Islamisten-Kinder

Wie gefährlich sind die Kinder deutscher Dschihadisten?

Dutzende Kinder deutscher Islamisten erlebten Terror und Krieg in Syrien. Der Staat sucht einen Weg, sie aus der Radikalität zu holen.

Familien – darunter auch deutsche – fliehen aus dem IS-Gebiet.

Familien – darunter auch deutsche – fliehen aus dem IS-Gebiet.

Foto: Chris McGrath / Getty Images

Berlin/Hamburg.  Als Aylin Kaynak* vor einigen Jahren an der Seite ihres neuen Partners in den Dschihad zog, nahm sie ihren Sohn mit. Damals war Deniz gerade neun Jahre alt, ein Hamburger Junge. Seine Mutter entschied sich für den Weg in das „Kalifat“ – in ein radikales Leben unter der Herrschaft einer Terrororganisation, die sich selbst „Islamischer Staat“ nannte. Ihr Sohn Deniz hatte keine Wahl. Er musste die nächsten vier Jahre Krieg und Gewalt erleben, Flucht und Gefangenschaft.

Heute ist Deniz aus Hamburg ein Teenager. Gemeinsam mit seiner Mutter hockt er in einem Camp der von Kurden angeführten Rebellentruppe „Syrische Demokratische Kräfte“, SDF, im Norden Syriens. Der Junge und seine Mutter sind zwei Deutsche, über die nun die Politik diskutiert. Was passiert mit Menschen wie Deniz? Sind sie gefährlich? Sind sie traumatisiert? Beides?

Geschätzt könnten 100 IS-Kinder zurückkehren

Seit 2012 sind laut Sicherheitsbehörden mehr als 1000 Personen aus Deutschland ausgereist in Richtung Dschihad-Gebiet in Syrien und Irak. Ein Fünftel waren Frauen. In einigen Fällen reisten auch Jugendliche im Teenageralter oder kleine Kinder wie Deniz mit ihren Eltern aus. Viele Kinder wurden erst im Kriegsgebiet geboren. Vor einem Jahr schätzte die Bundesregierung, dass rund 100 Kinder von Deutschen aus der Kriegsregion zurückkehren könnten. Genaue Angaben sind schwer zu ermitteln, denn in das IS-Gebiet hatten westliche Sicherheitsbehörden kaum Zugang.

Nun aber ist der IS zumindest militärisch besiegt, und frühere Anhänger und Kämpfer sitzen in kurdischer Haft in Nordsyrien. Es sind nicht Tausende, sondern Dutzende. Aber auch Dutzende Kinder von Eltern mit deutscher Staatsbürgerschaft. Das Internationale Rote Kreuz ist vor Ort in der Kurdenregion, die Gefangenen können Briefe nach Deutschland übergeben. Auch Nachrichtendienstler des BND arbeiten dort, vernehmen IS-Anhänger, unter ihnen knapp 20 Islamisten, die von der Polizei als besonders gefährlich eingestuft sind.

Beweislage ist in vielen Fällen dünn

Die Bundesregierung prüft nun, ob Deutschen mit doppelter Staatsbürgerschaft der deutsche Pass entzogen werden kann. Zugleich aber sucht das Auswärtige Amt – zumindest inoffiziell – nach Wegen, wie Deutsche aus den Kurdengebieten zurückgeholt werden können. Innenminister Horst Seehofer forderte eine genaue Prüfung von IS-Rückkehrern. Staatsanwaltschaften sammeln Beweise, um in Deutschland Strafverfahren einleiten zu können. In vielen Fällen ist die Beweislage dünn, denn abseits der Reise ins Dschihad-Gebiet können die Behörden nicht allen IS-Anhängern nachweisen, dass sie auch gekämpft und getötet haben oder überhaupt Mitglied einer Terrororganisation waren. Das gilt für Frauen und Kinder umso mehr.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) geht derzeit davon aus, dass Kinder aus Deutschland oder Töchter und Söhne deutscher IS-Anhänger nicht an Kämpfen teilgenommen haben. Dafür gebe es keine Belege, sagte BfV-Präsident Thomas Haldenwang bei einer Rede auf dem Europäischen Polizeikongress in Berlin. Anders bei 110 bereits zurückgekehrten erwachsenen Dschihadisten, zu denen die Sicherheitsbehörden Kenntnisse haben, dass sie an Kampfhandlungen oder Training an Waffen oder Sprengstoff im Dschihad-Gebiet teilgenommen haben.

„Islamischer Staat“ verkauft den Dschihad als cool

Terrorismus-Forscher sprechen gerade der Gruppe „Islamischer Staat“ eine hohe Anziehungskraft für Jugendliche zu. Ihre Propaganda gestalten die Terroristen häufig wie Kriegsszenen in Videospielen. Auch Filme mit Kindern an Waffen produziert die Organisationen. Der IS verpackt seine Botschaften zudem selten in lange und komplizierte fundamentalistische religiöse Texte.

Die Message ist eine andere – und leicht verständlich: „Dschihad ist cool“ und soll als eine Kampfansage gegen westliche Werte verstanden werden. Das zieht vor allem Jugendliche auf der Suche nach Lebenssinn und ihrer Rolle in einer Gesellschaft wie Deutschland an. Islamisten zeigten ihnen eine Vision auf, die vom „Islamischen Staat“. So wie Neonazis vom „neuen deutschen Reich“ träumen. Die Terrorgruppe bietet jungen Menschen das, was sie woanders – etwa in der Familie oder der Gesellschaft – nicht finden: Identität, das Gefühl von Gemeinschaft, eine neue Lebensordnung in „Wir“ und „Die“.

Verfassungsschutz warnte vor „Dschihadistengeneration“

Mittlerweile reisen nur noch in einzelnen wenigen Fällen junge Menschen aus Deutschland in Richtung Dschihad-Gebiet aus. Und doch warnen die Sicherheitsbehörden und nicht-staatliche Hilfsgruppen, dass die Propaganda vor allem über das Internet weiterhin auch Kinder und Jugendliche in Deutschland erreicht.

Der neue Verfassungsschutzchef Haldenwang hob hervor, dass Deutschland ein „Augenmerk“ auf eben diese Kinder und Jugendliche legen müsse. Nicht nur die Sicherheitsbehörden, aber auch nicht-staatliche Organisationen und die Zivilgesellschaft. „Kinder sind Opfer einer verfehlten Ideologie und dürfen nicht die Täter von morgen werden“, so Haldenwang. Dessen Vorgänger, Hans-Georg Maaßen, hatte im Zusammenhang mit jungen Menschen in Syrien und Irak mehrfach vor einer neuen „Dschihadistengeneration“ gewarnt. Mehrere Attentate in Deutschland wie etwa ein Messerangriff auf einen Polizisten oder ein Angriff mit einer Axt in einem Regionalzug wurden von Minderjährigen begangen.

NRW-Innenminister will spezielle Hilfe für Kinder aus Dschihad-Gebieten

In der Vergangenheit hatte sich der Geheimdienst erheblich dafür eingesetzt, auch die Daten von 14-Jährigen oder 15-Jährigen speichern zu dürfen. Die Maßnahme des Dienstes gegen Teenager ist umstritten. Von den rund 750 sogenannten „Gefährdern“, also Personen, denen die Polizei schwere Straftaten wie Anschläge zutraut, sind laut Bundesinnenministerium 14 minderjährig.

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hob den Fokus auf Kinder von Dschihadisten hervor. Er sprach sich dafür aus, die jungen Menschen aus den Kriegsgebieten nach Deutschland zurückzuholen. Am Rande des Polizeikongresses sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wenn Kinder zurückkommen, die radikalisiert sind, stellt es die Politik vor neue Herausforderung. Das haben wir so noch nicht erlebt – Kinder wieder in ein normales Leben zurückzuführen.“ Das gehe nur mit hoher Professionalität. „Und da werden wir den Jugendämtern allein nicht diese Aufgabe überlassen.“ Nordrhein-Westfalen habe viel Erfahrung mit Aussteigerprogrammen. „Da sollten wir überlegen, wie wir den Jugendämtern helfen können.“

Kinder müssen mit in den „Heiligen Krieg“ ziehen

Die Beratungsstelle für Deradikalisierung in Berlin, Hayat, betreut derzeit die Familien von 45 jungen Männern und Frauen, die nach Syrien und Irak zum IS oder zu al-Qaida ausgereist sind. Diese ausgereisten Deutschen haben rund 55 Kinder. „Sie leben unschuldig dort in Lagern, ohne Schule, ohne Betreuung. Das dürfen wir nicht zulassen“, sagt Thomas Mücke, Geschäftsführer vom Violence Prevention Network (VPN).

Gemeint sind Menschen wie Deniz Kaynak, der mit seiner Mutter in den „Heiligen Krieg“ ziehen musste. Die Frau wuchs in Hamburg auf, heiratete jung einen Deutsch-Türken. Doch die Ehe hielt nicht, der Mann zog nach Spanien. Aylin Kaynak lernte in Hamburg einen neuen Mann kennen – einen Anhänger des „Islamischen Staates“. Ihr Weg in die Radikalität führte nach Syrien.

Kurdische Sicherheitskräfte untersagten Ausreise

Die Mutter von Aylin Kaynak lebt noch in Hamburg. Sie möchte nicht mit Journalisten sprechen, ihr Anwalt erzählt ihre Geschichte und die ihrer Tochter. Die Mutter versucht mit vielen Mitteln, ihre Tochter und die Kinder aus kurdischer Haft nach Deutschland zurückzuholen. Sogar ins Kurdengebiet reiste die Frau. Sie durfte ihre Tochter und den kleinen Deniz sehen, mit ihnen sprechen. Doch eine Ausreise hätten die kurdischen Sicherheitskräfte untersagt, erzählt Rechtsanwalt Mahmut Erdem, der seit vielen Jahren Familienangehörige von deutschen IS-Anhängern vertritt.

Auch mit ihrem neuen Partner, dem IS-Kämpfer, bekam Aylin Kaynak ein Kind. Es wurde im Kampfgebiet des IS geboren. Nachdem der Mann in Syrien bei einem Bombenangriff der Anti-IS-Koalition getötet wurde, heiratete die junge Frau noch einmal im „Kalifat“. Und bekam mit ihrem dritten Ehemann wieder ein Kind. Die Frau aus Hamburg sitzt heute im Camp in Nordsyrien, sie kann nicht weg, auch wenn sie zurück in ihre Heimat wolle, sagt Anwalt Erdem. An ihrer Seite drei Kinder, die zuletzt vor allem eines kennen: Krieg, Terror und Flucht.

*Name von der Redaktion geändert