Kommentar

Der Pflegenotstand ist ein ethisches Versagen mit Ansage

In der Pflege ist seit mehr als einem Jahrzehnt absehbar, dass der Bedarf wächst. Und nicht nur dort. Deutschland fährt auf Verschleiß.

Für den Kampf gegen die Personalnot in der Pflege soll die Aus- und Weiterbildung deutlich verstärkt werden.

Für den Kampf gegen die Personalnot in der Pflege soll die Aus- und Weiterbildung deutlich verstärkt werden.

Foto: Marijan Murat / dpa

Berlin.  Morgens um zehn, an einem ganz normalen Wochentag, irgendwo in Deutschland. Die Kitas sind voll, die Erzieher geben ihr Bestes, doch weil sie viel zu wenige sind, schaffen sie oft nur das Nötigste: Kleine Kinder werden noch immer oft bloß betreut, aber nicht gefördert. Ein paar Lebensjahre später sitzen diese Kinder in den Schulen.

Und wieder dasselbe Bild: Die Klassenräume sind voll, die Lehrer geben ihr Bestes, doch weil auch sie viel zu wenige sind, schaffen auch sie oft nur das Nötigste. Der Lehrplan wird abgearbeitet, für individuelle Förderung bleibt kaum Zeit.

Deutschland fährt auf Verschleiß

Dasselbe Muster findet sich dort, wo kranke und alte Menschen eigentlich Fürsorge, Förderung und Pflege erwarten können: in den Kliniken und in den Pflegeeinrichtungen. Doch auch hier herrschen Personalmangel, Zeitdruck und Überforderung.

Im Jahr 2019 reicht ein kurzer Blick in die Kitas, Schulen und Pflegestationen dieses Landes, um zu sehen: Deutschland fährt auf Verschleiß. Gerade dort, wo sich der Wohlstand einer Gesellschaft zeigen müsste, bei den ganz Jungen und bei den Kranken und Alten, gerade dort droht der soziale Kollaps.

Und nicht erst seit gestern. Der Lehrermangel? Ein Dauerthema der letzten Jahre. Der Erziehermangel? Eine absehbare Katastrophe für Millionen junge berufstätige Eltern. Der Pflegenotstand? Ein ethisches Versagen mit Ansage.

Warum ist so wenig passiert?

Alle drei Notstandslagen hätte man vermeiden können. In allen drei Bereichen ist seit mehr als einem Jahrzehnt absehbar, dass der Bedarf wächst: Die Mütter sollen früher wieder in den Beruf zurück – also wächst die Nachfrage nach Kinderbetreuung.

Die Schulen sollen guten Unterricht für eine immer größere, vielfältigere Schülerschaft machen? Also wächst die Zahl der benötigten Lehrer. Und schließlich: Die Deutschen werden immer älter und die Pflege in der Familie immer komplizierter – also braucht es mehr professionelle Pfleger. Und warum ist so wenig passiert?

Kitas, Schulen und Pflege – das galt als Privatsache der Frauen

Es gibt viele Gründe dafür. Es geht um die Frage, wofür ein Staat sein Geld ausgeben will. Und es geht um die Frage, welche Themen die Politik wirklich ernst nimmt. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Kitas, Schulen und Pflege – diese Lebens- und Arbeitsbereiche galten lange Zeit (und bei manchen bis heute) als Privatsache der Frauen.

Statt die Fürsorgefrage als existenzielle, als ethische und ökonomische Wohlstandsfrage zu behandeln, wurde sie als vermeintlich privates Wohlfühlthema in die Sonntagsreden eingeflochten.

Der Staat muss sich kümmern

Und so wäre es wohl noch lange weitergegangen, wenn die etablierten Parteien nicht einen unüberhörbaren Warnschuss zu hören bekommen hätten: Der neue Populismus von rechts, die tiefe Distanz vieler Bürger zum Staat und seinen Vertretern haben auch damit zu tun, dass viele den Eindruck haben, die Regierung kümmere sich nicht mehr um Alltagsprobleme.

Und nun? Wer das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates wieder stärken will, muss mehr liefern als ein zerknirschtes „Wir haben verstanden“. Es müssen sichtbare, spürbare Erfolge her. Mit Blick auf das Maßnahmenbündel der Regierung zur Bekämpfung des Pflegenotstands ist es zumindest ein wichtiges Signal, dass hier gleich zwei SPD- und ein CDU-Minister gemeinsam den Kopf für die Sache hinhalten. Sie müssen auch nicht gleich eine neue Fürsorgerepublik ausrufen. Es wäre schon gut, wenn die Pfleger am Ende mehr Geld in der Tasche hätten und spürbar mehr Kollegen auf den Stationen. Denn es ist simpel: Wer die Zahl der Kümmerer erhöhen will, muss genau das tun: sich mehr kümmern.

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