Grünen-Fraktionschef

Anton Hofreiter: „Wir müssen runter von Verpackungsbergen“

| Lesedauer: 4 Minuten
Karsten Kammholz
6 schockierende Fakten über Plastik - und wie man dem Müll den Kampf ansagt

6 schockierende Fakten über Plastik - und wie man dem Müll den Kampf ansagt

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Anton Hofreiter fordert im Kampf gegen den Plastikmüll ein Umdenken. Auch jeder Bürger könnte im Alltag Plastikverpackungen vermeiden.

Berlin.  Die Berichte über die Vermüllung der Meere werden immer dramatischer. Gleichzeitig wachsen gerade hierzulande die Abfallberge. Die Deutschen sind Europameister, wenn es um Verpackungsmüll geht.

Die Grünen fordern daher von der Industrie und den Bürgern ein Umdenken. Anton Hofreiter, Chef der Grünen-Bundestagsfraktion, glaubt, dass Deutschland sogar bei einer besonderen Verpackungstechnologie führend werden kann.

Herr Hofreiter, in keinem europäischen Land fällt so viel Verpackungsmüll pro Kopf an wie in Deutschland. Machen wir etwas falsch?

Anton Hofreiter: Vor allem der Handel macht etwas falsch. Gurken und Tomaten werden in Plastik verpackt, Champignons und Obststücke in Plastikschalen angeboten. Meistens sind diese Folien aus Polyethylen mit gefühlt unbegrenzter Haltbarkeit. Andere Länder sind da längst weiter, in Italien etwa gibt es bereits nur noch kompostierbare Tüten. Wir müssen runter von diesen Verpackungsbergen bei Obst und Gemüse in den Supermärkten. Da ließen sich umgehend Unmengen Plastik einsparen.

Woran hakt es?

Hofreiter: Auch wenn sich einzelne Supermärkte schon bewegen, fehlt in Deutschland der politische Druck auf die großen Supermarktketten, umweltfreundlich zu handeln. Es gibt keinerlei Initiativen der Bundesregierung. Hier denken noch zu viele, dass sowieso alles recycelt wird. Aber das ist mitnichten der Fall. Auch in unseren Flüssen, Parks und Wäldern landet das Plastik.

Auch deswegen gibt es die Debatte um die Plastiksteuer.

Hofreiter: Momentan werden Plastikprodukte subventioniert, weil auf das Rohöl, das für die Herstellung verwendet wird, keine Steuern erhoben werden. Die stoffliche Nutzung von Rohöl ist steuerfrei, während die Autofahrer beim Tanken auf Benzin und Diesel Steuern zahlen. Diese Ungleichbehandlung muss beendet werden.

Was schlagen Sie vor?

Hofreiter: Auf das Rohöl, das zur Herstellung von Plastik verwendet wird, muss auch eine Steuer erhoben werden. Diese Bevorzugung der großen Chemiefirmen beim Rohöl für die Herstellung von Plastik muss ein Ende haben.

Wie hoch sollte die Steuer sein?

Hofreiter: Die Steuer sollte analog zur Mineralölsteuer erhoben werden. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft hat berechnet, dass dem Staat so jährlich 780 Millionen Euro entgehen. Plastikverpackungen zu produzieren ist in Deutschland schlicht viel zu günstig. Deswegen greifen die Supermärkte so gern zu Plastikverpackungen. Wir brauchen Plastik, das zu 100 Prozent abbaubar ist.

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Sie sprechen vom sogenannten Bioplastik?

Hofreiter: Nein, das meine ich nicht. Was als Bioplastik bezeichnet und etwa aus Mais hergestellt wird, ist oft nicht vollständig abbaubar und damit keine echte Alternative. Das Potsdamer Fraunhofer-Institut für Polymerforschung entwickelt gerade zu 100 Prozent abbaubares Plastik, das sich komplett im Wasser auflösen kann. Das ist die Zukunft. Und wir müssen handeln. Denn bald haben wir mehr Plastik als Fische in den Meeren und vergiften uns damit schlussendlich selbst.

Und das abbaubare Plastik ist die Lösung?

Hofreiter: Wir müssen jetzt ordentlich Geld in die Forschung stecken. Das Land Brandenburg tut das bereits mit 2,5 Millionen Euro. Das ist aber angesichts der Größe der Herausforderung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Bundesregierung sollte darum mit mindestens 50 Millionen Euro gezielt die Entwicklung von abbaubarem Plastik fördern. Gleichzeitig muss die Industrie einen Fahrplan bekommen, bis wann sie verbindlich ihre Plastikproduktion umstellen muss. Hier kann und muss Deutschland Vorreiter sein, denn die Frage ist nicht, ob es in Zukunft produziert wird, sondern wo. Die deutsche Chemieindustrie wäre gut beraten, dieses Potenzial zu erkennen und nicht den Fehler der Autoindustrie zu wiederholen, die sich technologisch bei der Entwicklung des emissionsfreien Autos von anderen Ländern überholen lässt.

Was raten Sie den Bürgern, damit sie weniger Müll produzieren?

Hofreiter: Die Bürger können ganz bewusst Plastikverpackungen vermeiden. Die Tomaten muss man nicht in den Plastikschalen kaufen, es gibt sie auch lose. Den Espresso aus dem Café braucht man echt nicht im To-go-Becher. Man kann auch ein paar Sekunden länger im Café bleiben und den Espresso dort trinken oder schicke Mehrwegbecher benutzen.

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