Johannesburg

Vormarsch der Islamisten in Afrikas Armenhaus

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1000 Bundeswehrsoldaten sind in Mali stationiert. Am Sonntag wählt das Land einen neuen Präsidenten

Johannesburg.  Bis vor zehn Jahren glichen Wahlkämpfe in Mali noch fröhlichen Karnevalsumzügen, heute erinnern sie eher an Beerdigungsfeiern. Drei Tage vor der Präsidentenwahl an diesem Sonntag kam es in der legendären Wüstenstadt Timbuktu einmal mehr zu wilden Schießereien: Gegenüber standen sich hellhäutige Araber und Tuareg auf der einen sowie dunkelhäutigere Afrikaner auf der anderen Seite. Timbuktu ist nur ein Schauplatz der zunehmenden Spannungen, die den westafrikanischen Krisenstaat auseinanderzureißen drohen: Trotz einer UN-Friedensmission unter Beteiligung der Bundeswehr kontrollieren radikale Islamisten weite Landesteile.

Die Bundeswehr muss sich auf einen langen Einsatz einrichten

Die Blauhelme beschützen nach Ansicht von Experten allerdings vor allem sich selbst, während mit der Terrororganisation Al Kaida verbundene Islamisten ihren Machtbereich ausbauen. Die rund 1000 Soldaten der Bundeswehr müssen sich wegen der unruhigen Sicherheitslage auf einen langen Einsatz einrichten: Daran wird auch die anstehende Präsidentenwahl nichts ändern.

Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keïta (71), der sich um eine zweite Amtszeit bewirbt, hat nur eine dürftige Bilanz vorzuweisen: Mali ist eines der ärmsten Länder der Welt, die Infrastruktur ist vielerorts desolat, und fast die Hälfte der Kinder im Grundschulalter – rund 1,2 Millionen – gehen nicht zur Schule. In Keïtas erster Amtszeit weiteten radikale Islamisten ihr Einflussgebiet vom wüstenhaften Norden ins bevölkerungsreiche Zentrum des Landes aus. Die Zahl der Anschläge ist stark angestiegen, unter den Maliern und ihren westlichen Freunden herrscht Ernüchterung.

Trotz internationaler Militäreinsätze und Hunderten Millionen Euro für die Sicherheitskräfte und die Regierung verschlechtere sich die Lage im Land zunehmend, klagt Mali-Experte Andrew Lebovich von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations. Zudem seien Soldaten für Übergriffe auf die Zivilbevölkerung verantwortlich, was den Dschihadisten die Anwerbung neuer Rekruten erleichtere, fügt Lebovich hinzu. Seit Anfang des Jahres sollen fast 300 Zivilisten umgebracht worden sein, darunter auch Kinder.

Keïtas Herausforderer Soumaïla Cissé verspricht den Wählern Reformen. Der 68-jährige Chef der größten Oppositionspartei bemühte sich bereits zweimal vergebens um das höchste Staatsamt: Auch er gilt nicht als Hoffnungsträger, scheint genauso wenig Ideen für eine Befriedung des seit über sechs Jahren von islamistischen Extremisten und Separatisten aufgeriebenen Landes zu haben. Viele Beobachter gehen deshalb von einem Wahlsieg Keïtas aus, auch wenn Cissé gute Chancen zugerechnet werden, den Präsidenten in eine Stichwahl zu zwingen.

Stabilität in Mali zu erreichen, wäre auch für Deutschland wichtig: Zum einen ist der Staat ein Transitland für Migranten, zum anderen wäre der Norden bei einem Staatszerfall das perfekte Rückzugsgebiet für Extremisten aller Art – und das nur eine Landesgrenze vom Mittelmeer entfernt. Schon vor sechs Jahren rissen mit Al Kaida verbündete Islamisten gemeinsam mit Tuareg-Separatisten die Macht im Norden des Landes an sich: Sie wurden erst durch eine französische Militärintervention 2013 zurückgedrängt.

An Bemühungen, den Terroristen militärisch beizukommen, fehlt es nicht: Frankreich hat im Rahmen der Anti-Terror-Mission „Barkhane“ rund 4500 Soldaten in der Sahelzone stationiert. Außerdem sucht die UN-Friedensmission (Minusma) mit knapp 12.000 Soldaten und 1700 Polizisten das Land zu stabilisieren: Es ist der derzeit gefährlichste Friedenseinsatz der Welt.

Die deutschen Soldaten sind vor allem im nordöstlichen Gao stationiert. Mit knapp 1000 Soldaten ist die Mission für die Bundeswehr der zweitgrößte Auslandseinsatz nach Afghanistan. Er kostet jährlich etwa 270 Millionen Euro. Dagegen bekommt Mali an Entwicklungshilfe von Deutschland seit 2013 im Schnitt nur rund 70 Millionen Euro im Jahr. Doch nachhaltig können die Islamisten Experten zufolge nur besiegt werden, wenn der Staat es schafft, den Bürgern eine Grundversorgung zu bieten, also etwa Schulen, Polizisten und eine funktionierende Justiz. „Die Islamisten nutzen sehr geschickt die verbreitete und tief sitzende Unzufriedenheit mit dem Staat aus, besonders im Bereich Korruption, fehlende staatliche Versorgung und Mangel an Sicherheit“, sagt Corinne Dufka, Westafrika-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Malis Regierung scheint überfordert. Laut Unicef stirbt jedes zehnte Kind noch vor dem fünften Geburtstag (in Deutschland etwa jedes 260. Kind). Mit 6,1 Geburten pro Frau hat Mali eine der höchsten Geburtenraten der Welt. Die Bevölkerung wird sich nach UN-Prognosen bis zum Jahr 2050 auf mehr als 40 Millionen Menschen verdoppeln. Millionen junger Menschen brauchen Jobs: Falls das nicht geschieht, drohen sie den Versprechungen der Islamisten auf den Leim zu gehen.

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