Meine Woche

In Berlin ist alles etwas teurer - aber niemanden stört’s

500.000 Euro für einen Radweg, 50.000 Euro für ein Parklet, in Berlin darf alles ein bisschen mehr kosten, meint Christine Richter.

Ein Radfahrer auf dem neuen Radweg an der Hasenheide

Ein Radfahrer auf dem neuen Radweg an der Hasenheide

Foto: Jörg Krauthöfer / Montage: BM

Berlin. Ist da was los auf den Straßen: Mit den herrlichen Frühlingstagen sind die Radfahrer zurück auf der Straße. Ich habe am Montag gestaunt, wie viele Menschen auf das Rad umgestiegen sind, wahrscheinlich glücklich über die Sonnenstrahlen nach dem kalten Wochenende. Junge und ältere Menschen, Eltern mit Kindern, Radsportler oder die anderen mit ihren E-Bikes – alle waren in den vergangenen Tagen in Berlin mit dem Rad unterwegs. Und sie haben wahrscheinlich genauso wie alle Auto-, Taxi- oder Busfahrer gemerkt, dass sich etwas ändern muss an der Verkehrslenkung in Berlin.

Beispielsweise an den Ampelschaltungen. An zahlreichen Kreuzungen – etwa am Alexanderplatz oder an der Leipziger Straße – müsste es dringend Vorrangschaltungen für Radfahrer geben. Denn wenn alle gemeinsam grünes Licht bekommen, kann kaum noch ein Autofahrer rechts abbiegen angesichts des Stroms von Radfahrern. Dann wird gehupt und geschimpft, alle sind genervt.

Der Senat kümmert sich vor allem um die neuen Radwege

Der rot-rot-grüne Senat kümmert sich in diesen Tagen vor allem um die neuen Radwege. Einige Wochen lang wurde in Kreuzberg an der Hasenheide ein neuer Fahrstreifen in grüner Farbe anlegt, zur Straße hin mit Pollern geschützt. Nach der Eröffnung am Dienstag durch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), die mit dem Rad kam, und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für die Grünen), die zu Fuß zum Pressetermin erschien und dann vor Ort aufs Rad umstieg, waren viele Radfahrer zufrieden mit dem neuen Weg. Denn auf diesen 500 Metern ist man wirklich gut geschützt vor den Autos. Wegen der Poller kann auch keiner den Radweg zuparken.

Dass die Autos auf der Hasenheide jetzt im Stau stehen – das ist die Folge, wenn man eine Stadt fahrradgerecht umbaut. Es wird nicht die einzige Straße sein, wo man als Autofahrer mehr steht als fährt. Oder anders: Die Hasenheide ist jetzt schon nicht die einzige Stau-Straße. In Mitte etwa gibt es auf den Ost-West-Verbindungen so viele Baustellen, dass man morgens, mittags, abends kaum durchkommt. Außer natürlich in den Osterferien.

Eine halbe Million für grüne Farbe und ein paar Poller?

Interessant – um heute mal kein anderes Wort zu strapazieren – finde ich, dass ein Radweg wie an der Hasenheide in Berlin 500.000 Euro kostet. Eine halbe Million Euro für grüne Farbe und ein paar Poller? Ähnlich ging es mir, als der Staatssekretär der Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt kürzlich zu einem Pressetermin lud, um die fünf neuen Abbiegeschilder für Radfahrer vorzustellen. Kleine Verkehrsschilder, die einen grünen Pfeil für Radfahrer zeigen. Bei Rot sollen sie an diesen Kreuzungen wie an der Ecke Schönhauser Allee und Torstraße rechts weiterfahren dürfen.

Mal abgesehen davon, dass ich bislang kaum einen Radfahrer erlebt habe, der sich an einer Kreuzung von rotem Ampellicht aufhalten ließ, wenn er rechts abbiegen wollte, staunte ich sehr über die Kosten für diesen Versuch: Fünf Schilder (kleine) plus Anbringen plus Auswertung des Versuchs kosten 35.000 Euro.

In Berlin sind alle diese Projekte teuer, aber es regt sich keiner darüber auf

In Berlin, das ist ein Phänomen dieser Stadt, sind alle diese Projekte zwar teuer und teurer, aber es regt sich keiner darüber auf. Auch die Parklets in Kreuzberg und Prenzlauer Berg – Kosten pro Parklet zwischen 40.000 und 50.000 Euro – werden meist klaglos hingenommen. Vor dem Sitzmöbel an der Schönhauser Allee Ecke Gneiststraße hat der Bezirk jetzt noch einen großen Warnhinweis auf den Fahrradweg malen lassen. Achtung, Fußgänger! Denn es könnte ja sein, dass ein Passant vom Bürgersteig über den Radweg ins Parklet hineinläuft. Könnte. Theoretisch. Bislang habe ich noch niemanden gesehen, der sich dort, an diese laute und viel befahrene Straße hingesetzt hätte. Auch nicht an diesen herrlichen Frühlingstagen.