Seenotrettung

Rettungsschiff „Aquarius“ in maltesischen Hafen eingelaufen

Nach tagelangem Ausharren auf dem Mittelmeer hat die „Aquarius“ in Malta angelegt. An Board befanden sind 141 gerettete Menschen.

Migranten, die die Besatzung der „Aquarius“ vor der Libyschen Küste aufgenommen hat, gehen in Malta an Land.

Migranten, die die Besatzung der „Aquarius“ vor der Libyschen Küste aufgenommen hat, gehen in Malta an Land.

Foto: GUGLIELMO MANGIAPANE / REUTERS

Valletta.  Das Rettungsschiff „Aquarius“ der Hilfsorganisation SOS Méditerranèe hat am Mittwochnachmittag in der maltesischen Hauptstadt Valletta angelegt. Das Rettungsschiff mit 141 aus Seenot geretteten Menschen an Bord hatte fünf Tage auf hoher See warten müssen, bevor der Inselstaat sich am Dienstag bereit erklärte, es anlanden zu lassen.

Die 141 geretteten Menschen an Bord des Schiffes würden anschließend zwischen Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Portugal und Spanien aufgeteilt, teilte die Regierung von Malta am Dienstag mit.

Deutschland nimmt bis zu 50 Flüchtlinge auf

Deutschland nimmt bis zu 50 Migranten von der „Aquarius“ auf. Das habe Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) „aus Gründen der Humanität“ entschieden, teilte sein Ministerium am Dienstag in Berlin mit. „Deutschland hat sich unter der Voraussetzung, dass auch andere Staaten helfen, bereit erklärt, Malta zu unterstützen.“

Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez erklärte auf Twitter: „Spanien hat ein mit sechs Ländern ein Abkommen zur Verteilung der Aufnahme der Menschen auf der Aquarius koordiniert.“ Sein Land werde 60 der Flüchtlinge aufnehmen.

Bundesregierung: Deutschland wird 50 Migranten von Rettungsschiff "Aquarius" aufnehmen

141 Menschen vor der Küste Libyens gerettet

Das Schiff hatte die Migranten am Freitag von Booten vor der libyschen Küste gerettet. Seitdem warteten die Betreiber des Schiffes – die Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen – auf die Zuweisung eines sicheren Hafens.

Die Regierung von Malta sprach bei der Erlaubnis fürs Anlanden von einem „Entgegenkommen“ Maltas, „obwohl es keine rechtliche Verpflichtung dazu“ gegeben habe. Es sei das zweite Mal, das so ein freiwilliger Verteilungs-Mechanismus eingerichtet werde. Damit verwies sie auf den Fall des Rettungsschiffs „Lifeline“, das fast eine Woche auf dem Meer blockiert war, nachdem es rund 230 Migranten vor Libyen gerettet hatte. Erst nach der Vereinbarung, dass die Migranten unter EU-Ländern aufgeteilt werden, erlaubte Malta im Juni die Einfahrt in einen Hafen.

Streit zwischen Rom und London über Verantwortung

Im aktuellen Fall hatten sich die EU-Partner vier Tage lang gegenseitig die Verantwortung für die Geretteten zugeschoben: Nach Italien, Malta, Spanien und Frankreich machte auch die britische Regierung klar, dass sie sich nicht in der Pflicht sieht, die Anlandung zu garantieren.

Es sei gängig, dass die regionale Seenotrettungsleitstelle in Abstimmung mit dem Kapitän die Anlandung an einem nahe gelegenen sicheren Hafen organisiere, hatte eine britische Regierungssprecherin am Montagabend erklärt. Zuvor hatte die italienische Regierung London aufgefordert, seiner Verantwortung für den Schutz der Schiffbrüchigen nachzukommen. Denn das Schiff fahre unter der Flagge Gibraltars. Das britische Überseegebiet liegt an Spaniens Südküste.

Um die Gemengelage noch komplizierter zu machen, erreichte die Seenotretter von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen die Nachricht, dass Gibraltar dem Schiff die Flagge entziehen wolle. SOS Méditerranée, die das Schiff gechartert hat, legte Einspruch ein und warf Gibraltar vor, politische Absichten zu verfolgen. In den vergangenen zwei Jahren habe die Organisation alle Anforderungen des Flaggenstaats erfüllt. Über Mängel sei nie berichtet worden. Für den Nachmittag ist eine Pressekonferenz in Paris angekündigt.

Große Zahl von unbegleiteten Minderjährigen an Bord

Die „Aquarius“ war am 1. August zurück in die Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste gefahren, obwohl die letzte Rettungsmission in einem Debakel endete. Die populistische Regierung in Italien, die eine harte Hand in der Migrationsfrage zeigt, verwehrte der „Aquarius“ damals mit mehr als 629 Migranten an Bord die Einfahrt in einen Hafen. Auch andere Schiffe, die Menschen aus Seenot gerettet hatten, konnten über Tage hinweg nicht anlegen, weil ihnen nicht sofort ein Hafen zugewiesen wurde. Im Juli hatte Rom zwei Schiffe erst anlegen lassen, nachdem unter anderem Deutschland und Frankreich zugesagt hatten, einige Migranten direkt zu übernehmen.

Große Sorgen bereitet den Helfern an Bord der „Aquarius“ die Vielzahl an unbegleiteten Minderjährigen an Bord. „Viele von ihnen sind chronisch mangelernährt, was wir auf die Haftbedingungen in Libyen zurückführen, wo die meisten keinen Zugang zu ausreichend Nahrung hatten“, sagte eine Sprecherin. „Unsere Teams haben viele Berichte von Missbrauch, Folter, Zwangsarbeit und sexueller Gewalt gesammelt.“ Einige Gerettete hätten die Flucht aus Libyen bereits mehrmals versucht.

(dpa)