US-Politik

John McCain: Abschied von einem amerikanischen Helden

Vietnam-Veteran, Präsidentschaftskandidat und unbeugsamer Trump-Gegner. Ein Nachruf auf den republikanischen US-Senator John McCain.

John McCain im Jahr 2008 als Präsidentschaftskandidat

John McCain im Jahr 2008 als Präsidentschaftskandidat

Foto: Gerald Herbert / dpa

Washington.  Aufmüpfige Jungbullen ohne Brandzeichen, die niedertrampeln, was sich ihnen in den Weg stellt, werden in der amerikanischen Viehzucht Mavericks genannt. John Sidney McCain III trug das Etikett bis ins hohe Alter selbstbewusst wie einen Ehrentitel.

Wie kein anderer republikanischer Spitzenpolitiker hat der Sohn und Enkel zweier Vier-Sterne-Admirale zeitlebens Parteilinien ignoriert und ohne Rücksicht auf Opportunität und Furcht vor den Mächtigen das gesagt, was er dachte und für richtig hielt.

Die Rolle als Freigeist ließ den in einer US-Kaserne am Panamakanal geborenen Konservativen alten Schlages, den Arizonas Wähler seit 1983 in den US-Kongress entsandten, in den vergangenen zwei Jahren zum noch heller strahlenden moralischen Leuchtturm werden.

Einer Sache dienen, die größer ist als man selbst

Je mehr Donald Trump die Axt an die Wurzeln der Demokratie legte und Amerikas Alliierte vor den Kopf stieß, desto schärfer wurde die Gegenrede des Senators, der es als Ehre empfand, „einer Sache zu dienen, die größer ist als man selbst“. John McCain war bis zuletzt der einsame Rufer in der Wüste, der die Rückkehr zu einer Kultur des Interessenausgleichs in Washington verlangte, in der Demokraten und Republikaner gemeinsam die Zukunft Amerikas gestalten.

John McCain starb in der Nacht zu Sonntag an den Folgen eines Gehirntumors. Selbstbestimmt bis zum Schluss, erklärte sich der siebenfache Vater erst am Tag zuvor für austherapiert, ließ die Medikamente absetzen und machte sich im Kreise seiner Familie, vor allem Ehefrau Cindy und Tochter Meghan, auf seiner Farm im idyllischen „Grünen Tal“ eine Autostunde nördlich von Phoenix bereit zum Sterben.

Getreu den Schlüsselsätzen seines privaten Helden Robert Jordan aus Ernest Hemingways Meisterwerk „Wem die Stunde schlägt“. Darin sagt der dem Tod geweihte antifaschistische Kämpfer aus dem spanischen Bürgerkrieg: „Die Welt ist ein feiner Ort, für den es sich zu kämpfen lohnt. Und ich hasse es so, ihn zu verlassen.“ Dass John McCain, der am 29. August 82 Jahre alt geworden wäre, so lange an diesem „feinen Ort“ wirken konnte und sich über Parteigrenzen hinweg Achtung und Bewunderung erwarb, ist ohne seinen Überlebenswillen nicht denkbar.

McCain galt als lautstarker Gegner der Folter...

Als 31-Jähriger wurde er im Vietnam-Krieg im Kampfflugzeug über Hanoi abgeschossen, mit Bein- und Armbrüchen von den Nordvietnamesen gefasst und im berüchtigten „Hanoi Hilton“ gefoltert. Früher entlassen zu werden, lehnte er ab. Er ließ Kameraden den Vortritt. Nach fünfeinhalb Jahren kam er frei und warf sich Ende der 1970er-Jahre in die Politik.

Die Schmach von Vietnam und die persönlichen Qualen haben McCain geformt und gestählt. Als Präsident George W. Bush, dem er 2000 im Ringen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur unterlag, nach dem Terror von 9/11 die Folterung von Gefangenen wieder gesellschaftsfähig machte, ging der ehemalige Kriegsgefangene auf die Barrikaden, als sei er der Sprecher von Amnesty International.

...aber auch als Freund militärischer Lösungen

Andererseits war niemand lauter als John McCain, der im Irak-Krieg auch dann noch stramme Durchhalteparolen ausgab und nach mehr Truppen rief, als die Mehrheit den Konflikt längst verloren gegeben hatte. Sein Eintreten für militärische Lösungen machte den wortgewaltigen Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses im Senat zum Vorzeige-Falken, der auf internationalen Konferenzen, etwa der für Sicherheit in München, regelmäßig die Säbel rasseln ließ. Sei es gegen Unrechts-Regime in Afrika und Südostasien, sei es gegen seinen russischen Lieblingsfeind, Wladimir Putin, den er öffentlich einen „Killer“ nannte.

Dass Donald Trump, dem er nach Bekanntwerden eines frauenfeindlichen Tonband-Mitschnitts („Grab them by the pussy“) vor der Wahl 2016 die Unterstützung versagte, im Weißen Haus sitzt, war für McCain Verpflichtung, um trotz schwerster Erkrankung so lange wie möglich in Washington Kontra zu geben. Immer wieder fuhr er dem Präsidenten in die Parade, etwa mit seiner entscheidenden Nein-Stimme gegen die Abschaffung der Krankenversicherung „Obamacare“.

McCain nannte Trumps Einwanderungspolitik rassistisch

Immer wieder geißelte er Trumps Einwanderungspolitik als verkappt rassistisch und als überzeugter Transatlantiker und Deutschland-Freund die aggressive Anti-Nato-Linie des Präsidenten als frevelhaft.

Im Mai erschien sein letztes Buch („The Restless Wave“). Es ist ein leidenschaftlicher Appell für das geworden, was Trump niemals besessen hat: Pa­triotismus mit Empathie für die Schwachen. Courage, wenn es drauf ankommt. Und Aufrichtigkeit, gerade in Zeiten, in denen „bombastische Großmäuler“ in Radio, Fernsehen, Internet und Politik rund um die Uhr Gift verspritzen und Verschwörungstheorien füttern.

Obama – ein Mann, mit dem ich zufällig Meinungsverschiedenheiten habe

Am 10. Oktober 2008 lieferte McCain ein Meisterstück des Widerstands ab, das ihn auf ewig aus der Masse der Stromlinien-Politiker herausheben wird. Bei einem Bürgerforum in Minneapolis, das live von Millionen am Fernseher verfolgt wurde, erklärte eine ältere Frau, dass sie Barack Obama, damals McCains Rivale im zweiten Anlauf auf das Weiße Haus, nicht traue, weil er „Araber“ sei.

McCain nahm der Dame das Mikrofon weg und stellte sich wie ein Abfangjäger vor den Konkurrenten. „Nein, gnädige Frau“, sagte McCain, „Obama ist ein ehrbarer Familienmensch und Bürger, mit dem ich zufällig erhebliche Meinungsverschiedenheiten habe.“ Ein Akt der Zivilcourage, der im Zeitalter Trumps, der McCains Heldenstatus aus dem Krieg belächelte („Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen werden“) und ihn noch in der vergangenen Woche mit Häme überzog, kaum denkbar ist.

McCain war Geburtshelfer genau jenes Trump-Populismus

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass John McCain mitgeholfen hat, die Geister zu rufen, die heute in Gestalt von Trump Land und Leute plagen. Als er 2008 gegen Obama vergeblich um die Präsidentschaft rang, holte sich McCain mit Sarah Palin den Prototypen jener missionarischen Politiker-Kaste als Vizepräsidentschaftskandidatin an die Seite, die heute in der republikanischen Partei den Ton angibt.

Die Ex-Gouverneurin von Alaska hat mit ihrem faktenfreien Populismus die Furche gezogen für den Mann, den John McCain als Gefahr für Amerika und den Weltfrieden ausgemacht hat. Und der – anders als Barack Obama und George W. Bush, die als Redner vorgesehen sind – auch nicht zu den Trauerfeiern in Washington und Phoenix eingeladen ist. John McCain wird auf dem Friedhof der Marine-Akademie in Annapolis, Maryland, beerdigt.

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