Debatte

Im Namen der Freiheit

Der Vorwurf des Antiamerikanismus ist ein unpolitischer Kampfbegriff, er dient dazu, Debatten zu verhindern.

US-Flaggen

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Foto: Jae C. Hong / dpa

Der Tatbestand des Antiamerikanismus ist laut Andrei S. Markovits erfüllt, wenn „Antipathie gegenüber dem, was Amerika tut, und dem, was Amerika ist,“ ausgedrückt wird. In einem Buch beklagte er 2004 sogar „Hass auf Amerika“. Derzeit könnte Markovits sein Buch über „Antiamerikanismus und Antisemitismus in Deutschland“ recyceln und erneut Antipathie gegenüber Amerika konstatieren – wenn denn der angebliche Hass Antiamerikanismus wäre.

Man kann dem Politologen Herfried Münkler folgen, der etwas lakonisch meinte, Imperien zögen immer schon beides auf sich: Bewunderung und Feindschaft. Aber auch das ist zu einfach.

Wenn ein Imperium Gegnerschaft auf sich zieht, und zwar aus aller Welt, könnte es dann auch sein, dass es dafür rationale Gründe gibt? Sollten wir unter Partnern dann nicht wenigstens versuchen, über die Vorwürfe zu sprechen?

Heute halten drei Viertel der Deutschen das deutsch-amerikanische Verhältnis für schlecht oder gar sehr schlecht. Aber hassen sie ein ganzes Land samt seinen Menschen? Oder beziehen sich derartige Antworten nicht vielmehr aufs Politische, genauer: auf politische Akteure und deren Entscheidungen? Es ist ja nicht Amerika, das etwas tut, sondern es sind Personen, Politiker und die Bosse mächtiger global agierender Unternehmen, die Kritik auf sich ziehen.

Was Amerika angeht, das Land: Generationen von Deutschen gefallen die USA samt ihrer Kultur offenbar so sehr, dass sie in Massen dorthin pilgern. Die große Mehrheit der Deutschen, auch der jungen Deutschen, mögen den *American Way of Life*. Ihre Sprache ist durchsetzt mit englischen Wörtern. Eine wachsende Zahl von Elftklässlern verbringt ein Jahr als Gastschüler in den USA und kehrt bereichert zurück. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hört begeistert amerikanische Popmusik und schaut US-Filme und Serien auf Netflix, sogar solche, in denen Deutsche noch immer bevorzugt die Schurken (häufig Nazis) spielen. Sie saugen die Erzeugnisse der US-Kulturindustrie ebenso auf wie die Produkte der US-Wirtschaft.

Und doch: Das Vertrauen zum großen Partner USA ist so schwach wie lange nicht, und zwar wegen sachlicher Differenzen. Was manche amerikanische Politiker derzeit tun, missfällt vielen Deutschen. Und sie wagen es, das auszudrücken. Warum auch nicht? Wenn eines zur Freiheit des Einzelnen, zum Streben nach Glück und dem richtigen Leben, zur Demokratie gehört, dann die Freiheit der Rede. Wer glaubt, der Fortschritt bewege sich in die falsche Richtung, für den ist Widerspruch demokratische Pflicht. Das gilt für die USA genauso wie für Europa.

Es gab Höhepunkte und Tiefpunkte im deutsch-amerikanischen Miteinander. Als John F. Kennedy im Juni 1963 in Berlin sprach, jubelten ihm 500 000 Menschen zu. Als die Twin Towers in New York zusammenstürzten, sprach ein SPD-Politiker für Millionen Deutsche: „Heute sind wir alle Amerikaner.“ Und Barack Obama, noch nicht einmal Präsident, huldigten 2007 mehr als 200 000 Menschen im Berliner Tiergarten.

Bei jedem Tief jedoch wird der Ruf „Antiamerikanismus“ lauter – auch aus der Gemeinde der deutschen Transatlantiker. Wer aber den Krieg im Irak kritisierte und seinen Abscheu über die Exzesse einiger Soldatinnen und Soldaten ausdrückte, tat das nicht aus „Hass auf Amerika“ und auch nicht aus Frustration, weil Deutschland „gleich zweimal in einem Jahrhundert besiegt“ worden ist, wie Markovits in seinem Buch meinte; auch will niemand die Verbrechen der Nazis „hinter einem monströsen Amerikabild verschwinden lassen“, und schon gar nicht gab und gibt es eine „Gleichschaltung der öffentlichen Meinung“. Wer darauf hinwies, dass vor dem Irakkrieg „gelogen und betrogen“ wurde und nun das Ergebnis vorliege – in Gestalt von radikalislamistischen Terroristen –, der hatte schlicht recht.

Ist, weiter, Antiamerikanist, wer die Aufkündigung des Iranabkommens und des INF-Vertrags kritisiert und sich beschwert, wenn ein Botschafter deutschen Unternehmen, die Geschäfte im Iran oder in Russland machen, Sanktionen androht? Ist Antiamerikanist, wer das amerikanische Wirtschaftssystem als zu marktgläubig ablehnt und darauf hinweist, dass es US-Banken waren, welche die Ursache für die Turbulenzen auf den Märkten schufen? War es Antiamerikanismus, der dazu führte, dass die Mehrheit der Deutschen das Freihandelsabkommen mit den USA während der Präsidentschaft Obamas ablehnte, wie marktaffine Journalisten, Politiker und Lobbyisten es nannten? Vielmehr fürchteten sich viele Deutsche mit Millionen Menschen anderer Herkunft vor dem Sinken von Lohn- und Sozialniveaus, Produktions- und Umweltstandards, dem Verlust von in langem Kämpfen durchgesetzten Verbraucherschutz- und Arbeitnehmerrechten.

Der Begriff Antiamerikanismus ist ein polemischer, ein Debattentöter. Ein grundsätzlicher kollektiver Antiamerikanismus würde sich nicht in unregelmäßigen Wellenbewegungen zeigen. Vielmehr ist es so, dass schlechte Umfrageergebnisse Folge von Empörung über bestimmte Ereignisse sind: Agent Orange in Vietnam und die Lügen im UN-Sicherheitsrat vor Eröffnung des Irakkriegs, Abu Ghraib und abgehörte Kanzlerinnentelefone. Ist der Zorn verraucht, steigen die Zustimmungsergebnisse wieder.

Auch heute gibt es Ursachen dafür, dass „das Imperium“ Kritik auf sich zieht. Darf man sagen, dass die Politik der US-Führung in vielen Ländern der Welt „ausgesprochen negativ, oft ausbeutend, und teilweise brutal und mörderisch war“? Ja, Markovits darf. Michael Moore darf, Noam Chomsky auch. Aber wenn Europäer sich auf sie berufen, dann werden diese Amerikaner angeblich „instrumentalisiert” und dienen als „eine Rechtfertigung dafür, dem Antiamerikanismus freien Lauf zu lassen“ (Markovits). Mit anderen Worten: Schweigt, Europäer, wenn es um Amerika geht!

Aber wie sollten sie das tun? Die USA beziehungsweise deren Vertreter bestimmen die Weltpolitik und die Weltwirtschaft maßgeblich – natürlich auch nach den eigenen Interessen. Die decken sich in manchen Fragen nicht mit europäischen. Was vorliegt, ist ein Wettbewerb um die Zukunft unserer Gesellschaft(en). Das sind grundlegende Fragen von Bedeutung für jeden einzelnen Menschen – und die Masse aller Menschen dieser Erde. Es geht um die Frage, welche Welt wir wollen, wer welchen Anteil der Erträge der gemeinsamen Arbeit erhält. Wenn die Befürworter von Wirtschaftsliberalismus, Privatisierung und Deregulierung ihre Kritiker des Antiamerikanismus zeihen, ist das der Versuch, ihnen einen Maulkorb zu verpassen. Liberal ist das nicht.

Peter Köpf ist Chefredakteur der englischsprachigen Zeitung The German Times.