Italien

Wie der Papst einen Flüchtling rettet – und nach Rom holt

2016 setzt sich Franziskus für Menschen auf der griechischen Insel Lesbos ein. Unter ihnen: der Syrer Qutiba Toma. Wie geht es ihm?

Qutiba Toma mit dem Papst. Er legt den Arm um seine Schultern, wie Freunde

Qutiba Toma mit dem Papst. Er legt den Arm um seine Schultern, wie Freunde

Foto: Virginia Kirst

Rom.  Den Moment, der Qutiba Tomas Leben auf den Kopf stellt, nimmt er kaum wahr. Seine Finger sind gebrochen, sein Rücken schmerzt. Ein weißer Verband verdeckt die Wunden im Gesicht, seine linke Kopfhälfte ist so geschwollen, dass sein Auge nur noch ein schwarzer Punkt ist. Er kann kaum hören und fast nichts sehen, an diesem Tag im April 2016, als Papst Franziskus im weißen Gewand und weißem Käppchen auf die griechische Insel Lesbos kommt. Der Tag, an dem der Papst ihn auswählt, Qutiba Toma, damals 29 Jahre alt, geflohen aus Syrien. Er darf mit nach Rom.

Tomas Erinnerungen sind wie von einem Schleier verhangen. Heute erzählt er nüchtern von diesem Tag, als würde er über jemanden anderes sprechen, den er nicht so gut kennt.

Als der Papst kommt, ist Qutiba Toma seit 16 Tagen auf Lesbos, erst lebt er im Camp Moria, ein ehemaliges Militärgelände, das jetzt, in der Hochphase der Krise als Flüchtlingslager dient. Zelt steht neben Zelt hinter hohen Zäunen mit Stacheldraht. Enge, Staub, Gestank.

13 Tage passiert nichts

Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder sind in den vergangenen Monaten hierher geflohen, an manchen Tagen fast zehntausend, meist fahren sie in billigen Schlauchbooten über das Mittelmeer, manchmal in alten Motorbooten. Mehrere Tausend ertrinken, obwohl es nur wenige Kilometer von der türkischen Küste bis nach Lesbos sind. Qutiba Toma erreicht das Ufer, trotz seiner Verletzungen. Nach drei Tagen im Camp Moria fahren ihn die Griechen in ein anderes Camp an der Küste mit weniger Menschen, größeren Zelte, vielen Familien und Kindern. Und mit Verwundeten wie ihm. Toma habe den Ärzten gesagt: „Bitte, ich brauche ein Krankenhaus.“ Doch sie geben ihm nur Tabletten und sagen, dass er warten solle. 13 Tage passiert nichts. „Ich war die ganze Zeit drin, bin nicht mal zum Essen gegangen.“

An den Stränden stapeln sich Rettungswesten

Die Insel Lesbos ist in diesen Monaten Symptom des Scheiterns der europäischen Asylpolitik. Symbol einer großen Krise. Hunderte Helfer kommen nach Lesbos, Politiker, Journalisten. Organisationen versorgen die Menschen mit Decken, Essen und Trinken. An einigen Stränden stapeln sich die orangenen Rettungswesten, daneben liegen Haufen aus schwarzem Kunststoff, luftleer, zusammengesackt – die kaputten Boote. Vor allem Syrer und Iraker, immer mehr auch Afghanen, Iraner und Pakistaner fliehen seit Herbst 2015 nach Lesbos.

Als Qutiba Toma im Frühjahr 2016 auf Lesbos ankommt, ist der große Treck längst dort. Oder schon weiter Richtung Westeuropa gezogen. Es ist die Zeit, in der die Türkei und die EU ein Abkommen beschließen. Wer jetzt noch in die EU will, hat es schwerer. Muss er zurück in die Türkei? Toma weiß nicht, wie es weitergehen wird. Bis der Mann mit dem weißen Gewand auf die Insel kommt und sagt: „Wir sind alle Flüchtlinge.“

„Du bist die Hoffnung“

Qutiba Toma erzählt heute, dass er damals – benommen von den Schmerzen seiner Verletzungen – den Trubel aus der Distanz beobachtet habe. Die Polizisten, die Geflüchteten, manche mit Plakaten, auf denen steht: „Wir wollen Freiheit“ und „Du bist unsere Hoffnung“. Auch Männer mit Anzug und Krawatte laufen durch das Lager, der griechische Regierungschef Alexis Tsipras ist dabei. Mittendrin, der Papst. Toma sieht Franziskus das erste Mal. „Ich glaube, jemand hatte ihm meine Geschichte erzählt, denn ich habe trotz meines schlechten Auges gesehen, dass er sich zu mir gewandt und mir zugewinkt hat.“. Würde der Papst sein Versprechen wahrmachen?


Am Tag zuvor waren ein syrischer Übersetzer und zwei Frauen ins Camp auf Lesbos gekommen und hatten nach seinem Namen gefragt. Die Ärzte hatten die Frauen geschickt. Sie hätten ihm gesagt: „Wir wissen, dass du Englisch sprichst. Wir kommen aus Italien und sind hergekommen, um dich mitzunehmen, wenn es dir recht ist.“ Es waren Mitarbeiterinnen des christlichen Vereins Sant’Egidio. Gemeinsam mit christlichen Gruppen hat Sant’Egidio ein Abkommen mit der italienischen Regierung geschlossen. Auf eigene Kosten dürfen sie über drei Jahre 2000 Schutzsuchende aus Krisenregionen nach Italien holen. An diesen April-Tagen 2016 wählen die Frauen von Sant’Egidio ein gutes Dutzend Syrer in Lesbos aus. Familien, viele Kinder, Verletzte. Unter ihnen ist Qutiba Toma.

Die Aktion hat Erfolg

Bis heute sind auf diesem sogenannten „humanitären Korridor“ etwa 1.500 Menschen nach Italien gekommen, hauptsächlich direkt aus Syrien. Der Papst nutzt auf Lesbos seine Macht, wirbt für mehr Mitmenschlichkeit in der Flüchtlingskrise. Er zahlt ihre Reise, will sie mitnehmen in seinem Flugzeug nach Rom. Raus aus Staub und Enge der Lager auf Lesbos.

Papst Franziskus macht Politik. Und seine Aktion hat Erfolg, Medien weltweit berichten darüber. Doch Tausende Menschen bleiben auf der Insel, als der Papst wieder abfliegt.

Auch Qutiba Toma muss noch bleiben. Die Polizei hat Probleme mit seinen Papieren. „Als ich gehört habe, dass die Griechen mich nicht gehen lassen, dachte ich, ich hätte alles verloren“, erinnert er sich. Dann spricht er zum einzigen Mal in dem zwei Stunden langen Gespräch über seine Gefühle: „Ich war traurig und wütend.“

„Wie ein König“

Dabei läuft eine lange Zeit vieles ziemlich gut in Qutiba Tomas Leben. 2008 schließt er im syrischen Homs die Universität ab, wird Erdöltechniker beim französischen Mineralöl-Konzern Total auf dem Ölfeld al-Omar an der irakischen Grenze, kümmert sich um die Anlagen und sucht nach neuen Quellen für den Rohstoff. „Ich fühlte mich wie ein König“, sagt er. „Ich habe viel Geld verdient, hatte ein Auto und ein Haus.“ Bis 2011 der Bürgerkrieg ausbricht.

Als der Konzern das Land verlässt, arbeitet Toma für die Regierung des Diktators Assad. Überall im Land kämpfen Milizen mit Regierungstruppen, immer mehr mischen Islamisten und Terrorgruppen mit. 2013 verlässt Toma das Ölfeld, der wichtige Rohstoff ist hart umkämpft, es wird zu gefährlich für ihn. Dafür steckt ihn die Assad-Justiz für drei Monate ins Gefängnis – und schickt ihn dann zurück zum Ölfeld. Kurz darauf übernimmt die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Anlage. Ein Jahr arbeitet er unter der Herrschaft der Terroristen. Er gehorchte, und trotzdem brachen sie ihm die Finger, erzählt Toma. Einfach so.

Toma beschließt zu fliehen

An den Tag zu Beginn des Jahres 2016, an dem Qutiba Toma so stark verletzt wird, dass sein Gesicht entstellt wird, hat er kaum Erinnerungen. Die westliche Allianz bombardiert das Ölfeld, die Terroristen wollen die Angestellten töten. Dann muss es eine Explosion gegeben haben. So erzählt es Toma heute. In seinen Erinnerungen wacht er in einem kleinen Krankenhaus aus. Qutiba Toma kommt zu sich, sammelt Kräfte – bald beschließt er zu fliehen. Milizen der Freien Syrischen Armee helfen ihm. Über die Türkei landet Toma bald auf Lesbos.

Einen Monat nach dem Besuch des Papstes wird das Versprechen wahr. Die griechischen Behörden genehmigen seinen Flug, in einer Passagiermaschine fliegt Qutiba Toma nach Rom. Die Mitarbeiter des Hilfsvereins Sant’Egidio fliegen mit ihm nach Rom und bringen ihn direkt in ein Krankenhaus. Vier Monate wird er behandelt.

„Vielleicht war es Gottes Plan“

Kurz vor Weihnachten 2018 sitzt Qutiba Toma nur einen Steinwurf von dem Krankenhaus entfernt, in einem kleinen Büro von Sant’Egidio. Toma ist heute 32, aber er sieht mindestens zehn Jahre älter aus. Ein drahtiger Mann in engen Jeans und Turnschuhen, seine schwarzen Haare werden dünner, er hat sie glatt nach hinten gegelt und den Bart akkurat gestutzt. Sein Gesicht ist mittlerweile nicht mehr von einem Verband bedeckt, doch eine Narbe zieht sich von der Stirn durch seine rechte Augenbraue und über den Wangenknochen. Wer mit Qutiba Toma spricht, sieht seine Geschichte in seinem Gesicht nachgezeichnet. Den Krieg, die Flucht, die Rettung.

„Vielleicht war es Gottes Plan war, dass ich vom Papst gerettet werde“, sagt Toma mit tiefer Stimme in flüssigem Englisch mit starkem arabischen Akzent. „Vielleicht hätte mir keine andere Person helfen können – es brauchte jemanden, der so mächtig ist wie er.“

„Wenige Worte mit dem Papst reichen“

Toma ist Moslem, er isst kein Schweinefleisch und vermeidet Alkohol. Aber er betet nicht, spricht nicht vom Koran oder seiner Religion. Nachdem er Ende 2016 das Krankenhaus verlässt, zieht er in eine Unterkunft von Sant’Egidio. Einen Monat später holen ihn Mitarbeiter des Vereins ab. „Ich wusste nicht, wohin wir fahren aber dann waren wir bei diesem Treffen und plötzlich stand dort Papst Franziskus“, sagt Toma heute mit einem Lächeln. „Sie haben ihm gesagt, dass ich Qutiba bin – der, den sie damals zurücklassen mussten. Er hat mich wiedererkannt und gelächelt.“ Mit dem Papst sei es nicht nötig, viele Worte zu wechseln. „Ein Wort reicht und er versteht alles.“

Endlich schafft Qutiba es auch, Kontakt zu seinen Eltern in Syrien aufzunehmen. Er erfährt, dass sein Bruder vor über einem Jahr von einer Bombe getötet wurde. „Ich bin monatelang nicht vor die Tür gegangen. Ich hatte keine Kraft, saß nur zuhause und habe die Wand angestarrt.“

Frikadellen mit dem Papst

In der Zeit danach jobbt er in einem arabischen Restaurant in Rom an der Kasse, nebenbei lernt Toma Italienisch. Manchmal streut er italienische Worte in sein Englisch, zum Beispiel als er von seinem zweiten Treffen mit dem Papst erzählt. Ein Abendessen für die Armen Roms, zu dem auch Toma eingeladen ist. Er sitzt genau gegenüber von Papst Franziskus. Sie essen gemeinsam: Salat, Mozzarella, Frikadellen. „Der Papst hat einen seiner Begleiter gefragt, welches Fleisch das ist, und mir dann gesagt: Keine Sorge, das ist Rind.“ Kein Schweinefleisch. Beim Nachtisch habe der Papst auf das Eis vor Toma gezeigt und ihn gewarnt, dass Alkohol darin sei. „Kein Problem, dann esse ich es nicht“, habe Toma geantwortet. Daraufhin lacht der Papst. „Er hatte nur einen Scherz gemacht.“

Von Qutiba Tomas Treffen mit dem Papst gibt es Fotos, drei Stück insgesamt: Der Papst reicht ihm die Hand, die beiden sitzen sich beim Essen gegenüber und auf dem dritten Foto hat Toma dem Papst seine Hand um die Schulter gelegt. Wie Freunde. Er zeigt die Bilder auf seinem Handy: „Ich kann selbst kaum glauben, dass die echt sind“, sagt er und lacht. „Es ist wie ein Wunder. Meine Freunde und Familie haben mir anfangs nicht geglaubt, dass ich ihn wirklich getroffen habe.“ Denn auch in Syrien sei der Papst sein bekannter und wichtiger und mächtiger Mann.

Arbeit, Wohnung, Hochzeit

Toma zieht aus der Innentasche seiner Jacke ein Blatt Papier und legt es auf den Tisch. „Busta paga – ich wusste ja nicht mal, was das ist, als ich den Vertrag unterschreiben sollte“, sagt er verschmitzt. „Busta paga“ bedeutet Gehaltsabrechnung. 1504,89 Euro verdient Toma bei einer Firma, die Gasleitungen verlegt. Seit zehn Monaten ist er dort festangestellt. Er hat eine Wohnung gefunden: zwei Zimmer, Küche, Bad. Sie liegt keine zwei Kilometer von den Mauern des Vatikans entfernt. „Es war kein Problem sie zu finden – ich habe wegen meiner Arbeit jetzt viele Freunde.“

Und Qutiba Toma hat geheiratet, nach islamischem Recht. Eine junge Syrerin, 25 Jahre alt. Gaia heißt sie. Er kannte sie nicht. Tomas Mutter habe sie für ihn in Syrien ausgesucht und ihm vorgestellt. So erzählt es Toma, wie fast die ganze Zeit in einem nüchternen Ton, als sei auch das für ihn normal: die eigene Ehefrau aus Syrien erst in Italien kennenzulernen. Und vorher nur über das Internet mit ihr zu sprechen.

Nur langsam heilen die Wunden

Mitarbeiter von Sant’Egidio helfen ihm auch hier, nutzen ihr Kontingent des „humanitären Korridors“ und holen Gaia nach Rom. „Seit sie hier ist, sprechen wir viel über die vergangenen Jahre. Gerade die Monate nach meiner Verletzung waren bisher verloren in meinem Gedächtnis, aber langsam kommen die Erinnerungen zurück“, sagt er. Er greift nach Gaias Hand, noch immer etwas unbeholfen.

Nur langsam heilen Qutiba Tomas Wunden. Die Zeit hat keinen Frieden nach Syrien gebracht. Noch immer tobt der Krieg. In Italien baut sich Toma sein neues Leben auf. In einem Europa, das noch immer keine gemeinsame Asylpolitik gefunden hat. In einem Italien, in dem jetzt der extrem rechte Innenminister Matteo Salvini regiert. Ein Politiker, der keine Flüchtlinge mehr aus dem Mittelmeer retten und sie lieber nach Libyen zurückschicken will.

Noch immer harren Menschen auf Lesbos aus

Salvinis Land ist ein Italien, das sich nicht deckt mit dem Bild, das Qutiba Toma hat: „Die Italiener sind wie die Syrer vor dem Krieg: Sie kümmern sich umeinander.“ In Italien seien alle Menschen immer freundlich zu ihm gewesen, sagt Toma. Er habe keine Anfeindungen erlebt. Man müsse eben wissen, wie man mit den Menschen umgehe, das gelte überall auf der Welt.

Vor gut zweieinhalb Jahren besuchte Papst Franziskus die Insel Lesbos. Vor zweieinhalb Jahren kam Qutiba Toma nach Rom. Die Zeit hat auch keine Ruhe nach Lesbos gebracht. Noch immer leben Tausende Geflüchtete auf der griechischen Insel. Mehr Algerier, Nigerianer und Pakistaner sind jetzt dort. In den Zelten wächst der Frust und die Hoffnung schmilzt. Mehrfach kam es seit 2016 zu Ausschreitungen, Flüchtlinge streiten untereinander oder mit der Polizei. Viele trinken, es gibt nichts zu tun. Einmal brennen nachts Zelte ab, zwei Menschen sterben. Nur schaut jetzt niemand mehr so genau hin. Und auch der Papst kommt nicht mehr zu Besuch.