Proteste

„Gelbwesten“-Führerin Levavasseur lehrt Macron das Fürchten

Die Krankenschwester Ingrid Levavasseur ist die bekannteste Wortführerin der „Gelbwesten“. Geht sie nun in neuer Liste in die Politik?

Foto: Quiniou Guillaume

Paris.  Ihre gelbe Warnweste, die sie wie eine Uniform trägt, und ihre feuerrote Haarmähne bürgen für einen hohen Wiedererkennungswert. Doch das ist nicht der Grund dafür, dass die 31-jährige Krankenschwester Ingrid Levavasseur aus dem normannischen Städtchen Pont-de-l’Arche zu der bekanntesten Wortführerin der „Gelbwesten“ geworden ist.

Vielmehr kann die junge Frau reden, sehr gut sogar. Es gibt niemanden, der mit einfachen Worten besser zu erklären vermag, warum in Frankreich seit nunmehr zwei Monaten Zehntausende Wutbürger auf die Straße gehen und Verkehrskreisel oder Autobahnmautstellen besetzen.

Die „Gelbwesten“ haben keine Führungsstruktur

Die Graswurzelbewegung der „Gelbwesten“, die in den sozialen Netzwerken geboren wurde und sich über diese auch weiterhin mehr schlecht als recht organisiert, hat keine Führungsstruktur.

Allein eine Handvoll Sprecher wie die Kosmetikvertreterin Priscillia Ludosky (32), der Lkw-Fahrer Eric Drouet (33) oder der sich „Fly Rider“ nennende und gerne wilde Verschwörungstheorien verbreitende Zeitarbeiter Maxime Nicolle (31) können für sich in Anspruch nehmen, mehr als einen rein regionalen Einfluss auf ihre Mitstreiter auszuüben. Im Gegensatz zu Levavasseur vertreten sie aber die radikalste Fraktion der „Gelbwesten“, die sich einen Rücktritt des Präsidenten auf die Fahnen geschrieben hat.

Levavasseur verdient als Krankenpflegerin 1250 Euro im Monat

Auch Levavasseur, die in erster Linie die Situation der Geringverdiener verbessern will, hat einen Zorn gegen das Staatsoberhaupt. „Macron, der König, hält es mit den Adeligen, während das Volk mit offenem Maul träumt“, hat sie mit blauem Filzstift auf ihre Warnweste geschrieben. Lesen kann man dort des Weiteren, dass sie als Krankenpflegerin 1250 Euro im Monat verdient, „während sich die Aktionäre die Taschen vollstopfen“ und dass sie sich als „widerspenstige, stolze Gallierin“ definiert.

Mit solchen Botschaften können sich über eine Mehrheit der Gelbwesten hinaus viele Franzosen identifizieren. Weil Macron, der die Besteuerung der Unternehmen senkte und die Vermögenssteuer weitestgehend abschaffte, in ihren Augen ein „Präsident der Reichen“ ist. Weil er die Franzosen auf einer Auslandsreise als widerspenstige und veränderungsunwillige Gallier bezeichnete. Und weil Levavasseur wie 40 Prozent ihrer arbeitenden Landsleute ein Gehalt bezieht, das den von weiteren zehn Prozent bezogenen Mindestlohn um weniger als ein Drittel übersteigt.

Eilt seit Wochen von einem Interview zum nächsten

Wenn die widerspenstige Krankenschwester, die bei den Präsidentschaftswahlen noch für Macron stimmte, heute behauptet, dass solche, jeden zweiten Angestellten betreffenden, Einkommensverhältnisse „zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben“ sind, trifft sie einen Nerv.

Und wenn sie dem Präsidenten vor laufenden Kameras erklärt, dass er mit sozialen Verbesserungen nicht warten kann, bis seine liberalen Wirtschaftsreformen greifen und mehr Geld in die Staatskasse spülen, ist das ebenso.

Levabasseur ist zur Symbolfigur der „Gelbwesten“ geworden

Levavasseur weiß als geschiedene Mutter zweier Kinder sehr genau die trüben Monatsenden zu beschreiben, an denen unfehlbar das Geld zu knapp wird, um die Kinder vernünftig zu versorgen oder im Winter die Wohnung zu heizen.

Und weil sie so authentisch klingt und sich die französischen Medien regelrecht um sie reißen, eilt sie seit Wochen von einem Interview oder Fernsehauftritt zum nächsten. Vor allem wegen ihrer schlagfertigen Präsenz auf den Bildschirmen ist sie zum Gesicht, ja zur Symbolfigur der „Gelbwesten“ geworden.

Protestbewegung hat neue Fahrt aufgenommen

Dass Macron kurz vor Weihnachten verstand, was die Stunde geschlagen hat und ein zehn Milliarden Euro schweres Sozialpaket verabschiedete, ist zu einem guten Teil dieser so überzeugend auftretenden Krankenpflegerin zu verdanken. Sie ist aber wie die meisten „Gelbwesten“ der Meinung, dass diese Zugeständnisse nicht ausreichen. Bleibt die Frage, wie es weitergehen soll.

Die Protestbewegung hat, nachdem sie über die Feiertage beinahe ausgeklungen war, neue Fahrt aufgenommen. Am Sonnabend gingen erneut 84.000 Demonstranten landesweit auf die Straße, deutlich mehr als in den Wochen zuvor. Dass es dabei auch zu weniger Ausschreitungen kam, begrüßt Levavasseur.

Gelbwesten-Proteste wieder stärker

Nachdem die sie zum Ende des Jahres immer mehr abgeebbt waren, erhielten sie seit Jahresbeginn wieder mehr Zulauf. Am vergangenen Samstag gingen landesweit mehr als 80.000 Menschen auf die Straße.
Gelbwesten-Proteste wieder stärker

„Gelbwesten“ wollen nicht mit Macron sprechen

Macron wandte sich am Montag in einem offenen Brief an alle Franzosen und forderte sie auf, an einer „Bürgerdebatte“ teilzunehmen, bei der alle Probleme auf den Tisch kommen und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden soll.

Diese Debatte hatte Macron im Dezember versprochen, um den „Gelbwesten“ den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie politisch einzubinden. Gerade von Letzterem jedoch wollen diese nichts wissen und bezeichnen das Dialogangebot als Maskerade.

Sprecher der „Gelbwesten“ mit Morddrohungen überzogen

Und Levavasseur? Sie mag im Mittelpunkt stehen, aber an der Spitze der jegliche Führung ablehnenden „Gelbwesten“ steht sie nicht. Sollte sie etwa in Gespräche mit der Regierung eintreten, die verzweifelt nach Ansprechpartnern bei den „Gelbwesten“ sucht, würde es ihr schon deswegen an Legitimation fehlen. Erst im Dezember waren mehrere Sprecher der „Gelbwesten“, die sich zu Verhandlungen mit Regierungsvertretern bereit erklärt hatten, von der Basis mit Morddrohungen überzogen worden.

Ein regelrechter Shitstorm ging auch auf die angebliche „Verräterin“ Levavasseur nieder, als dieser von dem meistgesehenen Nachrichtensender BMFTV ein Job als feste Kolumnistin angeboten wurde. Die Empörung war so groß und die Anfeindungen so heftig, dass die Krankenpflegerin das Ansinnen schließlich zurückwies.

Popularität in Einflussnahme und Mitgestaltung ummünzen

Richtig in die Politik einsteigen könnte Levavasseur dennoch. Nicht als Chefin der „Gelbwesten“, aber als Spitzenkandidatin einer neuen Liste für die Europawahlen. Brigitte Lapeyronie heißt die ehemalige Zentrumspolitikerin, die mit Levavasseur an der Spitze eine neue Liste für die Europawahlen aufstellen will.

„Die gelben Franzosen“ nennt sich das Projekt. Entsprechende Gespräche laufen, doch die junge Frau zögert noch. Der Schritt in die Politik scheint ihr verfrüht. Politische Ambitionen, so erklärte sie kürzlich, habe sie nie gehabt. Vielleicht kommt der Heldin der kleinen Leute der Übergang von den Barrikaden ins Europaparlament auch ganz einfach zu plötzlich. Ihre Freunde und engsten Mitstreiter in Pont-de-l’Arche hoffen dennoch, dass sie am Ende die Gelegenheit ergreift, ihre im Widerstand gewonnene Popularität in Einflussnahme und Mitgestaltung umzumünzen.

Tausende Demonstranten demonstrierten in London

Zumal das Vorbild der „Gelbwesten“ mittlerweile auch über den Ärmelkanal ausstrahlt. Am vergangenen Wochenende haben auch Tausende Demonstranten in London gegen die britische Regierung demonstriert. Sie forderten angesichts des Brexits ein Ende der Sparpolitik und eine Neuwahl.

Dem Aufruf der Kampagne „The People’s Assembly Against Austerity“ (Volksversammlung gegen Sparpolitik) folgten auch Politiker und Gewerkschafter aus weiten Teilen des Landes. Etwa 5000 bis 10.000 Demonstranten hätten teilgenommen, sagte eine Sprecherin der Veranstalter. Auch Vertreter der Gelbwesten-Bewegung aus Frankreich nahmen an der Demonstration in London teil. „Alle europäischen Länder sollten sich diesem Kampf gegen die Sparpolitik anschließen“, sagte ein Teilnehmer aus Frankreich der britischen Nachrichtenagentur PA.

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