Mexiko-Stadt/CARACAS

„Heute wollte man mich töten“

Auf Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wurde angeblich ein Mordanschlag mit Sprengstoff-Drohnen verübt

Mexiko-Stadt/CARACAS.  War es ein Mordanschlag oder ein dramatisch inszenierter Coup eines autokratischen Linksnationalisten, der wegen einer historisch katastrophalen Wirtschaftslage in die Enge getrieben ist? Bei Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro halten kritische Medien offenbar inzwischen selbst das für möglich. Schließlich ist er besonders gut darin, für die unfassbare politische, soziale und vor allem wirtschaftliche Misere, in die er sein Land manövriert hat, andere verantwortlich zu machen. Und die beiden Explosionen bei einer Militärparade in der Hauptstadt Caracas am Sonnabendnachmittag eignen sich hervorragend dafür, von der historischen Inflation, der Finanzkrise und der auch Währungsreform abzulenken, die dem Land bevorsteht.

Hyperinflation in dem erdölreichen Land

Zudem überrascht, wie schnell Maduro angeblich Schuldige präsentieren konnte. Der vorgebliche Mordanschlag war kaum drei Stunden vorüber, da trat das vermeintliche Opfer schon im Präsidentenpalast Miraflores vor die Kameras und nannte Täter, Hintermänner und Geldgeber der Tat. „Heute hat man versucht, mich zu töten“, beteuerte der linksnationalistische Präsident während einer halbstündigen Rede, bei der er allerdings sichtlich mitgenommen wirkte, ihm manchmal die Worte fehlten und er sich des Öfteren widersprach. „Ich habe keinen Zweifel, dass die Ultrarechte Venezuelas mit der Ultrarechten Kolumbiens konspiriert hat und Präsident Juan Manuel Santos hinter dem Komplott steckt.“ Zudem befänden sich die Finanziers des Attentats im US-Bundesstaat Florida. Sechs Verdächtige seien bereits festgenommen worden, teilte die Regierung am Sonntag mit. Einer der „Terroristen“ werde beschuldigt, bereits in einen Anschlag auf eine Militärbasis im Jahr 2017 verwickelt gewesen zu sein, so Innenminister Nestor Reverol.

Die Explosionen ereigneten sich bei einem Festakt zu Ehren der Bolivarischen Nationalgarde GNB auf der Avenida Bolívar im Herzen von Caracas. Um 17.41 Uhr Ortszeit sollen zwei mit Sprengstoff gespickte Drohnen explodiert sein. „Ich sah eine Drohne und dachte erst, es sei eine Kamera, die den Akt filmen würde“, erzählte später Generalstaatsanwalt Tarek William Saab. „Dann aber explodierte sie in unmittelbarer Nähe der Bühne“. TV-Aufnahmen zeigen, wie Maduros Frau Cilia Flores und hohe Regierungsvertreter nach der ersten Explosion ängstlich zum Himmel blicken. Als eine zweite Detonation zu hören ist, schirmen die Sicherheitsleute den Präsidenten und seine Frau hinter schusssicheren Platten ab und führen ihn von der Bühne.

Noch gibt es mehr Fragen als Gewissheiten im Zusammenhang mit den beiden Detonationen, durch die auch sieben Mitglieder der GNB verletzt wurden und die Panik bei Tausenden Soldaten und Nationalgardisten auslöste. Bereits kurz nach den Explosionen stellten regierungskritische Medien die offizielle Version infrage und zitierten angebliche Augenzeugen wie Feuerwehrleute, die sagten, es habe sich nicht um mit Sprengstoff bestückte Drohnen gehandelt, sondern um die Explosion eines Gastanks in einem der Gebäude an der Avenida Bolívar.

Die Vertreter der Theorie eines selbstinszenierten Anschlags führen ins Feld, dass der Internationale Währungsfonds erst vergangene Woche erklärte, die Inflation in dem südamerikanischen Ölstaat erreiche zum Jahresende eine Million Prozent. Der IWF vergleicht die Situation Venezuelas mit der Deutschlands in der Weimarer Republik im Jahr 1923. In einer Reaktion lockerte die Regierung in Caracas die strenge Kontrolle der Wechselkurse. Zum ersten Mal seit 15 Jahren sollen künftig Devisen wieder frei gehandelt werden können.

Der Theorie der Selbstinszenierung widerspricht aber ein Bekennerschreiben einer abtrünnigen, bisher unbekannten Gruppe Militärs, die sich „Soldados de franela“ (Stoff-Soldaten) nennen, weil sie sich das Gesicht angeblich mit einem Stück Stoff vermummen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter erklärten sie, sie hätten zwei mit C4-Sprengstoff beladene Drohnen in die Luft geschickt, die nahe der Präsidenten-Bühne detonieren sollten. Sie seien aber von Scharfschützen der Präsidentengarde abgeschossen worden. „Wir haben gezeigt, dass sie verwundbar sind. Heute haben wir es nicht geschafft. Es ist nur eine Frage der Zeit“, hieß es weiter.

Das Schreiben und der Anschlag vom Sonnabend erinnern an den 27. Juni vergangenen Jahres, als der Hubschrauberpilot Oscar Pérez das Oberste Gericht in Caracas mit Granaten beschoss und die Streitkräfte zum Putsch gegen Maduro aufforderte. Pérez wurde Anfang des Jahres von der Polizei getötet.

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