Kolumne

Schmutzige Hemden

Günter Bannas erinnert er an den folgenreichen, dreifachen Rücktritt Oskar Lafontaines 1999.

Titelseiten britischer Zeitungen nach Oskar Lafontaines Rücktritt.

Titelseiten britischer Zeitungen nach Oskar Lafontaines Rücktritt.

Foto: picture-alliance / dpa

Vor zwanzig Jahren war der 11. März ein Donnerstag. Trotz einiger Aufregungen in der noch frischen rot-grünen Koalition in Bonn hätte es ein ruhiger Tag werden können. Der Bundestag tagte nicht – es war eine „sitzungsfreie Woche“. Joschka Fischer, Chef der Grünen, Vizekanzler und Außenminister, hatte Zeit zum Joggen am Rhein. Bloß eine Schlagzeile der Bild-Zeitung gab es, Bundeskanzler Schröder habe am Vortag in der Sitzung des Bundeskabinetts gebrüllt und gar mit Rücktritt gedroht, was vor allem dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin gegolten habe. Schröder wollte am Abend bei einer Buchvorstellung dabei sein. Das Werk Anthony Giddens, eines Vertrauten des britischen Premiers Tony Blair, hieß „Der dritte Weg“ und befasste sich mit einem Umbau des Sozialstaates auf sozialdemokratische Weise. Blair wiederum war ein politischer Gesinnungsfreund Schröders. Die Veranstaltung sollte in der niedersächsischen Landesvertretung stattfinden, was nahe lag, weil Schröder bis vor kurzem noch Ministerpräsident dieses Landes gewesen war. Es wurde nichts draus. Es wurde SPD-Parteigeschichte geschrieben.

Oskar Lafontaine - SPD-Vorsitzender, Finanzminister und Bundestagsabgeordneter – hinterließ drei Briefe. An Schröder, an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und an die SPD-Parteizentrale. Als am frühen Donnerstagabend die politischen Bomben in Bonn platzten, war Lafontaine schon im heimatlichen Saarbrücken. Er ließ die Rollläden herunter und war für niemanden zu erreichen. Keinen hatte Lafontaine zuvor eingeweiht, dass er die drei Ämter niederlegte. Schröder nicht, Thierse nicht, angeblich nicht einmal seine Frau und auch nicht Vertreter des linken SPD-Flügels, mit denen er beim Wein am Vorabend noch Zukunftspläne besprochen hatte. Seine Freunde glaubten deshalb an eine Kurzschlussreaktion Lafontaines, weil er sich über Schröder und die Indiskretion in der Bild-Zeitung geärgert habe.

Hans-Jochen Vogel, früherer SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzender, warf Lafontaine vor, seine Pflichten weggeworfen zu haben wie ein „schmutziges Hemd“. Mit Schröder könne er nicht zusammenarbeiten, lautete der Kern von Lafontaines nachträglicher Begründung. Die Gewerkschaften waren entsetzt, die Parteilinke enthauptet. Lafontaine hatte sie bis dahin auf Regierungskurs gehalten. Bis heute hat die SPD an den Folgen jenes 11. März 1999 zu tragen.