Suchtprävention

Saufen in der Schule – Krankenkasse kritisiert Trink-Test

In Brandenburg sollen Schüler in Selbsttests das eigene Trinkverhalten überdenken. Eltern sind empört, weil Minderjährige trinken.

Alkoholtrinken in der Schule? Ein Test in einer Brandenburger Klasse sorgt für Wirbel.

Alkoholtrinken in der Schule? Ein Test in einer Brandenburger Klasse sorgt für Wirbel.

Foto: Scott Masterton / imago/Westend61

Berlin. Was für manche Schüler vielleicht ein Spaß ist, sorgt bei Eltern in Brandenburg aktuell für Diskussionen: In einem Projekt sollen Schüler unter Aufsicht Alkohol trinken. Das Projekt wendet sich an Minderjährige – zum Teil auch Unter-16-Jährige.

Der Test ist Teil der Suchtprävention des Landes Brandenburg, trägt den Titel „Lieber schlau als blau – für Jugendliche“. Der Test wurde von der Suchtklinik Salus Lindow entwickelt und seit 2008 mehrfach angewendet, steht aber nun erneut im Fokus.

Alkoholtrinken als Schulfach

Im Rahmen des Programms sollen Jugendliche ihr eigenes Trinkverhalten überdenken. Mit einem Praxisversuch im Unterricht sollen Jugendliche möglichst früh lernen, wie Alkohol wirkt und wie Jugendliche im Zweifelsfall auch nein sagen könnten, heißt es vom Land.

Alles wichtige zum Versuch des Saufens an Schulen:

• Innerhalb von zwei Stunden erhalten die Schüler im Unterricht eine vorgegebene Menge Alkohol

• Empfohlen werden zwei Trinkeinheiten (z.B. zwei 0,33-Gläser Bier oder 0,125 Liter Sekt/Wein)

• Maximal sollen vier Trinkeinheiten gereicht werden

• Während des Versuchs notieren die Schüler ihre Eindrücke

• Nach dem Versuch wird in drei Unterrichtseinheiten die Notizen ausgewertet

Dass Jugendliche in der Schule Alkohol trinken, sorgte laut Medienberichten für deutliche Kritik, wie der „Nordkurier“ berichtet. Die Mutter eines 15-jährigen Sohnes soll zu dem Projekt an einer Schule in Templin gesagt haben; „Geht’s noch? Erst sollen wir unsere Kinder über die Schäden, die Alkohol und Drogen verursachen, aufklären. Und jetzt wird ihnen schon in der Schule der Alkohol von den Lehrern angeboten.” Die Frau habe ihrem Sohn deshalb die Teilnahme untersagt.

Krankenkasse DAK distanziert sich von Versuch

Doch nicht nur von Eltern, auch von Gesundheitsorganisationen gibt es Kritik. Die Krankenkasse DAK äußerte sich gegen über der Zeitung und ging auf Distanz zu dem Versuch. Kinder seien „keine Versuchskaninchen“, wird ein Sprecher der Krankenkasse in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt zitiert. Es bestehe die Gefahr, dass die Kinder den Test ohne Aufsicht wiederholten.

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Eltern müssen Kinder nach dem Alkoholtest abholen

Nach Angaben des Landes Brandenburg sollen Eltern in das Projekt eng eingebunden werden. Wie es in einer Projektbeschreibung heißt, sollen Eltern aufgeklärt werden und erst dann sollte eine Teilnahme der Kinder erbeten werden.

Auch an anderen Stellen im Projekt sind die Eltern mit dabei: Es gebe die Verpflichtung, dass die Eltern die Jugendlichen nach dem Trinkversuch persönlich abholen. Bei dieser Situation bestünde die Möglichkeit zu einem Gespräch mit dem Lehrer.

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Als Hausaufgabe sollen die Schüler zudem ihren Umgang mit Alkohol schriftlich festhalten und die Hausarbeit dann mit ihren Eltern besprechen. Unklar ist, ob die Einbindung der Eltern in dem Fall, den der „Nordkurier“ schildert, wie geplant abgelaufen ist.

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Das Land Brandenburg hat mit dem Projekt „Lieber schlau als blau“ jedenfalls nach eigenen Angaben länger Erfahrung. Im Jahr 2008 wurde es konzipiert. Das Land sei das erste gewesen, das einen solchen Trink-Test in die Suchtprävention unter Jugendlichen aufgenommen habe.

Auch in anderen Bundesländern – etwa Nordrhein-Westfalen – wurde „Lieber schlau als blau“ bereits an Schulen getestet. Der Versuch wurde in der Vergangenheit immer wieder von Eltern kritisiert, aber von Experten generell begrüßt, weil Moralpredikten von Eltern und Lehrern weniger effektiv seien als eigene Erfahrungen. Das sagt Suchtexperte Johannes Lindenmeyer.

Er leitet ähnliche Versuche und sagte der „Süddeutschen Zeitung“ im Jahr 2011 jedoch, dass der Versuch eben nicht in der Schule, sondern an einem neutralen Ort stattfinden solle. Unter Aufsicht von Experten könne zum Beispiel im Nebenzimmer einer Kneipe getestet werden.