Woche im Roten Rathaus

Im Dauersprint durch die Hansestadt

Die Berliner Grünen haben sich bei einem straff organisierten Ausflug nach Hamburg neue Anregungen geholt.

Joachim Fahrun

Joachim Fahrun

Foto: Reto Klar

Wie von Geisterhand bewegt rollen selbstfahrende Lastmaschinen zwischen unbemannten Kränen an den Kajen von Altenwerder. Im Hamburger Hafen hat sich die Grünen-Abgeordnetenhausfraktion am Donnerstag zum Abschluss ihrer Klausurtagung ein Wunderwerk der Logistik und intelligenten Steuerung angesehen. Die Berliner Landratten staunten nicht schlecht, wie die Hamburger Lagerhausgesellschaft an ihrem voll automatisierten Terminal computergesteuert Tausende Container von den Überseeschiffen holt. Sie lernten, dass es nur fünf Cent kostet, ein iPad aus China im Container nach Hamburg zu bringen. Allein dass die für Berlin bestimmten Transport­kisten fast alle auf Lastwagen verladen werden, störte die Ökos ein bisschen.

Aber auch die Grünen selbst haben in Hamburg eine logistische Meisterleistung vollbracht. Andere Fraktionen, und sonst auch die Grünen, sitzen meist nur in Seminarräumen, diskutieren Positionspapiere. Die SPD gönnt sich bei ihren Klausuren in der Regel einen kleinen touristischen Abstecher, um die Stimmung zu heben. Die kleinste Oppositionsfraktion im Berliner Landesparlament hatte jedoch einen echten Erlebnisausflug organisiert. 75 Abgeordnete, Senatorinnen, Staatssekretäre, Referenten und Mitarbeiter bewegten sich durch Hamburg, aufgeteilt in mal zwei, mal auch mehr Gruppen, in zwei gecharterten Bussen, einem Carsharing-Service-PKW, aber auch mit S- und U-Bahn oder zu Fuß.

15 Punkte - vom Schulbau bis zur Mobilität

15 inhaltliche Programmpunkte hatten Fraktionsgeschäftsführer Olaf Reimann und seine Leute in monatelangen Verhandlungen mit den Hamburgern organisiert. Vom schnellen Schulbau über Hilfen für Flüchtlinge, Fußgängerverkehr, Elektrobusse der Verkehrsbetriebe bis zur Jugendberufsagentur, für alle politischen Interessen war etwas dabei. Dabei ergab sich der Eindruck, dass vieles gut läuft in Hamburg, aber eben nicht alles.

Bemerkenswert waren weniger die Inhalte als die stramme Organisation. Niemand ging verloren, alle waren rechtzeitig zum Abendessen, und am Donnerstagmorgen fuhr der Bus pünktlich um acht Uhr ab. Wenn die Grünen so regieren könnten, wie sie eine ziemlich heterogene Gruppe Menschen durch eine Millionenstadt lotsten, dann müsste man sich um die Zukunft Berlins keine Sorgen machen. Sie haben fähige Leute, altes widerständiges Denken und Handeln leisten sich nur noch ein paar junge Parlamentarier. Im Scherz sprachen sie davon, eine parallel zum Abendessen in St. Pauli laufende Feier des Ölkonzerns Shell zu blockieren. Der Konzern hatte Mitte der 90er seinen schwimmenden Öltank „Brent Spar“ im Meer versenken wollen, was ihn zum Feind der Umweltschützer machte.

Flügelkämpfe spielen keine Rolle

Disziplin und Pragmatismus, das zeichnet sie aus, die Grünen des Jahrgangs 2018. Wurde früher gegen Autoverkehr an sich gekämpft, freuen sie sich heute darüber, dass eine Stadtautobahn jetzt acht statt sechs Spuren haben soll und mit viel Aufwand in einen Tunnel gelegt wird. Und dass für das Containerterminal einst ein ganzes Dorf weichen musste, war auch nur eine Erwähnung wert.

So ganz geheuer war der zweitägige Dauersprint durch die Hansestadt vielen Fraktionären dann doch nicht. Manche überlegten, die letzten Exkursionen vielleicht doch zu schwänzen. Zu wenig Zeit blieb für die immer noch heiß geliebten Debatten. Obwohl die früher notorischen Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis derzeit keine Rolle spielen, muss eine gewisse Selbst­-versicherung eben doch sein. Das war in Reisebussen, U-Bahnwagen oder auf Fußwegen einfach schwierig. Darum will Fraktionschefin Kapek das nächste Mal das Konzept ändern. Ein bisschen reden und vielleicht die Hälfte der Programmpunkte. Immerhin haben die Grünen mit dieser Klausur bewiesen, dass sie fitte Leute in ihren Reihen haben, die wirklich komplizierte Gruppenreisen perfekt durchziehen können.

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