür. Aber das ist Sache der Mitgliedstaaten. Wenn es klappt, wäre durch die Hintertür ein Schritt zur europaweiten Harmonisierung der Steuersysteme gelungen.

Aber bevor die ersten Angebote wohl 2021 auf den Markt kommen, herrscht Ungewissheit. Die Bundesregierung will PEPP-Produkte nur dann steuerlich fördern, „wenn sie denselben Vorgaben genügen wie die bestehenden in Deutschland steuerlich geförderten Altersvorsorgeprodukte“. (Christian Kerl)

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