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Wer kommt, wenn AfD-Chef Alexander Gauland geht?

In der AfD positionieren sich Vertreter unterschiedlicher Flügel für eine Zeit nach dem Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland.

Die beiden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und Alice Weidel.

Die beiden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und Alice Weidel.

Foto: Florian Gaertner/photothek.net / imago/photothek

Berlin. Spätestens an einem Sonnabend im Dezember 2017 hörten Krawatten mit Hundemuster auf, politisch neutrale Kleidungsstücke zu sein. Zu eng sind sie in den Köpfen der allermeisten seitdem verknüpft mit Alexander Gauland, der an diesem Tag neben seinem Amt als AfD-Fraktionsvorsitzender auch noch Chef der Bundespartei wurde. Kein anderer ist so sehr Gesicht der Partei, kein anderer vereint in der AfD so viel Macht auf sich. Noch. Denn die AfD steht vor der Aufgabe, sich zu überlegen, wer Gauland nachfolgen könnte.

Vor einigen Tagen gab der 78-Jährige ein Interview, in dem er mit dem Gedanken spielte, sich in zwei Jahren aus der Politik zurückzuziehen – oder vielleicht auch schon früher. Im Herbst stehen bei der AfD Neuwahlen der Partei- und der Fraktionsspitze an. Ob er die Kraft habe, für beide Ämter erneut anzutreten, werde man erst im Sommer wissen, sagte er.

Hört man sich in der Partei um, wer ihm nachfolgen könnte, fallen vor allem zwei Namen. Der eine davon: Andreas Kalbitz. Der 46-Jährige war schon in Brandenburg der Kronprinz, folgte Gauland an die Spitze des Landesverbands und der Potsdamer Landtagsfraktion nach, als der in den Bundestag ging. Kalbitz ist ein Mann des völkisch-nationalen „Flügels“, eng befreundet mit Björn Höcke.

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Was ihn von dem Thüringer trennt, sind weniger die Inhalte und mehr der Kommunikationsstil. Kalbitz ist vorsichtig, Eklats wie der um die Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals als „Denkmal der Schande“ sind von ihm nicht bekannt. Weniger radikal ist er deshalb nicht. Kalbitz, der seinen Weg nach eigenen Angaben bei der Jungen Union begann, war Mitglied der Republikaner, besuchte ein Camp der seit 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“.

Kalbitz distanziert sich von diesen Mitgliedschaften nicht. Das seien politische Erfahrungen, die er gemacht habe, und Teil seiner Entwicklung. Kalbitz, der auch Teil der Parteispitze ist, gilt als ehrgeizig und gut vernetzt. Doch ob der Teil der Partei, der sich als gemäßigter versteht, ihn als Chef der gesamten AfD akzeptieren würde, ist unklar.

In der Fraktion stellt sich die Frage doppelt

Die selbst ernannten Gemäßigten sind das Lager, in dem der Berliner Parteichef Georg Pazderski seine Anhänger hat. Seiner ist der zweite Name, der bei Gesprächen über die Zukunft der Partei immer wieder fällt. Pazderski hatte schon einmal Anlauf genommen für den Chefposten: 2017 scheiterte er am Veto des „Flügels“, konnte sich in der Stichwahl nicht durchsetzen gegen dessen Kandidatin, die damals völlig unbekannte Doris von Sayn-Wittgenstein.

Um das Patt aufzulösen, musste schließlich Gauland ran, der einzige, auf den sich beide Teile der Partei einigen konnten. Die Episode zeigt: Wer demnächst an die Spitze von Fraktion und Partei rückt, hat einen Balanceakt zu vollbringen. Unter dem Eindruck des Verfassungsschutzgutachtens zu extremistischen Tendenzen in der Partei und der Einstufung von „Flügel“ und „Junge Alternative“ als Verdachtsfälle bemühte sich die Partei zwar zuletzt um Ruhe. Doch wie brüchig der Frieden ist, zeigte gerade erst ein Landesparteitag, auf dem Co-Parteichef Jörg Meuthen für Attacken auf Rechtsradikale ausgebuht wurde.

In der Fraktion stellt sich die Frage nach der zukünftigen Führung gleich doppelt. Denn die Besetzung des zweiten Spitzenpostens ist keinesfalls gesichert. Gaulands Co-Chefin Alice Weidel steht unter Druck, seit öffentlich wurde, dass ihr Kreisverband möglicherweise illegale Spenden in sechsstelliger Höhe angenommen hat – der Partei vermacht explizit mit den Hinweis, dass das Geld für Weidels Wahlkampf zu verwenden sei.

Fraktionssprecher will nicht über Nachfolger spekulieren

Die Staatsanwaltschaft Konstanz ermittelt wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Parteiengesetz. Auch die Bundestagsverwaltung prüft den Vorgang, der Fraktion drohen deswegen empfindliche Geldbußen. Und Weidel hat fast allen Kredit, den sie bei den Abgeordneten einmal hatte, verbraucht. „Sie ist umstritten, auch, weil sie immer noch für das Ausschlussverfahren gegen Höcke steht“, heißt es aus dem Umfeld der Fraktionsspitze. Dass Weidel Gauland politisch überleben werde, sei deshalb unwahrscheinlich.

„Wer auch immer die Fraktion in Zukunft führen will, muss mit allen Teilen der Partei reden können“, sagt einer, der der Fraktionsführung nahesteht, „das ist das Hauptkriterium.“ Eine Person, die das könne, sei Mariana Harder-Kühnel. Die 44-jährige Hessin war relativ unbekannt, bis die Fraktion sie als neue Kandidatin für den Posten des Bundestagsvizepräsidenten aufstellte.

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Jung, weiblich und ohne bekannte Verbindungen in rechtsextreme Kreise: Nicht zufällig erfüllt Harder-Kühnel einige derselben Kriterien wie Weidel. Auch wenn die AfD jeden Gedanken an eine Quotenregelung weit von sich weist, weiß sie doch um die Macht einer Doppelspitze, die verschiedene Gruppen anspricht.

Fraktionssprecher Christian Lüth sieht derzeit allerdings keinen Anlass, überhaupt über mögliche Nachfolger zu spekulieren: „Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass Herr Gauland die Fraktion nicht die gesamte Legislaturperiode über führt“, erklärte Lüth.

Auch Alice Weidel hat offenbar keine Pläne, ihren Platz zu räumen. „Frau Weidel will auf jeden Fall wieder für die die Fraktionsführung kandidieren“, sagte ihr Sprecher unserer Redaktion, „am liebsten auch wieder als Doppelspitze mit Herrn Gauland.“ Gauland wollte sich auf die Bewerbung als Team unterdessen noch nicht festlegen.