Berlin-Schelte

"Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands"

Boris Palmer, grünes Stadtoberhaupt von Tübingen, hat sich mit Provokationen einen Namen gemacht. Jetzt knöpft er sich Berlin vor.

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) äußerte sich zu dem Vorwurf, dass er nachts einen Studenten in Tübingen angegangen haben soll.

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) äußerte sich zu dem Vorwurf, dass er nachts einen Studenten in Tübingen angegangen haben soll.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Tübingen.  Wer Boris Palmer besuchen möchte, geht durch Kopfsteinpflastergassen, vorbei an Fachwerkhäusern und Türmchen, an Geschäften wie Kornblume Naturkost, Geigenbau Schubert und s’Backlädle. Die internationalen Ketten, die sonst die Fußgängerzonen der deutschen Städte dominieren, gibt es hier kaum. Dann steht man vor dem alten Rathaus aus dem 15. Jahrhundert und fragt sich: Wie kann man in dieser Idylle so zornig werden?

Boris Palmer, 46 Jahre alt, ist seit 2007 Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen, 90.000 Einwohner, südlich von Stuttgart. Er ist der Exzentriker der Grünen, das Enfant terrible, das immer wieder mit seiner harten Haltung in der Flüchtlingsfrage in der eigenen Partei aneckt.

Jetzt hat er wieder mal provoziert. Am 13. November, das wurde vor ein paar Tagen bekannt, lieferte er sich um 22 Uhr eine Auseinandersetzung mit einem 33 Jahre alten Studenten . Dieser wirft Palmer vor, ihn angebrüllt, verfolgt und bedrängt zu haben. Die Begleiterin des Studenten hat Palmer jetzt wegen Nötigung angezeigt.

Boris Palmer verschweigt nicht, laut geworden zu sein

Palmer sitzt in seinem Dienstzimmer. Zweite Etage, Blick auf den Marktplatz. Er trinkt viel Wasser, spricht klar und konzentriert, antwortet in wenigen Sätzen, schaut dabei auf die Tischplatte. Eigentlich hat er viel zu tun, später ist noch Gemeinderatssitzung, sein Terminkalender ist voll, aber er will erklären, wie er die Szene erlebt hat.

Er war auf dem Weg vom Rathaus nach Hause, er ging durch die Pfleghofstraße, eine der Gassen in der Altstadt. „Mir kam ein Paar entgegen, und der junge Mann sagte etwas persönlich Herabsetzendes zu mir.“

Da habe er ihn zur Rede gestellt. Der Mann sei sofort explodiert, habe laut geschrien, Palmer solle abhauen. „Und wegen dieser Kombination aus Respektlosigkeit und dem Verstoß gegen den Schutz der Nachtruhe habe ich gesagt: Nicht mit mir, hier ist mein Dienstausweis, ich bin der Leiter der Ortspolizeibehörde, und ich verlange jetzt ihre Personalien.“

Der Student ist dann gegangen, Palmer hat noch ein Foto gemacht, um dessen Identität feststellen zu lassen. „Das war dann nicht mehr nötig. Er ist zur Presse gegangen und hat sich über mein Verhalten beschwert.“ Palmer verschweigt nicht, dass auch er laut geworden ist.

In der Hauptstadt lachen viele Grünen über ihn

„Wildwestmanier“, kommentiert die „Stuttgarter Zeitung“. Palmer sei die „Karikatur des schwäbischen Spießers“, schreibt „Spiegel Online“. Baden-Württembergs Ministerpräsident, Winfried Kretschmann , auch ein Grüner, sagt: „Ich bin nicht der Hüter der Oberbürgermeister. Ich bin nicht ihr Papa.“ Ricarda Lang, Sprecherin der Grünen Jugend, hält Palmer für einen „herumirrenden Wutbürgermeister“.

In der Hauptstadt lachen die Grünen zum Teil über ihn, ach ja, der Boris Palmer schon wieder. Michael Beck (CDU), Oberbürgermeister von Tuttlingen, findet Palmers Verhalten befremdlich: „Der Oberbürgermeister ist nicht dafür zuständig, Tag und Nacht in der Stadt als Sheriff unterwegs zu sein.“ Boris Palmer, der Dirty Harry von Tübingen?

Er sieht das anders. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass ein Bürgermeister solche Rechte hat“, sagt er. „Die denken dann, das sei Anmaßung. Die Rechtslage ist aber eindeutig.“ Palmer sagt das mit großem Ernst.

Palmer will „rote Linie“ ziehen

Während des gesamten Gesprächs fällt keine ironische Bemerkung, er lacht nicht. Humor bewies er aber in den sozialen Medien. Als der Fall bekannt wurde, stellte er ein Foto, das im Internet kursierte, auf seine Facebook-Seite: Palmer in einer grünen Batman-Maske.

In der Gesellschaft verändere sich etwas, sagt Palmer, es gehe immer weiter in Richtung Selbstermächtigung. „Deshalb haben wir auch immer mehr Widerstand – also Bespucken, Beleidigungen und Respektlosigkeit – gegenüber Polizisten.“

Dieser Entwicklung müsse Einhalt geboten werden. „Ich habe mich an dieser Stelle dafür entschieden, die rote Linie zu ziehen.“ Mittlerweile hat Palmer herausgefunden, dass der Student der SPD nahesteht. „Ich halte ihn für einen dogmatischen Linken. Er hat erklärt, die Veröffentlichung des Vorfalls sei politisch motiviert, weil meine Äußerungen in der Flüchtlingsfrage rechts seien.“

Er provozierte vor der Bundestagswahl mit einem Buch

Oberbürgermeister sind bundesweit meist unbekannt. Sie sind stille Verwalter, die an konkreten Projekten wie mehr Arbeitsplätzen oder neuen Radwegen arbeiten. Palmer ist der bekannteste Oberbürgermeister Deutschlands, aber auch der umstrittenste. Seine Partei setzt in der Flüchtlingsfrage auf Humanität.

Palmer plädierte hingegen dafür, straffällig gewordene Syrer in das Bürgerkriegsland abzuschieben. Im Sommer 2017, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl, provozierte Palmer mit dem Buch „Wir können nicht allen helfen. Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit“.

Viele in den eigenen Reihen glauben, Palmer wolle die bundesweiten Schlagzeilen. Doch er winkt ab: „Das Gegenteil ist der Fall. Diese Vorwürfe höre ich nur von Menschen, die jeden Tag versuchen, eine Schlagzeile zu machen, es aber nicht schaffen.“

In Berlin hält er es nicht aus – zu viel Kriminalität und Armut

In der Hauptstadt hält Palmer es nicht lange aus. „Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands.“ Es klappe einfach gar nichts in Berlin. „Ich komme mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße als spießbürgerliche, baden-württembergische Grünen-Pflanze schlicht nicht klar. Ich will diese Verhältnisse in Tübingen nicht.“

Palmer ist immer froh, wenn er nach Dienstreisen zurück in Tübingen ist. Er schaut aus dem Fenster seines Büros auf die Fachwerkhäuser. „Dieser Marktplatz ist für mich einfach Heimat. Dieser Blick beflügelt mich ähnlich wie der Blick von der Neckarbrücke auf die Altstadt. Das sind für mich die beiden schönsten Orte auf der Welt.“

Vater saß wegen Beamtenbeleidigung im Gefängnis

Schon Palmers Vater war ein Rebell, der sagte, was er dachte. Der Obsthändler und -kundler trat im Südwesten bei mehr als 250 Wahlen an, ohne eine zu gewinnen – und saß wegen Beamtenbeleidigung mehrere Monate im Gefängnis.

Palmer sagt: „Mein Vater hat mich gelehrt, für meine Meinung einzustehen.“ Der Südwestrundfunk kommentiert zum aktuellen Fall, bei Palmer hätten zwei väterliche Gene durchgeschlagen: „seine Neigung zum Aufbrausen und die Unfähigkeit zur Selbstkritik“.

„Die Grünen sind Volkspartei in Tübingen.“

Palmers Bilanz seit 2007 wird auch von seinen Kritikern gelobt. Er zählt auf: CO2-Verbrauch pro Kopf um 25 Prozent reduziert, 8000 neue Einwohner, 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, dabei keine Grünflächen zubetoniert.

Bei Wahlen holt die Umweltpartei in seiner Stadt konstant 30 bis 40 Prozent. „Die Grünen sind Volkspartei in Tübingen“, sagt Palmer. Und bei der Bundestagswahl war die AfD nirgendwo in Baden-Württemberg so schwach wie hier, sie lag bei fünf Prozent. „Das spricht gegen die These, dass ich ein Hetzer sei und die Menschen zur AfD treibe.“

Aber warum dann dieser Zorn? „Ich möchte dieses Idyll in Tübingen bewahren und bin zornig, wenn es in Gefahr gerät“, sagt Palmer. In Freiburg habe sich das Klima nach den Vergewaltigungen verändert. „In Berlin oder Köln fällt die zusätzliche Kriminalität, die die Zuwanderung im Jahr 2015 gebracht hat, qualitativ nicht auf.“

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