Online-Lexikon

Warum Wikipedia Donnerstag das erste Mal abgeschaltet war

Die deutsche Wikipedia war Donnerstag nicht erreichbar. Die Autoren protestierten damit gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform.

Diese Seite zeigt Wikipedia an, um gegen die geplante Reform des EU-Urheberrechts zu protestieren.

Diese Seite zeigt Wikipedia an, um gegen die geplante Reform des EU-Urheberrechts zu protestieren.

Foto: Screenshot FMG / Screenshot Wikipedia

Berlin. Für viele ist Wikipedia die erste Anlaufstelle bei Recherchen – vom Ersten Weltkrieg bis zur letzten Single von Britney Spears findet sich zu eigentlich jedem Thema etwas im Online-Lexikon. Nicht allerdings am Donnerstag, 21. März. Die Seite war nicht in ihrer gewohnten Form nutzbar – aus Protest.

Der Hintergrund: Am 23. März findet ein europaweiter Protesttag gegen Uploadfilter und Leistungsschutzrecht statt. Die Europäische Union plant eine Reform des Urheberrechts, die vielen Künstlern und Kreativen Sorgen bereitet.

Bei dem Ärger über die geplante Richtlinie geht es um den dort aufgeführten Artikel 13. Danach sollen Plattformen wie Youtube Sorge dafür tragen, dass urheberrechtlich geschützte Werke nur noch auf ihren Seiten auftauchen, wenn die Urheber dafür entlohnt werden, zum Beispiel über eine Lizenzvereinbarung.

Wikipedia protestiert gegen Leistungsschutzrecht: Schwarze Protestnote statt Artikeln

Statt Millionen Wissensartikeln war lediglich eine schwarze Protestnote des Internetlexikons zu lesen. „Liebe Besucherin, lieber Besucher, warum können Sie Wikipedia nicht wie gewohnt benutzen? Die Autorinnen und Autoren der Wikipedia haben sich entschieden, Wikipedia heute aus Protest gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsreform abzuschalten“, heißt es auf der Seite.

Hintergrund: EU-Richtlinie zum Urheberrecht: Darum geht es im Streit

Wikipedia-Administrator Thomas Planinger kündigte die Entscheidung der Autoren der Seite auf Twitter an. An anderer Stelle schreibt Planinger, dass bislang keine Protestaktionen meisten anderssprachiger Wikipedia-Ausgaben geplant seien. Die englische Version des Online-Lexikons wird also zum Beispiel erreichbar sein. Die dänische und die tschechische Wikipedia-Ausgaben zeigten jedoch die gleiche Botschaft wie die deutsche - und waren Donnerstag auch nicht erreichbar.

Wikipedia-App am Donnerstag nicht betroffen

Neben den internationalen Seiten scheint auch die Wikipedia-App nicht von dem Protest betroffen zu sein. Ein stichprobenartiger Test unserer Redaktion zeigte am Morgen, dass die deutschsprachige Android-App einwandfrei funktioniert.

„Die Piratenpartei begrüßt daher die Entscheidung der deutschen Wikipedia und fordert andere Plattformen auf, sich dem Protest anzuschließen“, heißt es in der Mitteilung der Piratenpartei. „Um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, ist die Entscheidung der Wikipedia vollkommen nachvollziehbar. Die Befürworter der aktuellen Urheberrechtsreform müssen in aller Deutlichkeit auf die Konsequenzen ihres Tuns hingewiesen werden.“

Zwar seien Enzyklopädien noch nicht betroffen von den Richtlinien, aber „auch die Wikipedianer haben festgestellt, dass die Copyright Directive das Internet, wie wir es kennen, massiv beschränken und verändern wird“.

Zwei Drittel der Autoren stimmten für Protestaktion

In einer Online-Abstimmung sprachen sich 146 der 215 teilnehmenden stimmberechtigten deutschsprachigen Wikipedia-Autoren für einen Protest gegen die Reform aus.

Gegner der geplanten Aktion sehen insbesondere die Neutralität der Enzyklopädie gefährdet, sobald sie sich politisch engagiert. So schreibt zum Beispiel der Nutzer Erfurter63: „Der Anspruch der Wikipedia, eine neutral formulierte Enzyklopädie sein zu wollen, ist damit irreparabel aufgegeben worden (P.S. Ich persönlich bin gegen „Artikel 13“).“ Die Neutralität ist eines von vier festgeschriebenen Grundprinzipien des Lexikons.

Befürworter wie der Nutzer Mangomix argumentieren, dass der Hinweis auf einen neutralen Standpunkt in diesem Fall nicht gelte: „Die Richtlinie wird sich auch auf die Verwendung von Quellen und die Nachnutzung unserer Inhalte auswirken. Meiner Meinung nach ist es ein vermurkster, undurchschaubarer Entwurf, der zu erheblicher Rechtsunsicherheit führen wird. Damit umzugehen werden sich nur Konzerne mit großen Rechtsabteilungen leisten können.“ (ses/mein)