Leitartikel

Debatte um Pressefreiheit muss auch bei uns geführt werden

US-Zeitungen stellen sich zusammen gegen Trump und setzen sich für Pressefreiheit ein. Eine Debatte, die wir auch in Europa brauchen.

Ein Schild mit der Aufschrift „Lügenpresse“ bei einer Kundgebung des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses in Dresden.

Ein Schild mit der Aufschrift „Lügenpresse“ bei einer Kundgebung des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses in Dresden.

Foto: imago stock&people / imago

Berlin.  Wenn amerikanische Leser am Donnerstag ihre Zeitung aufschlagen oder auf deren Webseiten gehen, werden sie alle auf ein Thema stoßen. Sie werden einen Hilferuf der Chefredakteure lesen gegen Medienhetze und „Fake News“ und gleichzeitig ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit der Presse.

Für einen Tag gilt nicht die Journalistenregel „zehn Chefredakteure, zehn Meinungen“, sondern es herrscht seltene Einigkeit: „Der schmutzige Krieg gegen die freie Presse muss ein Ende haben.“ So sieht man es in der Redaktion des renommierten „Boston ­Globe“, der die Aktion gestartet hat – und 100 Zeitungen wollen folgen.

US-Presse kämpft verzweifelt gegen Trump-Regierung

Die historisch einmalige Kampa­gne zeigt, wie verzweifelt die US-Presse mittlerweile gegen eine Administration kämpft, die alle Spielregeln für den Umgang von Macht und Medien außer Kraft gesetzt hat. Eine knappe Mehrheit der republikanisch gesinnten Amerikaner glaubt laut einer jüngsten Studie offenbar, dass „Medien die Feinde des Volkes sind“. Das ist eine hässliche Nachricht für eine Nation, deren Söhne und Töchter auch für die Meinungsfreiheit auf Schlachtfeldern in der ganzen Welt gestorben sind. Das kontinuierliche Diffamieren und Hetzen gegen kritische Medien hat Früchte getragen.

Dabei macht man es sich zu einfach, wenn man Donald Trump alleine dafür verantwortlich macht. Ja, der US-Präsident hat nach Zählung der renommierten „Washington Post“ seit Amtsantritt 4500 Unwahrheiten oder Tatsachenverdrehungen in die Welt gesetzt. Das ist ungeheuerlich, aber es gehören immer zwei dazu, um Lügen erfolgreich in die Welt zu setzen: der Lügner und derjenige, der die Lüge glaubt oder keinen Anstoß an ihr nimmt.

Gegen „Fake News“ braucht es eine kritische Öffentlichkeit

Um Lügen, „Fake News“ und Diffamierungen über die „Lügenpresse“ zu entlarven, braucht es eine kritische Öffentlichkeit, der nicht egal ist, woher ihre Informationen kommen. Nie war ein mündiger, selbstbewusster Leser wichtiger als in einer Zeit, in der die Staatslüge salonfähig wird. Mündig heißt dabei: kritisch, verantwortungsbewusst und realistisch.

Wem saubere, gut recherchierte Information keinen Cent mehr wert ist, der darf sich nicht wundern, wenn er instrumentalisiert statt informiert wird. Ja, öffentlicher Rundfunk, Qualitätsmedien – gedruckt wie online – kosten Geld. Aber nur mit Erlösen ist unabhängiger Journalismus auf Dauer zu finanzieren. Und wir Journalisten dürfen uns nicht wundern, wenn der Leser den Medien zunehmend misstraut, die ihn bevormunden oder ideologisch beeinflussen wollen.

Die Pressefreiheit ist erkennbar im Abschwung

Die Aktion der amerikanischen Zeitungen darf man in ihrer Wirkung sicher nicht überschätzen. Aber sie stößt eine wichtige Debatte an, die nicht nur die Amerikaner betrifft. Nach jahrzehntelangem Siegeszug stagniert die Demokratie, und die Pressefreiheit ist erkennbar im Abschwung. Die Organisation Reporter ohne Grenzen dokumentiert dies eindrucksvoll Jahr für Jahr. In Russland ist die Pressefreiheit schon lange unter Druck, zunehmend aber auch in europäischen Ländern wie Polen, Ungarn und Tschechien. Besonders drastisch ist der Verfall der Pressefreiheit in der Türkei.

Dabei muss man nicht – wie in der Türkei – Journalisten einsperren, um die Freiheit der Presse zu erodieren. Es genügt, ihre Integrität zu zerstören. Es ist erschreckend, wie leichtfertig mitunter der Begriff „Lügenpresse“ in der Debatte um die Qualität der Medien verwendet wird, wie offen Journalisten mittlerweile angefeindet oder bedroht werden. Daher ist es richtig, sich – wie nun in den USA – zu wehren. Das sind Medien den Lesern und Zuschauern, die ihnen vertrauen, schuldig.