Terror

Festnahme nach Terrorverdacht: Spur führt auch zu Anis Amri

Die Festnahme eines Islamisten in Berlin zeigt, wie eng Radikale vernetzt sind. Ermittler gehen nun auch Spuren auf Amris Handy nach.

GSG9-Spezialeinsatzkräfte haben in Berlin einen mutmaßlichen Islamisten festgenommen. (Archivbild)

GSG9-Spezialeinsatzkräfte haben in Berlin einen mutmaßlichen Islamisten festgenommen. (Archivbild)

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin.  Als die Polizisten im Februar 2016 das Handy des späteren Berlin-Attentäters Anis Amri beschlagnahmten, war dort unter vielen Kontakten eine Nummer gespeichert: die von Clement B. Der französische Islamist sitzt derzeit in seinem Heimatland in Haft. Er soll gemeinsam mit einem Komplizen einen Anschlag auf die französischen Präsidentschaftswahlen geplant haben. Im April 2017 nahmen Polizisten B. in Marseille fest – in der Wohnung fanden die Ermittler mehr als drei Kilo des Sprengstoffs TATP, eine Maschinenpistole, Munition und andere Waffen.

Nach Informationen dieser Redaktion kannten sich der französische Dschihadist B. und Amri. Das belegt der Kontakt in Amris Handy. Nur: B. war in dem Mobiltelefon des späteren Attentäters am Berliner Breitscheidplatz nicht unter seinem richtigen Namen abgespeichert – sondern unter Pseudonym. Deshalb blieb den deutschen Ermittlern die Verbindung der beiden radikalen Islamisten zunächst verborgen. Und doch zeigt der Fall, wie eng Dschihadisten untereinander vernetzt sind.

Erster Erfolg deutsch-französischer Ermittlergruppe

Seit Monaten arbeiten nun Kriminalbeamte aus Deutschland, Frankreich und Belgien in einem gemeinsamen Ermittler-Team an dem Fall – ein sogenanntes Joint Investigation Team (JIT) geht den Spuren von Clement B. in Deutschland nach. Nach der Festnahme in Marseille fanden die französischen Polizisten schnell heraus, dass B. in Deutschland lebte. Nach Informationen dieser Redaktion reiste der Islamist Mitte 2015 in die Bundesrepublik ein. Auch in Belgien soll B. eine Zeit lang gelebt haben. Der Mann hatte schon in Frankreich engen Draht zu Salafisten aus Russland, sprach nach Recherchen französischer Medien Russisch und Tschetschenisch.

Nun nahmen Spezialkräfte der Sondereinheit GSG9 in Berlin den 31 Jahre alten Magomed-Ali Ch. in seiner Wohnung am Stadtrand fest, Stadtteil Buch. Die Generalbundesanwaltschaft wirft dem Tschetschenen vor, gemeinsam mit Clement B. 2016 einen Anschlag geplant zu haben. Die Festnahme ist ein erster Erfolg der gemeinsamen deutsch-französischen Ermittlergruppe.

Liefen die Maßnahmen ins Leere?

Nach heutigen Erkenntnissen der Ermittler lagerte Ch. in seiner Berliner Wohnung im Oktober 2016 „eine erhebliche Menge TATP“. B. und Ch. wollten offenbar eine Bombe in Deutschland zünden – ein Anschlagsziel ist der Staatsanwaltschaft nicht bekannt. Am 26. Oktober 2016 liefen Polizeimaßnahmen der Berliner Staatsschützer bei dem Tschetschenen Ch. Ob die Ermittler seine Wohnung observierten, oder ihm sogar einen Besuch abstatteten, ist unklar. Der Tschetschene war als Asylsuchender nach Deutschland gekommen. Sein Antrag war jedoch vom Bundesamt abgelehnt worden, bis 2019 soll seine Duldung noch laufen. Deshalb wurde er offenbar nicht abgeschoben.

Ob die Berliner Kriminalbeamten durch einen Informationen, durch Observationen oder einen Tipp etwa durch französische Sicherheitsbehörden auf Ch. gekommen waren, ist ebenfalls unklar. Jedenfalls störten die Polizisten offenbar mit dieser Maßnahme die Anschlagspläne der beiden Islamisten. Nur: Die Beamten wussten bei der polizeilichen Maßnahme im Oktober 2016 gegen Ch. noch nichts von dem Sprengstoff in der Wohnung. Von den Verbindungen zwischen Ch. und B., vom Sprengstoff und den Anschlagsplänen erfuhren die Ermittler erst durch die Festnahme B.s in Frankreich.


Ermittler suchen nach Sprengstoff

Im Oktober 2016 wussten B. und Ch. nun ihrerseits allerdings, dass ihnen die Ermittler auf der Spur waren. Sie fürchteten laut Staatsanwaltschaft, dass die Polizei ihre Wohnung durchsuchen würde und den Sprengstoff finden könnte. Clement B. und Magomed-Ali Ch. trennten sich. B. reiste zurück nach Frankreich, der Tschetschene Ch. blieb in Berlin. Seitdem waren die Ermittler weiterhin an Ch. dran. Der Tschetschene ist nach Information dieser Redaktion als „Gefährder“ beim Berliner Landeskriminalamt geführt, wurde observiert. Das Bundeskriminalamt und der Generalbundesanwalt schalteten sich in den Fall ein.

Mit Hilfe der Franzosen prüften die deutschen Ermittler in den vergangenen Monaten auch Kontakte von B. und Ch. zum Berlin-Attentäter Amri. Sie kamen auf die Nummer in Amris Handy. Wie eng die Bekanntschaft von Amri und B. war, ist unklar. Offenbar war es den Kriminaltechnikern auch nicht mehr möglich, alle Anrufe Amris zu rekonstruieren. Es bleibt bisher offen, wie oft die beiden telefonierten oder sich trafen. Wie Amri war auch der Tschetschene Ch. Gast in der mittlerweile geschlossenen radikalen Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit. Ob Amri auch den nun festgenommenen Ch. kannte, ist ebenfalls unklar. Auch der Franzose Clement B. soll während seiner Zeit in Berlin in der Fussilet-Moschee gewesen sein, gemeinsam mit seinem tschetschenischen Freund.

Anhaltspunkte darauf, dass Amri auch in die Anschlagspläne des Tschetschenen und B. involviert war, gibt es nicht.

Und doch bleibt bei Polizei und Justiz ein Unbehagen: Mit der Festnahme von Ch. wollen die Ermittler nun vor allem klären, wo der Sprengstoff abgeblieben ist, den die beiden Islamisten in der Berliner Wohnung gelagert haben sollen. Der explosive Stoff ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Auch bei der Wohnungsdurchsuchung von Ch. fanden die Ermittler keine Waffen oder Sprengstoff.