Grüne

Wollen Sie jetzt Kanzler werden, Robert Habeck?

Grünen-Chef Habeck spricht im Interview über den Rückzug Merkels, die Siegesserie seiner Partei – und seine persönlichen Ambitionen.

Robert Habeck, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen.

Robert Habeck, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen.

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin.  Der Höhenflug der Grünen reicht weit über einzelne Bundesländer hinaus. 20 Prozent haben die Meinungsforscher von Emnid jetzt für die grüne Partei auf Bundesebene gemessen – Platz zwei hinter der Union, die auf 24 Prozent gesunken ist. Und der Ur-Grüne Daniel Cohn-Bendit sagt über seinen Parteivorsitzenden, Robert Habeck könnte „eines Tages auch Bundeskanzler werden“. Sieht Habeck das selbst so?

Herr Habeck, Union und SPD haben in Hessen eine weitere dramatische Wahlniederlage eingefahren – und Angela Merkel zieht sich vom CDU-Vorsitz zurück. Wie lange geben Sie dieser großen Koalition noch?

Robert Habeck: Mein Appell an Union und SPD lautet: Hört auf mit der Selbstbeschäftigung. Fangt an, eine energische Politik zu machen. Eine, die Probleme löst. Wendet euch mehr der Gesellschaft zu, bezieht sie ein. Das setzt inhaltliche und personelle Veränderungen voraus. Frau Merkels Schritt, auf den Parteivorsitz zu verzichten, muss man mit großem Respekt anerkennen. Der Rest ist Sache der CDU.

Wären die Grünen bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen?

Habeck: Ich verschwende keine Kraft auf das „Was wäre, wenn …?“. Ich erwarte, dass die große Koalition aus dem Dauerkrisenmodus herauskommt. Es gibt genug Krisen um uns herum, auf die wir antworten müssen.

Was raten Sie den Hessen? Kann Schwarz-Grün mit einer Stimme Mehrheit funktionieren?

Habeck: Da wäre ich gelassen. Ich habe in Kiel selber fünf Jahre in einer Regierung gearbeitet, die nur eine Stimme Mehrheit hatte. Die hat gut gehalten.

Sie haben 19,8 Prozent in Hessen geholt – und in Bayern 17,5 Prozent. Ist das der Habeck-Effekt?

Habeck: Nein, das ist der hart erarbeitete Erfolg der bayerischen und der hessischen Grünen. Und dass der Bundesverband mit Annalena Baerbock und mir nicht bremsend wirkt, ist erfreulich.

Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger Simone Peter und Cem Özdemir?

Habeck: Ich kann nicht für unsere Vorgänger sprechen. Ich kann nur sagen, was Annalena und ich uns vorgenommen haben, als wir im Januar gewählt wurden. Da haben wir uns in die Hand versprochen, dass wir Gemeinsamkeit herstellen und die ganze Energie darauf verwenden, denjenigen, die sich nach einer ernsthaften, veränderungsbereiten Politik sehnen, ein Angebot zu machen. Das hat ganz gut geklappt.

Am Wahlabend in Bayern sind Sie von der Bühne ins Publikum gesprungen. Das nennt sich Stagediving, was sonst nur Rockstars machen. Entspricht das Ihrem Selbstbild – Rockstar der deutschen Politik?

Habeck: Nee, das lässt nur einen Schluss zu: Auch Politiker können in einem solchen Moment der Freude und nach 23 Uhr mal übermütig werden. Das war nur eine Kasperei am Rande – nach einem anstrengenden Wahlkampf.

Sie wollen also nicht Joschka Fischer widerlegen? Der einstige Außenminister analysierte nach seinem Rückzug, er sei einer der letzten Live-Rock-‘n’-Roller der deutschen Politik gewesen ...

Habeck: Das war ein Augenblick der Euphorie. Und jetzt geht es mit der Arbeit schon längst weiter. Aber wo Sie Joschka Fischer erwähnen. Es ist schön, dass Leute wie Joschka wieder die Nähe zur politischen Arbeit der Partei finden. Ohne die Generation vor uns wäre dieser Erfolg im Augenblick nicht denkbar.

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Eine andere Grünen-Legende, Daniel Cohn-Bendit, kann sich einen Bundeskanzler Habeck oder eine Bundeskanzlerin Baerbock vorstellen. Geht es Ihnen genauso?

Habeck: Mir geht es so, dass ich mich über die Wahlerfolge in Bayern und in Hessen freue – und jetzt konzentrieren wir uns auf den Bundesparteitag in zwei Wochen. Das wird ein Arbeitsparteitag. Wir setzen den Kurs für die Europawahl. Nur mit Europa werden wir es schaffen, den digitalen Kapitalismus zu zivilisieren, und dafür sorgen, dass auch die Internetgiganten Steuern zahlen. Nur mit Europa können wir die Klimakrise bekämpfen. Und danach kommen übrigens die Wahlen in Ostdeutschland. Die werden für jede demokratische Partei eine enorme Herausforderung.

Keinerlei Gedanke an das Kanzleramt?

Habeck: So ist es.

Die Grünen als stärkste Partei in Deutschland – ist das ein Hirngespinst?

Habeck: Wir bekommen gerade so viel Zuspruch, weil wir nicht über uns nachdenken, sondern darüber, was gesellschaftlich ansteht. Da wollen wir weitermachen.

Im kommenden Jahr wählen Thüringen, Sachsen und Brandenburg, wo die Grünen bisher keine große Rolle spielen. Wie wollen Sie das Blatt wenden?

Habeck: Wir werden viel dafür arbeiten, dass vor allem erst mal die Distanz zwischen Politik und dem, was Leute konkret umtreibt, was sie für Ängste und Hoffnungen haben, geringer wird. Dafür werden wir direkt in die Regionen fahren, zuhören, fragen und intensiv diskutieren. Darauf konzentrieren wir uns.

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