Jahrestag

40 Jahre Islamische Revolution – Iran demonstriert Stärke

Am 40. Jahrestag der Islamischen Revolution feiert sich das Regime mit martialischer Rhetorik – doch im Inneren des Landes gärt es.

Hassan Rohani, Präsident des Iran, spricht während der Zeremonie anlässlich des 40. Jahrestages der Islamischen Revolution.

Hassan Rohani, Präsident des Iran, spricht während der Zeremonie anlässlich des 40. Jahrestages der Islamischen Revolution.

Foto: Vahid Salemi / dpa

Teheran/Tunis.  Der Mann mit dem grauen Vollbart und dem freundlichen Blick gibt sich kämpferisch. „Wir haben nicht um Erlaubnis gefragt, und wir werden dies auch künftig nicht tun, um verschiedene Raketentypen zu entwickeln“, sagt der iranische Präsident Hassan Rohani am Montag. Am 40. Jahrestag der Islamischen Revolution legt das sonst eher gemäßigte Staatsoberhaupt eine aggressive Rhetorik an den Tag.

„Wir befinden uns heute in einem psychologischen und wirtschaftlichen Krieg.“ Und: „Unsere Streitkräfte erhalten alles, was sie wollen.“ Der Iran werde seine militärische Schlagkraft erhöhen. Auch wirtschaftliche Sanktionen würden zu keinem Kurswechsel führen, so Rohani. Zudem lehne das Land trotz internationaler Kritik einen Rückzug aus den regionalen Konfliktherden ab.

Die Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt

In den Städten gehen Hunderttausende Menschen auf die Straßen, um den Jahrestag des Sieges von Ajatollah Ruhollah Khomeini über den Schah zu feiern. Menschenmengen skandierten „Tod Israel, Tod den USA“. Zudem werden US-Flaggen verbrannt. Die USA waren der wichtigste Verbündete des Schahs und sind entschiedener Gegner der jetzigen Regierung in Teheran.

Nach Berichten iranischer Medien stellten die Revolutionsgarden vergangene Woche eine Boden-Boden-Rakete mit einer Reichweite von 1000 Kilometern vor. Sie drohten, israelische Städte zu zerstören, sollten die USA den Iran angreifen.

Die martialische Siegesrhetorik jedoch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Inneren der Islamischen Republik kräftig gärt. Die Stimmung im Volk ist rebellischer und frustrierter als je zuvor. Das doktrinäre Staatsprojekt wirkt bis ins Mark erschöpft, marode und ausgezehrt.

Mailverkehr im Internet wird systematisch überwacht

Die Flamme des Aufbruchs ist erloschen, die Erinnerung an die dramatischen Tage von 1979 sind verglüht. Stattdessen zweifeln immer mehr Iraner an ihrem politischen System, was sich als gottgegebene Wohltat inszeniert, in Wirklichkeit aber ein Übermaß an Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsmisere, an Dürre und Umweltverschmutzung produziert.

Wer von den jungen Leuten kann, emigriert nach Europa, Kanada oder in die USA. Journalisten, Menschenrechtler, Gewerkschafter und Umweltaktivisten werden drangsaliert, Frauen, die gegen das Zwangskopftuch aufbegehren, ins Gefängnis geworfen. Der Mailverkehr im Internet wird systematisch überwacht. Facebook, Twitter, Telegram und Youtube sind blockiert, lediglich Instagram ist noch offen.

Gleichzeitig zeigen die im November wieder in Kraft gesetzten amerikanischen Sanktionen erste Wirkungen. Die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Währung kollabiert. Die Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt, in den Apotheken fehlen lebenswichtige Medikamente. Die meisten westlichen Firmen haben auf Druck der USA inzwischen das Weite gesucht.

Verbot: Hunde dürfen in Teheran nicht mehr auf die Straße

Iranische Moscheen leer wie Kirchen in Europa

Von dem 2015 unter großen Fanfaren wiederbelebten Iran-Geschäft ist kaum noch etwas übrig, auch wenn sich die drei europäischen Atom-Unterzeichner Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach wie vor gegen das amerikanische Diktat stemmen. In ländlichen Regionen Irans sind mehr als 50 Prozent der Leute arbeitslos. „Mir braucht niemand etwas von Sanktionen erzählen“, sagte ein älterer Mann in Teheran.

„Das sehe ich jeden Tag beim Einkaufen.“ Zynisch räumte kürzlich einer der damaligen Hardcore-Ajatollahs ein, ohne den Umsturz vor vier Jahrzehnten wäre die Nation heute wahrscheinlich ökonomisch erfolgreicher. Aber man habe, so fügte er hinzu, die Revolution nicht gemacht, um den Iran zu verbessern, sondern um den Islam zu beleben.

Mehr als zwei Millionen Bürger heroinabhängig

Doch selbst dieses Kernanliegen ist dem schiitischen Gottesstaat längst abhanden gekommen. Die engstirnige Militanz der Polit-Kleriker hat ihre junge Bevölkerung zur säkularsten des gesamten Nahen und Mittleren Ostens gemacht. Die iranischen Moscheen sind heute genauso leer wie die Kirchen Europas. Mehr als zwei Million Bürger sind heroinabhängig, eine der höchsten Suchtraten der Welt.

Noch hält die betagte Gründergeneration die Zügel fest in der Hand. Doch die biologische Uhr tickt. Der Oberste Revolutionsführer Ali Khamenei ist fast 80 und krebskrank. Vor allem die Jüngeren fordern mehr Freiheiten. Insofern sind ausgerechnet in dem ausgelaugten Gottesstaat die Aussichten für demokratische Reformen besser als im Rest der nahöstlichen Welt.

Irans Zivilgesellschaft ist erstaunlich gut entwickelt, die Bevölkerung gebildet, belesen und diszipliniert. Irans Frauen und Männer gehören zu den talentiertesten der Region.

Ob die alte Garde will oder nicht, in den kommenden Jahren muss sie den Jungen definitiv das politische Erbe der Khomeini-Republik aushändigen. Dann aber könnten diese ihrer Heimat endlich ein offeneres Gesicht geben.