Hauptstadtbrief

Mäzen und Menschenfreund: Christian Dräger

Ein würdiger James Simon-Preisträger 2019.

Der James Simon-Preisträger 2019 Christian Dräger (rechts) mit seiner Frau Gertrud anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit; links Sohn Stefan.

Der James Simon-Preisträger 2019 Christian Dräger (rechts) mit seiner Frau Gertrud anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit; links Sohn Stefan.

Wenn der Lübecker Unternehmer Christian Dräger auf sein Leben und Wirken zurückblickt, dann muss es ihm wie eine große Wanderung durch bewegte Zeiten und Weltläufe vorkommen. Der 1934 in Berlin geborene Lübecker Unternehmer hat dabei tiefe Spuren hinterlassen: ein erfolgreiches Unternehmen, das weltweit 10 000 Menschen beschäftigt, eine hochkarätige Sammlung von Zeichnungen und Handschriften des 19. Jahrhunderts, die er längst zu großen Teilen in die öffentlichen Sammlungen und Stiftungen seiner Lebensstadt Lübeck übereignet hat, und eine beeindruckende wie allseits respektierte Menschenfreundlichkeit, die sich fast unzeitgemäß abhebt von der modischen Aufmerksamkeitswährung unserer Tage. Ein Vorbild und Ehrenmensch.

Wer sich die Mühe macht, die Erinnerungen und Selbstzeugnisse über Kindheit, Lehre, Studium und Eintritt in die Führung des Familienunternehmens zu verfolgen, der trifft einen Menschen, der sich freimütig dazu bekennt, nicht von Beginn an zielstrebig, sondern auf Umwegen die Spitze des im 19. Jahrhundert vom Urgroßvater gegründeten Drägerwerk erklommen zu haben. Ein Wanderer auch in der Freizeit, den diese Leidenschaft mit seiner Frau Gertrud zeitlebens durch Deutschland und europäische Nachbarländer geführt hat. Selbst große Metropolen auf überseeischen Märkten, in denen sein Unternehmen tätig ist, wurden von ihm stets zu Fuß erobert.

Seine Kindheit, das merkt er heute noch überrascht an, hat er trotz Krieg und Ausbombung in Berlin als glücklich erlebt. Geprägt haben ihn dennoch die Jahre des Mangels: Noch heute kann er kein Brot wegwerfen. Dass die Anforderungen an ihn besondere waren, spürte er, als er zu Beginn seiner Oberschulzeit eine Klasse wiederholen musste. Das ging nicht, „ein Dräger der sitzenbleibt!“ Sein Vater, der sein Talent als Bastler schon früh erkannte, schickte ihn in eine Feinmechanik-Lehre nach Schwenningen, wo er seiner Leidenschaft nachgehen konnte und zugleich Disziplin entwickelte, die ihm auch wieder die Lust am Lernen nahebrachte. Abitur am örtlichen Gymnasium mit einem Klassenlehrer namens Erhard Eppler und ein sich anschließendes Studium der Betriebswirtschaftslehre in München und Wien, das er 1961 als Diplomkaufmann abschloss. Unmittelbar danach Eintritt ins Unternehmen, 1962 Heirat seiner geliebten Frau Gertrud und 1964 Promotion zum Dr. oec. publ. – sein Motiv: „Mein Vater war Doktor, also wollte ich als sein Nachfolger nicht weniger sein.“ Akademische Karriere aus Pflichtgefühl – ein norddeutscher Preuße mit schwäbischen Leidenschaften.

Doch nicht nur diese Mischung seiner Lehr- und Wanderjahre half ihm im Unternehmen, sondern auch seine Nähe zu den arbeitenden Menschen im Unternehmen wie zur Einführung neuer Führungsmethoden. Was inzwischen unter „Management by Walking around“ oder „Wilderness Experience“ firmiert, hat Christian Dräger schon sehr früh erfolgreich erprobt. Dass er als Vorstandsvorsitzender eine Fülle unangenehmer Entscheidungen, ob personell oder organisatorisch, treffen musste, verhehlt er nicht. Sein Credo dabei gilt bis heute: Das Unternehmen muss blühen und gedeihen – und es darf sich nicht zum Schlechten verändern. Dieses Leitmotiv gilt bis heute und war auch ausschlaggebend dafür, schon früh die Mitarbeiterbeteiligung am Gewinn des Unternehmens einzuführen, um die Identifikation der Beschäftigten mit ihrem Unternehmen zu erhöhen.

Dass Christian Dräger daneben seinen kulturellen Interessen und Leidenschaften zeitlebens freien Lauf ließ, lag an seinem Onkel, der Leiter des Hamburger Kupferstichkabinetts war. Seit beinahe 60 Jahren sammelt Dräger Handzeichnungen der Goethezeit und der Romantik, Biedermeiertassen, und fördert zahllose Kultureinrichtungen seiner näheren Lübecker Heimat durch Schenkungen, Förderungen und Dauerleihgaben. Dafür sind ihm in den letzten Jahren schon vielfacher Dank und einige hohe Ehrungen zuteilgeworden. Dass er nun den James-Simon-Preis 2019 aus den Händen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier erhält, überrascht niemanden, der sich einen würdigen Preisträger für diese hohe Auszeichnung gewünscht hat. Ich habe das Glück, Christian Dräger seit vielen Jahren zu kennen, und verneige mich in tiefem Respekt vor diesem einzigartigen und bescheidenen Menschenfreund und Mäzen.