1914-18

Die Hölle von Verdun als Symbol für den Ersten Weltkrieg

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Seine Auswirkungen zeigten sich vor allem in einem Ort: Verdun. Soldaten nannten ihn Hölle.

Deutsche Infanterie-Soldaten in der Schlacht von Verdun. Nach fast einem Jahr blutiger Kämpfe hatte sich der Frontverlauf kaum verschoben.

Deutsche Infanterie-Soldaten in der Schlacht von Verdun. Nach fast einem Jahr blutiger Kämpfe hatte sich der Frontverlauf kaum verschoben.

Foto: akg-images / Science Source

Berlin.  Der Horror beginnt am 21. Februar 1916. Im Wald von Warphémont in Nordostfrankreich schießt ein deutsches 38-cm-Schiffsgeschütz Langer Max eine Granate auf das 27 Kilometer entfernte Verdun ab. Danach eröffnen die 1220 deutschen Geschütze aller Kaliber gleichzeitig das Feuer auf die französischen Stellungen und auf das Hinterland.

Neun Stunden dauert der Beschuss mit einer Heftigkeit, die in der militärischen Geschichte bis dahin ohne Beispiel war.

Verdun gilt als Bollwerk und hat für die französische Bevölkerung eine große symbolische Bedeutung. Deutsche Sturmtrupps mit aufgepflanzten Bajonetten und Stielhandgranaten preschen vor, um die gegnerischen Schützengräben zu besetzen.

Die Soldaten bleiben oft tagelang ohne Nahrung

Die Franzosen leisten zähen Widerstand. Die Soldaten müssen häufig stundenlang ihre Gasmasken tragen und mehrere Tage ohne Nahrung auskommen. Der Durst treibt viele von ihnen dazu, verseuchtes Regenwasser aus Granattrichtern oder ihren Urin zu trinken.

Das Schlachtfeld wird von den deutschen und französischen Kämpfern als „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder schlichtweg „die Hölle “ bezeichnet.

In weniger als einem Jahr sterben 300.000 Soldaten, 400.000 werden verwundet. Die Hauptschlacht endet am 19. Dezember 1916, ohne dass sich der Frontverlauf wesentlich verschoben hätte. Kein Ort ist derart zur Chiffre für die Grausamkeit des Ersten Weltkriegs geworden wie Verdun.

Niemand hat die Gräuel dieses Krieges so hautnah beschrieben wie der deutsche Schriftsteller Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“. Der Ich-Erzähler Paul Bäumer berichtet von den Leiden einer verlorenen Generation. Seine ganze Klasse lässt sich von den patriotischen Reden eines Lehrers anstecken und zieht freiwillig in den Krieg.

Doch in den nassen Schützengräben verwandeln sich die Illusionen in Albträume. Bäumers Kameraden verlieren Arme, Beine, oder es wird ihnen buchstäblich das Hirn aus dem Schädel geschossen. „Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können“, sinniert Bäumer.

Insgesamt fast neun Millionen Soldaten und mehr als sechs Millionen Zivilisten verloren in dem mehr als vier Jahre andauernden Krieg ihr Leben. Auslöser war die Ermordung des Thronfolgers von Österreich-Ungarn, Erzherzog Franz Ferdinand, am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Danach entzündete sich die erste weltumspannende Schlacht der Geschichte.

George F. Kennan sprach von der „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“

Wichtige Kriegsbeteiligte waren Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA andererseits. Der amerikanische Diplomat George F. Kennan sprach von der „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.

Am 11. November 1918 unterschrieben Deutschland und Frankreich in einem Eisenbahnwaggon in Compiègne bei Paris ein Waffenstillstandsabkommen.

Offiziell beendet wurde der Krieg aber erst mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919. Das Papier verpflichtete Deutschland zu Gebietsabtretungen und Reparationszahlungen.

Die Weimarer Republik, die am 9. November 1918 ausgerufen wurde, stand von Beginn an auf schwachen Füßen. Rechtsextremisten verbreiteten die „Dolchstoßlegende“, die der zivilen Führung die Schuld für die deutsche Niederlage zuschrieb.

Fachleute warnen, dass es auch 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs Alarmzeichen der Radikalisierung gebe. „Dieser aus allen Fugen der Gesellschaft ausbrechende Hass, der irgendetwas sucht, um eine neue Gestalt zu gewinnen – das ist nah an dem, was wir heute erleben“, betont der Historiker Gerd Krumeich.

Frankreichs Präsident Macron sorgt sich um ein gespaltenes Europa

Den französischen Präsidenten Emmanuel Macron treiben ähnliche Sorgen um. Europa sei heute gespalten durch Ängste, die Rückkehr des Nationalismus und die Folgen der Wirtsrchaftskrise, sagte Macron unserer französischen Partnerzeitung „Ouest-France“. Er sei „betroffen von den Ähnlichkeiten zwischen der Zeit, in der wir leben, und der zwischen den beiden Weltkriegen“. Der Nationalismus sei „Lepra“ für Europa.

Macron will dagegen ankämpfen. Am 10. November trifft er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer Gedenkveranstaltung in Compiègne, dem Ort der Unterzeichnung des Waffenstillstands. Eine Geste, die unterstreichen soll, dass die Kriegsgegner von einst heute die treibenden Kräfte für ein friedliches und demokratisches Europa sind.

Einen Tag später kommen in Paris rund 80 Staats- und Regierungschefs zusammen – neben Macron und Merkel auch US-Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin.

Der Chef des Élysée-Palasts weiß, dass Europa in Fragen der Rechtsstaatlichkeit in Ost und West gespalten ist und dass Nationalismus, Protektionismus und autoritäre Herrschaftsformen weltweit auf dem Vormarsch sind.

Er will den 100. Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkriegs zu einem Signal der multilateralen Kooperation machen. „Wir dürfen niemals Schlafwandler in unserer Welt sein, lasst uns immer wachsam sein“, begründete Macron den Pariser Gipfel.