Weltkriegsende

Tage der Erinnerung und des Gedenkens

Heute vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Warum Deutschland sich mit dem Gedenken noch immer schwertut.

Merkel und Macron

Merkel und Macron

Foto: Reto Klar

Berlin.  Dieser Tage tragen Briten eine Mohnblüte aus Papier an Revers oder Mantel, an Blaumann oder Hoodie. Die rote Blume ist ein quälend sanftes Symbol für die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie die Historiker sagen, den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren endete. „Auf Flanderns Feldern“ heißt das Trauergedicht, das der kanadische Offizier John McCrae 1915 in sein Notizbuch geschrieben hatte. Sein Freund war tags zuvor gefallen, im deutschen Giftgas, und lag nun in der endlosen Gräberreihe. Dazwischen wogte der rote Mohn: „Wir sind die Toten. Noch vor wenigen Tagen lebten wir, spürten den Sonnenaufgang, sahen die glühende Sonne untergehen, wir liebten und wurden geliebt. Und jetzt liegen wir in Flanderns Feldern.“ Roter Mohn/rotes Blut, Kunst im Krieg, bewusstes Leben und die Betäubungsmacht des aus Mohn gewonnenen Opiums – diese dramatischen Widersprüche des menschlichen Seins bewegen die Briten bis heute. Die Blüten werden von Veteranen gefertigt, die seither für England in die Kriege zogen und versehrt zurückkehrten. Unweit des Trafalgar Square legt die Queen jedes Jahr am 11. November einen Strauß Mohnblumen nieder, wenn Big Ben 11 Uhr schlägt. Bei uns beginnt, maximal unpassend, in diesem Moment der Karneval. Während seiner einwöchigen Wanderschaft zu den Orten des „Großen Krieges“ kam Frankreichs Präsident Emmanuel Macron immer wieder auf die deutsch-französische Freundschaft zu sprechen, jenes große Wunder des 20. Jahrhunderts, das aus dem pathosgebremsten Berlin mehr Zuspruch verdient hätte.

Doch der „Tag der Erinnerung“ wird in Deutschland gleichsam überlagert durch die Wucht des Zweiten Weltkrieges und des Nazi-Schreckens, auch wenn jener erste dem zweiten großen Krieg überhaupt erst den Weg bereitete. Wer kann Begriffe wie „Materialschlacht“, „Dolchstoß“ oder „Dicke Bertha“ jenseits des Juxes einordnen? Nur in wenigen Pazifisten-Haushalten wird „Die Felder von Verdun“ angestimmt, jenes traurige Lied der Folkband City Preachers, in der einst Inga Rumpf und Udo Lindenberg spielten. Kaum wird an den mehr als drei Jahre währenden Stellungskrieg erinnert, der so verbissen geführt wurde, bis keiner mehr wusste warum. Der Weltbestseller „Im Westen nichts Neues“, der die Gräuel in den Gräben beschrieb, gehört mit einer Auflage von über 50 Millionen bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Erzählwerken, war aber jenseits der Grenze populärer als hierzulande. Der Vorabdruck startete übrigens heute vor 90 Jahren in der „Vossischen Zeitung“, die wie die Berliner Morgenpost zum Ullstein-Verlag gehörte. Fünf Jahre später landete das Werk von Erich Maria Remarque ganz oben auf den Bücherhaufen, die die Nazis anzündeten.

Birgt "Babylon Berlin" noch einen pädagogischen Mehrwert?

Mangels Zeitzeugen rückt der Erste Weltkrieg nun in die Sphäre, da die Schlachten ihren Schrecken verlieren, um von kühlen Historikern faktisiert oder in Hollywood/Babelsberg – nur die Liebe zählt – wohlig dramatisiert zu werden, so wie es mit dem Dreißigjährigen Krieg schon lange geschieht? Siegessäulen und Triumph­bögen werden von Mahnmalen zu Selfie-Hintergründen; die Lehren verlieren gegen den unterhaltsamen Grusel. Birgt „Babylon Berlin“ noch einen pädagogischen Mehrwert, weil die Serie nebenbei zeigt, wie eine zarte Demokratie von den Polarisierern der Ränder vergiftet werden kann?

Wer weiß noch um die Verdienste des SPD-Politikers Matthias Erzberger im Waggon 2419 D? Wer vermag den „Anti-Chaos-Reflex“ (so der Berliner Historiker Richard Löwenthal) der gemäßigten Sozialdemokratie wertzuschätzen, als Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die „demokratische Republik“ ausrief, zwei Stunden bevor Karl Liebknecht die „sozialistische Republik“ proklamierte? Wer weiß zu erklären, warum es Bonn ohne Weimar nie gegeben hätte? In wie vielen Schulen wird heute über die tapferen Matrosen der Kriegsmarine gesprochen, die das putschhafte Vorhaben der Generäle durchkreuzten, in einer finalen Seeschlacht vor England ruhmreich unterzugehen, anstatt sich geschlagen zu geben? Ruhm, Ehre, Treue – bis heute vergiftete Begriffe, weil sie Glückseligkeit verheißen, aber den Tod bedeuten. Wer vom Krieg als reinigendem Gewitter faselt, hat nichts, aber auch gar nichts begriffen. Und wer heuchlerisches Neonazi-Toben als Meinungsfreiheit zulässt, ebenso wenig.

Das Hirn neigt dazu, Erlebtes zu manipulieren

Wie aber organisieren wir künftig ein demokratisch relevantes Erinnern, Gedenken, Gemahnen? Wie macht man den Schrecken von einst erfahrbar in Zeiten, da ein stockendes ­W-Lan oder falsch temperiertes Mineralwasser für hysterische Anfälle sorgen? Die Erinnerung, wissen Forscher und Juristen, ist ein tückisches Biest. Das Hirn neigt dazu, Erlebtes zu manipulieren, so wie Diktatoren oder Dummköpfe. Gleichzeitig hat die junge Disziplin der Epigenetik Anzeichen entdeckt, dass sich Traumata unserer Vorfahren in ihren genetischen Codes abbilden, die sie an uns Nachgeborene weitergeben. Viele von uns tragen demnach den Krieg unterbewusst in sich, ohne die Lehren daraus noch parat zu haben.

In Berlin wird ausdauernd über einen zusätzlichen Feiertag debattiert, für viele eine Chiffre für „Shopping“. Warum nicht stattdessen eine Art Jom Kippur, wie er in Israel begangen wird: ein ganzer Tag ohne Essen, ohne Trinken, ohne Autofahren, ohne Sport und Internet, ein kurzes, kollektives Entbehren, im Namen von Demut, Sühne und Versöhnung, das natürlich mit einem großen Fest endet. Jetzt, aber erst jetzt, kann Karneval beginnen.

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