Finanzpolitik

Griechenlands Sparkurs bleibt eine soziale Zeitbombe

Die radikalen Kürzungen der griechischen Regierung haben die Menschen in die Verzweiflung getrieben. Vielen Griechen droht Altersarmut.

Alexis Tsipras, Ministerpräsident von Griechenland, will sein Land aus der tiefsten Krise der Nachkriegszeit führen.

Alexis Tsipras, Ministerpräsident von Griechenland, will sein Land aus der tiefsten Krise der Nachkriegszeit führen.

Foto: Petros Giannakouris / dpa

Athen.  „Mehr können wir leider nicht anbieten“, sagt Katerina und stellt einen kleinen Teller mit Gebäck auf den Tisch. Eine Zweizimmerwohnung im Athener Arbeiterviertel Nikaia, 43 Qua­dratmeter. Hier lebt die 38-Jährige mit ihrer 71 Jahre alten Mutter. Ihren vollen Namen will sie nicht online lesen. „Ich schäme mich so – ich bin noch keine 40 und schon am Ende“, sagt sie und bricht in Tränen aus.

Katerina hatte eine gut bezahlte Arbeit als Disponentin eines „Atlantik“-Supermarkts, hoffte auf eine Beförderung. Dann kam die Krise, die Kette ging pleite. Die junge Frau verlor ihren Job, musste ihre Wohnung aufgeben, zog zurück zu ihrer Mutter. Jetzt verdient sie 380 Euro im Monat als Teilzeitkraft in einem Schnellrestaurant und lebt in ständiger Angst, den Job zu verlieren. Die Hoffnung auf eine „richtige Stelle“ hat Katerina längst aufgegeben.

Zu alt für eine Vollzeitstelle

„In meinem Alter kann ich froh sein, wenn ich wenigstens einen Halbtagsjob bekomme“, sagt sie mutlos. Kaum jemand ahnte, was auf Griechenland zukam, als am 23. April 2010 der damalige Premierminister Giorgos Papandreou in einer Fernsehansprache vor der malerischen Hafenkulisse der kleinen Insel Kastelorizo einen Offenbarungseid leistete. An den Finanzmärkten bekam das hoch verschuldete Land kein Geld mehr. Hellas stand vor der Pleite. Papandreou verglich Griechenland mit einem „sinkenden Schiff“.

Das SOS wurde gehört. Doch der Sparkurs, den die Athener Regierungen auf Geheiß der Gläubiger steuern mussten, trieb die Griechen in die tiefste und längste Rezession, die ein europäisches Land in Friedenszeiten je durchzumachen hatte. Makis hat sie am eigenen Leib erlebt: „32 Jahre bin ich zur See gefahren“, erzählt der 61-Jährige. „2013 ging die Reederei in Konkurs, seitdem bin ich arbeitslos – keiner nimmt einen Seemann in meinem Alter.“

Obdachlos am Hafen

Als die Ersparnisse aufgebraucht waren, verlor er seine Wohnung. Jetzt lebt er als Obdachloser am Hafen von Piräus. In vier Jahren hofft er auf eine Rente. „Viel wird es nicht sein“, sagt Makis, „aber hoffentlich genug für ein Dach über dem Kopf.“

Auf dem Papier hat Griechenland die Krise hinter sich gelassen. Seit 2017 wächst die Wirtschaft wieder, wenn auch schwach. Die Arbeitslosenquote wird wieder kleiner. Aber das sagt wenig, denn immer weniger Menschen haben Vollzeitjobs. Von den 1,7 Millionen Beschäftigten in der Privatwirtschaft arbeitet jeder Dritte in Teilzeit – für durchschnittlich 394 Euro netto im Monat. Diese Teilzeitarbeiter haben kaum eine Chance, Rentenansprüche zu erarbeiten. In Griechenland tickt eine soziale Zeitbombe: „Ich fürchte eine Explosion der Armut“, sagt der Ökonomieprofessor Savvas Robolis.

„Die menschliche Krise wird sich noch verschärfen“

Auch Erwin Schrümpf ist besorgt: „Ich denke mal, die menschliche Krise wird sich in den nächsten Jahren noch dramatisch verschärfen, die Menschen werden noch mehr leiden und hungern als bisher.“ 2012 gründete der Salzburger seinen Verein Griechenlandhilfe. Inzwischen haben Schrümpf und seine 40 Mitarbeiter rund 430 Tonnen Hilfsgüter nach Griechenland gebracht.

„Anfangs waren es vor allem Medikamente und medizinisches Zubehör, inzwischen bringen wir auch Babynahrung und Hygieneartikel“, berichtet der 53-Jährige. „Manche Familien haben nicht einmal Geld, um den Kindern eine Zahnbürste oder Schulhefte zu kaufen, in Behindertenheimen fehlt es sogar an Wasch- und Putzmitteln.“ Der Österreicher beobachtet: „Die Not wird nicht kleiner, sondern größer.“

Viele der besten Talente haben das Land verlassen

Rund 500.000 Griechen sind während der Krise ausgewandert, überwiegend Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte. „Die meisten sind nicht vor Arbeitslosigkeit und Not geflohen, sondern vor dem ‚System Griechenland‘ – der Vetternwirtschaft, dem politischen Stillstand und der gesellschaftlichen Apathie“, sagt Nikos Stampoulopoulos.

Der Filmemacher wanderte selbst 2009 nach Amsterdam aus. 2014 kehrte er wieder nach Athen zurück. Dort betreibt der 48-Jährige die Webseite „Nea Diaspora“, auf der sich die Auslandsgriechen vernetzen und austauschen können. An eine Rückkehr denken die wenigsten, sagt Stampoulopoulos. „Griechenland hat in den vergangenen Jahren Hunderttausende seiner besten Talente verloren“, weiß der Filmemacher. „Dieser Exodus ist die schlimmste Langzeitfolge der Krise.“

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