Kommentar

Bei Lindner könnte alles gut sein – wenn Habeck nicht wäre

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Christian Lindner (r.) ist als FDP-Chef wiedergewählt worden. Seine Partei liegt stabil bei zehn Prozent. Aber: Robert Habeck und seine Grünen sind erfolgreicher.

Christian Lindner (r.) ist als FDP-Chef wiedergewählt worden. Seine Partei liegt stabil bei zehn Prozent. Aber: Robert Habeck und seine Grünen sind erfolgreicher.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

In der FDP ist Christian Lindner unangefochten. Zurecht kann er sich auf die Schulter klopfen. Sein Glück wäre perfekt – ohne Habeck.

Berlin. Sie duzen sich. Sie tragen gerne Dreitagebart. Und sie sind die Stars ihrer Parteien: FDP-Chef Christian Lindner und Grünen-Chef Robert Habeck gehören zu den größten politischen Talenten, die das Land in der Generation zwischen 40 und 50 Jahren hat. Doch vor allem für Lindner ist Habeck inzwischen ein rotes Tuch.

Weil Habeck für vieles steht, was Lindner ablehnt und als „Verbote, Quoten und Planwirtschaft“ verteufelt – ausgerechnet damit aber extrem erfolgreich ist. Klimaschutz, Landwirtschaft, Wohnungspolitik, Frauenförderung – überall dort will Habeck starke staatliche Eingriffe – und trifft zu Lindners großem Ärger damit offenbar eher den Nerv als der Liberale mit seinen freiheitlichen Lösungen.

Christian Lindner hat die FDP vor dem Aus gerettet

Ohne Habeck wäre Lindners Glück perfekt: Der 40-Jährige ist in seiner Partei unangefochten. Mit knapp 87 Prozent wurde Lindner als FDP-Chef wiedergewählt. Auch er selbst kann sich mit allem Recht auf die Schulter klopfen: Er hat seine Partei nach dem Rauswurf aus dem Bundestag vor dem politischen Aus gerettet. Die Liberalen sitzen nicht nur wieder im Bundestag sondern erobern sich auch die Landtage zurück: Wie Lindner seine Partei neu positioniert.

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In den Umfragen liegen sie seit anderthalb Jahren im Bund stabil bei knapp zehn Prozent. Und das trotz Lindners Weigerung nach der Bundestagswahl in einem Jamaika Bündnis zu regieren. Und: Er hat die neue Bundestagsfraktion sicher durch die schwierige Anfangszeit geleitet, inzwischen arbeitet die Truppe sehr solide und professionell. Also alles gut bei den Liberalen? Sicher, wenn bloß die Grünen und ihr erfolgreicher Parteichef nicht wären.

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FDP in Umfragen nur halb so stark wie die Grünen

Habeck gehört zu den beliebtesten Politikern des Landes – im letzten Monat verdrängte er in einer Umfrage sogar die Kanzlerin von Platz eins. Lindner dagegen landete dort weiter hinten – und freute sich umso mehr, als ein anderes Umfrage-Institut ihn pünktlich zum Parteitag auf einmal auf Platz drei vor Habeck sah. Aber:

Die Grünen halten sich seit langem bei knapp 20 Prozent, Lindners Liberale kommen gerade mal auf die Hälfte. Der umweltbewegte Zeitgeist spielt den Grünen in die Hände – die FDP dagegen bedient vor allem die marktwirtschaftliche Stimmung ihrer Stammklientel.

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Über einen Bundeskanzler Lindner redet niemand

Die Grünen träumen längst von einer Zukunft als Volkspartei, die Liberalen richten sich trotzig in ihrer Nische ein. Die ersten können sich Habeck als Bundeskanzler vorstellen – über einen Bundeskanzler Lindner redet niemand. Das kann wehtun.

Die Grünen seien ja nur so stark, weil sie der SPD die Wähler abjagen würden, versucht sich Lindner die Sache schönzureden. Nun ja. Immerhin schaffen die Grünen sowas. Dass die FDP der Union massenweise Wähler abjagen würde, hat sich bislang noch nicht angedeutet.

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Auch im Osten stehen die Grünen deutlich stabiler

Hinzu kommt: Auch bei den kommenden Landtagswahlen droht die FDP deutlich hinter den Grünen zu landen. In den jüngsten Umfragen zu den Wahlen im Herbst in Brandenburg, Sachsen und Thüringen liegt die FDP bei fünf bis sechs Prozent. Die Grünen, die sich ebenfalls traditionell schwer tun im Osten, stehen in den Umfragen deutlich stabiler da.

Großen Trost verspricht auch die Europawahl nicht: Die FDP kommt in den Umfragen auf sieben Prozent, weniger als im Bund, die Grünen kamen zuletzt auf rund 18 Prozent.

Doch sicher ist auch: Spätestens, wenn die Zeit der Großen Koalition zu Ende ist – durch vorzeitigen Bruch oder spätestens 2021 – werden die Karten für beide Duellanten neu gemischt. Gut möglich, dass sie am Ende sogar nebeneinander als Minister am Kabinettstisch einer Jamaika-Koalition landen. (Julia Emmrich)