Bremen-Wahl

Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder – Das Experiment der CDU

Der Politik-Neuling Carsten Meyer-Heder will Bürgermeister in der SPD-Hochburg Bremen werden. Sein Sieg hätte Auswirkungen in Berlin.

Der Blick schweift in die Ferne, seine berufliche Zukunft soll aber in Bremen liegen: Carsten Meyer-Heder am Lankenauer Höft.

Der Blick schweift in die Ferne, seine berufliche Zukunft soll aber in Bremen liegen: Carsten Meyer-Heder am Lankenauer Höft.

Foto: Björn Hake / imago

Berlin.  Als sich Carsten Meyer-Heder Anfang März im CDU-Bundesvorstand in Berlin offiziell vorstellte, schlug sein Herz deutlich kräftiger als sonst. „Ich bin kein typischer Politiker, deswegen bin ich vor solchen Auftritten nervös“, erzählt der 58 Jahre alte IT-Unternehmer vier Wochen später im Rückblick. „Aber es wird immer besser.“

Kam er an bei der CDU-Bundesspitze? Sehr gut, heißt es von Beteiligten. „Erfrischend anders“, so das Urteil.

„Carsten Meyer-Wer?“, titelt die Bremer CDU derzeit auf den ersten Wahlplakaten. Die Frage gilt nicht nur an der Weser, sondern auch für den Rest der Republik.

Wer ist der Unbekannte, der erst vor einem Jahr in die CDU eintrat und sich dann bis zum Spitzenkandidaten mauserte? Der Mann, der laut Umfragen durchaus Chancen hat, die seit 73 Jahren andauernde SPD-Dominanz in der Hansestadt zu durchbrechen und den Bremer Bürgermeister Carsten Sieling aus dem Amt zu treiben.

Meyer-Heders Nominierung ist für die CDU in Bremen jedenfalls ein neuer Weg. Der hünenhafte Zwei-Meter-Mann mit der markanten Glatze ist eine schillernde Figur, die die Wähler anders anspricht, als sie es bisher gewohnt waren. Die CDU wagt dieses Experiment, auch weil die Partei nichts zu verlieren hat – anders als bei der Bundestagswahl 1957, als der Slogan von Kanzler Konrad Adenauer „keine Experimente“ lautete.

„Ich bin kein klassischer CDU-Kandidat. Aber Bremer aus tiefster Seele. Ich habe keine Berührungsängste mit den Grünen, aber die Werte der CDU prägen mich“, betont Meyer-Heder im Gespräch mit unserer Redaktion.

Meyer-Heder will vor allem die Mentalität ändern

Warum will ein Unternehmer, reich an Erfolg und Geld, in die Landespolitik? „Ich glaube, dass sich in Bremen unbedingt etwas verändern muss. Alle meckern nur und keiner tut etwas“, begründet Meyer-Heder seinen Entschluss, für den er seine Internetagentur Team Neusta verlassen will.

Der Manager hat in der Tat keine klassische CDU-Vita. In seiner Jugend hing er nach eigenem Bekunden lange in der Luft, war zunächst Musiker, politisch links eingestellt. Nach einer schweren Krankheit entschied er sich eher zufällig für die IT-Branche. Doch durchaus erfolgreich: Er gründete eine Agentur, die heute mehr als 1000 Mitarbeiter zählt.

Er lebt in einer Patchworkfamilie, hat drei Kinder mit zwei Frauen, seine derzeitige Partnerin hat ebenfalls eine Tochter mit in die Partnerschaft gebracht. Eines seiner Kinder hat das Downsyndrom. Diese Erfahrung habe ihn konservativer gemacht, erzählt er. Ihn davon überzeugt, dass Leben unter allen Umständen schützenswert ist.

Was will er ändern? Konkrete Projekte kann er nicht benennen, da bleibt er vage. Details der Stadtpolitik sind noch kein vertrautes Terrain. Was er vor allem anpacken will, ist die Haltung. „Die Stadt hat viele Chancen, wir müssen es nur probieren.“ Bremen könnte Pilotstadt etwa im Bereich der Digitalisierung oder alternativer Verkehrskonzepte werden. Doch es gebe einen Stillstand in der Verwaltung. „Da werden Jobs nach Parteibuch vergeben, nicht nach Eignung. Das wird es mit uns nicht geben.“ Es ist ein hehres Versprechen.

Bremen ist das Bundesland mit dem höchsten Armutsrisiko

In Bremen und Bremerhaven gibt es in der Tat vieles anzupacken. Die Arbeitslosigkeit lag in Bremen 2018 bei 9,8 Prozent. Es ist der höchste Wert im Vergleich der Bundesländer. Somit ist auch das Armutsrisiko in dem Bundesland am höchsten: Ganze 23 Prozent der Bevölkerung sind laut Statistik von 2017 von Armut bedroht. In keinem anderen Bundesland leben mehr Menschen mit niedrigem Bildungsstand (Menschen ohne Berufsabschluss und ohne Fachhochschulreife) als in Bremen.

Meyer-Heder hat sich für seine Kandidatur einen Beraterkreis an Bord geholt. Neun Personen, jemand aus der Hafenwirtschaft, die Elternsprecherin einer Kita, einen Schulleiter. „Ich glaube ganz fest an Teamwork, das lebe ich auch im Unternehmen. Wenn ich etwas nicht kann, dann muss ich mir eben Leute holen, die es können.“ In seinem Unternehmen hat er den Übergang mit einem neuen Chef bereits eingeleitet.

Die Bürgerschaftswahl im kleinsten Bundesland findet wie die Europawahl am 26. Mai statt – und hat große bundespolitische Bedeutung, gerade für die CDU. Es sind die ersten beiden Wahlen unter der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Wird die Nachfolgerin von Angela Merkel Erfolge verkünden können oder fährt die CDU trotz aller Neuaufstellung Verluste ein?

Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD

Noch grundsätzlichere Bedeutung hat die Wahl an der Weser für die SPD. „Das Ding müssen wir nach Hause fahren“, sagt ein führender Genosse. Ein Verlust der roten Hochburg könnte eine eruptive Wirkung haben, auch für die schwarz-rote Koalition im Bund.

In Regierungskreisen wird mehr oder weniger direkt auf Bremen verwiesen, wenn es um den Fortbestand der GroKo geht. Verliert die SPD bei einer Niederlage die Nerven und setzt auf die Erneuerung in der Opposition? Die Frage schwelt über vielen Entscheidungen, die zurzeit in Berlin getroffen werden. Beantworten will sie keiner.

Vor fünf Jahren kam die SPD in Bremen auf 32,8 Prozent, das war damals schon das schlechteste Landesergebnis der Nachkriegszeit. Selbst ein Ergebnis von 30 oder 28 Prozent wird derzeit als illusorisch angesehen. In der letzten Bremer Umfrage des „Weser Kurier“ am 8. Februar lieferte sich die Partei ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU. 24 Prozent wurden dabei für die SPD gemessen – 25 für die CDU.

Meyer-Eder: „Ich bin nicht aalglatt“

Doch auf die Umfragen gibt der Kandidat nicht viel, er will sich davon nicht beeinflussen lassen. Der Politikneuling konzentriert sich derzeit auf den Wahlkampf, Termine bei der Handelskammer, in Schulen, bei Bürgerversammlungen. Kleine Formate liegen ihm, erzählt er, beim Bürgerdialog kann er punkten. „Ich bin nicht aalglatt. Ich rede anders, habe eine andere Gestik und bin auch nicht der Klassenfeind.“ Vor großen Auftritten hat er nach wie vor Respekt.

Die Bundes-CDU schickt Unterstützung, AKK, Jens Spahn, Paul Ziemiak kommen nach Bremen. Und wenn es doch nicht reicht? „Ich sehe mich auch bei einem schlechten Prozentergebnis in der Verantwortung.“ Bei einem zu schlechten Resultat würde er aus Scham wegziehen, scherzt Meyer-Heder.

Am vergangenen Donnerstag verabschiedete der CDU-Landesparteitag das Wahlprogramm. Meyer-Heders Vorstoß, eine starre und unflexible Tilgung der Bremer Altschulden habe keine absolute Priorität, folgte die Partei – eine Abkehr von der bisherigen Linie.

Selbstzweifel? Der Unternehmer Meyer-Heder verbirgt sie nicht, „das ist doch auch nur menschlich“. So habe er die Fülle an Terminen unterschätzt, die seinen Kalender täglich füllen. Vielleicht sei er manchmal auch noch sehr blauäugig. „Aber meine Botschaft ist: Versucht es einfach mal anders. Versucht es mit einem Typen, der authentisch ist.“ Zumindest das ist er wirklich. (Kerstin Münstermann)