Anhörung

Cohen versus Trump: Ein Fernduell historischen Ausmaßes

Michael Cohen, Ex-Anwalt von Donald Trump, fand vor dem Kongress scharfe Worte für den US-Präsidenten. Eine Liste der Anschuldigungen.

Der frühere Anwalt von US-Präsident Donald Trump, Michael Cohen, sagte vor dem Kongress aus.

Der frühere Anwalt von US-Präsident Donald Trump, Michael Cohen, sagte vor dem Kongress aus.

Foto: JONATHAN ERNST / Reuters

Washington.  Es war ein Fernduell historischen Ausmaßes. Während Amerikas Präsident Donald Trump in Vietnam den Versuch unternahm, auf dem Verhandlungsweg mit Diktator Kim Jong-un das nordkoreanische Atomwaffen-Arsenal zu entschärfen, schoss sein langjähriger Privat-Anwalt und „Ausputzer“ Michael Cohen in Washington mit schärfster Munition auf seinen einstigen Herrn und Meister.

In öffentlicher und live im Fernsehen übertragener Anhörung vor dem Kongress-Komitee für Regierungskontrolle bezeichnete der 52-Jährige Trump gestern als „Betrüger, Hochstapler und Rassisten“. Als zynischen Egomanen, der „Amerika niemals geliebt oder gewollt hat, es besser zu machen“. Als einen Mann, der „nur sich selbst vermarkten und seinen Reichtum vergrößern wollte.

Republikaner attackieren Cohen scharf

In der teilweise von offener Verachtung für Cohen geprägten Vernehmung verlegten sich fast alle republikanischen Abgeordneten, einige darunter in rhetorischem Kampfhund-Stil, darauf, die Glaubwürdigkeit Cohens zu zerstören. Sie bezeichneten ihn wie einen Mafia-Handlanger als pathologischen Lügner, der sich selbst bereichert habe und nun dafür rächen wolle, dass Trump ihm keinen Job im Weißen Haus verschafft habe.

Auffällig: Niemand aus der Partei, die den Präsidenten trägt, unternahm den Versuch, Trump in der Sache zu verteidigen. Nicht, als es um die von Cohen auf Anweisung von Trump gefingerten Schweigegeldzahlungen an Porno-Star Stormy Daniels ging, mit der Trump eine Sex-Affäre gehabt haben soll. Nicht, als Trumps Plan zur Sprache kam, mit Hilfe der russischen Regierung ein milliardenschweres Nobel-Hotel in Moskau zu bauen.

Cohen war den Tränen nahe

Das Weiße Haus warf Cohen dreiste Lügenmärchen vor. Trump-Sohn Eric sprach von einer „Clown-Show“, während sein Vater Weltpolitik mache. Jim Jordan, republikanischer Sprecher im Ausschuss, deutete an, dass die Demokraten einen „Lügner zum Star-Zeugen“ aufbauen wollten, um das Fundament für ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten einzuleiten.

Teilweise den Tränen nahe und mit mehrfach stockender Stimme, gestand Cohen seine Verfehlungen gestern wortreich ein, entschuldigte sich mehrfach bei den Abgeordneten, seiner Familie und dem amerikanischen Volk. Ein scharfer Kontrast zu dem Mann, der Journalisten und politische Widersacher früher am Telefon bedrohte und sich rühmte, seine Loyalität zu Donald Trump gehe so weit, dass er „sich eine Kugel für ihn einfangen würde“.


Bei einer ersten Anhörung im vergangenen Jahr sei er gekommen, um Trump „zu beschützen“, sagt Cohen kleinlaut. Darum die Lügen. „Heute bin ich gekommen, um die Wahrheit zu sagen.“ Er schäme sich „für meine Schwäche und meine fehlgeleitete Loyalität“, sagte Cohen und beschrieb sich als jemand, der lange Trumps Aura erlegen gewesen sei. „In seiner Nähe hattest du das Gefühl, du veränderst die Welt.“

Cohen muss ab Mai ins Gefängnis

Die Versuche der Republikaner, Cohen als unbrauchbaren Lügner zu brandmarken, liefen sich in den ersten fünf Stunden der Vernehmung, die bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe andauerte, zusehends tot. Zumal Cohen sich immer wieder bereitwillig zu seiner schweren Schuld bekannte und betonte, dafür im Gefängnis die Verantwortung zu übernehmen.

Hintergrund: Ende vergangenen Jahres wurde Cohen in New York wegen Betrugs, Meineids und illegaler Wahlbeeinflussung verurteilt.

Cohen geht dafür ab Mai für drei Jahre ins Gefängnis. Das Weiße Haus bewertet seine Beichte als Lügenmärchen, um Strafmilderung zu bekommen. Wer dem Mann glaube, so Trumps Privat-Anwalt Rudy Giuliani, sei „verrückt“.

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Vor dem Komitee für Regierungskontrolle beschrieb sich Cohen als jemand, der lange Trumps Aura erlegen gewesen sei. „In seiner Nähe hattest du das Gefühl, du veränderst die Welt“, sagte Cohen und nannte Trump ein „Mysterium“ mit zwei Gesichtern. „Er konnte sich großzügig und nett verhalten, aber er ist nicht großzügig und nett.“

Laut Cohen wollte Trump nicht nach Vietnam

So habe Trump 2008 die Gehälter seiner Angestellten, auch das von Cohen, halbiert und gleichzeitig vom Fiskus eine Steuerrückzahlung von zehn Millionen Dollar erhalten. Cohen: „Er sagte, er kann nicht glauben, wie dumm die Regierung war, jemandem wie ihm so viel Geld zu erstatten.“

So ging beinahe unter, dass der kürzlich seiner Anwaltslizenz verlustig gegangene Jurist, Trump als Zyniker darstellte. So habe Trump, der sich regelmäßig als Militär-Fan und Mega-Patriot inszeniert, ihm gegenüber eingestanden, dass er sich mittels Attest über einen Fersensporn vor dem Vietnam-Krieg gedrückt habe. „Denkst Du, ich bin blöd, ich wäre doch nicht nach Vietnam gegangen“, zitiert Cohen den Mann, der zur Stunde ausgerechnet in Hanoi weilt.

Cohens Anschuldigungen im Überblick:

Wahl-Manipulation: Dass die Enthüllungsplattform WikiLeaks im Präsidentschaftswahlkampf 2016 von russischen Hackern gestohlene E-Mails der US-Demokraten veröffentlichte, ist durch Sonder-Ermittler Robert Mueller belegt. Was Trump darüber wusste, ist strittig. Cohen beschreibt ein im Juli 2016 in seinem Beisein geführtes Telefonat zwischen Trump und dem mit einem Bein im Gefängnis stehenden Trump-Freund Roger Stone.

Inhalt: Stone teilte Trump mit, dass Wikileaks-Boss Julian Assange in „ein paar Tagen“ massenhaft E-Mails veröffentlicht werde, „die Hillary Clintons Wahlkampagne beschädigen würden“. Trumps Antwort: „Wäre das nicht großartig.“ Kurz darauf kamen die E-Mails ans Tageslicht.

Russland-Affäre I: Cohen äußerte den Verdacht, dass Trump über eine Schlüsselszene in den Ermittlungen von FBI-Sonder-Ermittler Robert Mueller vorher im Bild war. Dabei geht es um ein Treffen mit Trumps Sohn Donald Jr. und einer Kreml-nahen Anwältin am 9. Juni 2016 in New York. Natalja Weselnizkaja soll belastendes Material über Trumps Rivalin Hillary Clinton angeboten, aber nicht geliefert haben.

Cohen erinnert sich daran, dass Trump Jr. vor dem Meeting ins Oval Office gekommen sei und seinem Vater zugeflüstert habe: „Für das Treffen ist alles geregelt.“ Trumps Antwort: „Okay, gut. Sag mir Bescheid.“ Offiziell sagt Trump bis heute: Ich wusste von dem Treffen nichts.

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Russland-Affäre II: Cohen bezichtigt Trump, ihn indirekt zur Lüge über ein letztlich gescheitertes Immobilien-Projekt in Moskau angestiftet zu haben. Cohen trieb dies im Auftrag Trumps bis hin zu Gesprächen mit Vertrauten von Präsident Wladimir Putin voran.

So sagte Cohen in seiner ersten Anhörung vor dem Kongress in 2018, dass die Bemühungen für das milliardenschwere Hochhaus-Projekt in Kreml-Nähe Anfang 2016, also weit vor der Wahl, zum Stillstand gekommen sei. Diese Aussage, für die sich Cohen gestern entschuldigte, sei ihm von Trumps Anwälten diktiert worden. Damit sollte der Eindruck eines Interessenkonflikts vermieden werden.

In Wahrheit habe Trump ihn bis zum Sommer 2016 (da war Trump offiziell Präsidentschaftskandidat) „ein halbes Dutzend Mal“ gefragt, ob Moskau Fortschritte mache. Im direkten Gespräch habe Trump ihm „in die Augen geschaut und gesagt: Es gibt keine Geschäfte in Russland.“ Mit dieser Aussage habe Trump danach fortgesetzt „das amerikanische Volk belogen“. Warum? Laut Cohen hat Trump „niemals erwartet, die Wahl zu gewinnen“. Stattdessen habe er auf Millionen-Einnahmen in Moskau gehofft.

Schweigegeld-Zahlungen: „Er bat mich, einen Pornostar zu bezahlen, mit der er eine Affäre hatte, und seine Frau (First Lady Melania Trump - d. Red) darüber zu belügen, was ich getan habe“, sagte Cohen über den bis heute von Trump abgestrittenen Fall Stephanie Clifford (alias Stormy Daniels). Cohen präsentierte dazu gestern die Kopie eines Schecks über 35 000 $ von Trumps persönlichem Konto, den der Präsident ein halbes Jahr nach Amtsantritt unterzeichnete - die erste Rate, um Cohen die an Daniels gezahlte Gesamt-Summe von 130 000 $ zu erstatten.

Schwindel und Betrug: Cohen legte Briefe vor, die er im Auftrag des Präsidenten an Trumps frühere Schulen und Universitäten geschrieben habe. Ziel: Die Lehreinrichtungen sollten vor der Wahl 2016 auf keinen Fall Trumps Noten veröffentlichen.

Cohen sagte, dass Trump sein Vermögen je nach Situation klein- bzw. groß gerechnet habe. Um auf die Milliardärsliste bei „Forbes“ zu kommen, machte er sich reicher. Um Steuern zu sparen oder Kredite zu bekommen, machte er sich „ärmer“. Cohen legte Kopien von Bilanzen vor, die Trump zwischen 2011 und 2013 der Deutschen Bank präsentiert habe, um ein Darlehen für den Kauf der Profi-Football-Klubs Buffalo Bills zu bekommen.

In einer anderen Begebenheit berichtete Cohen, das Trump bei einer Auktion über einen Fake-Bieter für 60 000 Dollar ein Öl-Porträt von sich ersteigern ließ. Das Geld sei aus Trumps Wohltätigkeitsstiftung zweckentfremdet worden, die kürzlich auf Drängen der Staatsanwaltschaft in New York liquidiert wurde. Wo das Bild jetzt hängt? In einem von Trumps Golf-Klubs.

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