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Danziger Bürgermeister erstochen – Landesweiter Protest

Ein Mann hat den Bürgermeister der Stadt Danzig mit einem Messer angegriffen. Pawel Adamowicz überlebte das Attentat vom Sonntag nicht.

Foto: AGENCJA GAZETA / REUTERS

Danzig.  Der Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz, der am Sonntag mit einem Messer angegriffen wurde, ist tot. Landesweit gingen Tausende Polen auf die Straße und demonstrierten gegen Hass und Gewalt im Land.

Allein in Warschau versammelten sich am Montagabend unter dem Motto „Stopp dem Hass“ Tausende Menschen, wie die Agentur PAP meldete. Ähnliche Trauerkundgebungen fanden in weiteren Städten statt.

In Danzig sagte der EU-Ratspräsident, Polens Ex-Regierungschef Donald Tusk, PAP zufolge: „Ich verspreche Dir heute, lieber Pawel, dass wir für Dich unser Danzig, unser Polen und unser Europa von Hass befreien werden.“

Danzigs Bürgermeister Adamowicz tot – das Wichtigste in Kürze

  • Am Sonntag wurde Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz mit einem Messer attackiert
  • Er wurde zunächst schwer verletzt, starb am Montag in einem Krankenhaus an seinen Verletzungen
  • Tatverdächtig ist ein 27-jähriger Mann aus Danzig
  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor
  • Landesweit protestierten Tausende Polen gegen Hass und Gewalt

Adamowicz, seit 1998 Bürgermeister der nordpolnischen Stadt, war am Sonntagabend während einer Benefizveranstaltung von einem Messerstecher attackiert worden und erlag am Montag seinen inneren Verletzungen.

Der Staatsanwaltschaft zufolge handelt es sich um Mord . Die Klinge war laut Staatsanwaltschaft fast 15 Zentimeter lang.

Das Motiv der Tat soll Rache sein. Noch auf der Bühne hatte sich der Angreifer für seine Aktion gerechtfertigt. Er hatte den Schockmoment genutzt und sich das Mikrofon gegriffen. Gut hörbar rief er den entsetzten Zuschauern zu: „Hallo, hallo! Ich heiße Stefan. Ich habe unschuldig im Gefängnis gesessen. Ich war unschuldig! Die Bürgerplattform hat mich foltern lassen. Deshalb musste Adamowicz sterben.“ Dann erst überwältigten ihn die Sicherheitskräfte.

Die oppositionelle Bürgerplattform (PO), der auch Adamowicz zeitweise angehörte, hat in Polen lange regiert.

Tatverdächtiger stand nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss

Der 27-Jährige Stefan W. aus Danzig, der Berichten zufolge wegen Banküberfällen eine mehr als fünfjährige Haftstrafe abgesessen hatte, wurde festgenommen.

Stefan W. fiel in der Haft als psychisch labil auf und wurde zeitweise auch psychiatrisch behandelt, vor Kurzem kam er wieder auf freien Fuß. Ob es Anzeichen für eine schwere psychische Störung gab, war am Montag zunächst nicht klar. Die Ermittler wollten sich auch nicht darauf festlegen, ob der 27-Jährige in einem Zustand geistiger Umnachtung handelte.

Unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand der Mann nicht. Er hatte sich im Vorfeld der Tat einen gefälschten oder falsch ausgegebenen Presseausweis besorgt, mit dem er sich Zugang zur Bühne verschaffte.

Verletzungen an Herz, Zwerchfell und Organen

Nach Angaben des Warschauer Innenministeriums wurde der Politiker nach dem Angriff reanimiert. Anschließend kam er ins Krankenhaus und wurde fünf Stunden lang operiert, wie Adamowiczs Sprecherin Magdalena Skorupka-Kaczmarek sagte. Bei dem Angriff wurde er nach Angaben der Klinik an Herz, Zwerchfell und Organen im Bauchraum schwer verletzt.

Wie schwer die Verletzungen waren und mit welcher Wucht der Täter zugestoßen haben muss, belegt allein die Tatsache, dass bei der Operation 41 Blutkonserven zum Einsatz kamen, wie polnische Medien berichteten.

Adamowicz war bis 2015 Politiker der Oppositionspartei PO

Handelte es sich bei der Tat um einen gezielten politischen Mord? Aus seinem Auftritt am Mikrofon schlossen die meisten polnischen Kommentatoren, dass der Täter offenbar einen Schuldigen für seine Inhaftierung suchte, um Rache zu üben.

Seinen Rufen zufolge machte er nicht unbedingt Adamowicz persönlich für seine Zeit im Gefängnis verantwortlich, sondern grundsätzlich Politiker jener Partei, die bei seiner Festnahme 2013 regierte: die liberalkonservative PO. Adamowicz gehörte der PO bis 2015 an, bevor er austrat, um sich im vergangenen Herbst als unabhängiger Kandidat wiederwählen zu lassen.

Polen ist von der Tat erschüttert

Die Tat während einer bekannten Benefizveranstaltung der Organisation WOSP erschütterte ganz Polen. Bei dem jährlichen Event wird Geld für die Ausstattung von Kinderkrankenhäusern gesammelt.

Zum Zeichen der Trauer wurden in Danzig die Flaggen auf halbmast gesetzt, viele Anwohner zündeten vor dem Rathaus Kerzen an. Politiker aller Parteien äußerten sich entsetzt und verurteilten den Anschlag.

Polens Präsident Andrzej­ Duda sprach Adamowiczs Familie sein Beileid aus. „Ich stehe in Trauer und im Gebet bei seinen Angehörigen, Freunden und allen Menschen guten Willens“, schrieb das Staatsoberhaupt auf Twitter. „Feindseligkeit und Gewalt haben tragischste Folgen und Schmerz gebracht. Das können wir nicht hinnehmen.“

Adamowicz war vehementer Kritiker der Regierungspartei

Auch Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und Innenminister Joachim Brudzinski von der nationalistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) drückten ihr Beileid aus. Adamowicz war ein vehementer Kritiker der Partei.

Adamowicz machte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in Danzig stark und unterstützte die Aktionen zur Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit in Polen gegen die Versuche der PiS, die Kontrolle über die Justiz zu übernehmen. Bei der Wahl 2018 erhielt er zwei Drittel der Stimmen.

Der Angriff auf Adamowicz löste in Polen eine politische Debatte über Hassreden aus. Der heftige Streit zwischen Opposition und der Regierungspartei PiS könne zur Eskalation der Gewalt beigetragen haben, meinten Kritiker. Anhänger verschiedener Parteien mahnten, das Attentat auf Adamowicz nicht zu politisieren.

Innenminister spricht von „Akt der Barbarei“

Der Angriff auf das Leben und die Gesundheit Adamowiczs müsse aufs Schärfste verurteilt werden, schrieb Ministerpräsident Morawiecki bei Twitter. Innenminister Brudzinski sprach von einem „Akt der Barbarei“.

Der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski sprach von einem verbrecherischen Anschlag und einem tragischen Tod. Staatspräsident Duda kündigte an, mit den Vorsitzenden der politischen Parteien einen Marsch gegen Gewalt und Hass zu organisieren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte der Frau des Bürgermeisters auch im Namen seiner Landsleute sein Beileid aus. „Mit großer Trauer habe ich von dem Tod Ihres Ehemannes Pawel Adamowicz erfahren, der Opfer einer so sinnlosen Gewalttat wurde“, erklärte Steinmeier.

Adamowicz sei aktiv an der friedlichen Protestbewegung beteiligt gewesen, die zum Ende des kommunistischen Regimes in Polen führte und den Weg zum Fall der Berliner Mauer bereitete, betonte der Bundespräsident.

Schweigeminute in EU-Parlament

SPD-Chefin Andrea Nahles äußerte sich ebenfalls erschüttert. „Er war ein überzeugter Europäer, der für Weltoffenheit und Toleranz stand. Ein Vorbild für uns alle“, erklärte sie am Montag.

Auch das EU-Parlament hat des gestorbenen Bürgermeisters gedacht. „Wer ihn kannte, wusste um seine Bürgernähe und um seine Fähigkeit zuzuhören“, sagte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani am Montag zu Beginn der Plenarsitzung in Straßburg. Anschließend hielten die Abgeordneten eine Schweigeminute ab – auch für die Opfer des Terrorangriffs von Straßburg vor rund einem Monat. (dpa/rtr/ac/bekö)