Familien

Es braucht eine gerechte Politik für Alleinerziehende

Die Politik würdigt Alleinerziehende zu wenig. Nach wie vor sind sie benachteiligt. Bei der Steuer könnte die Bundesregierung anfangen.

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Berlin.  Für die CSU war das Ehegattensplitting schon immer eine heilige Kuh. So war es Horst Seehofer auch gar nicht recht, als 2013 sein damaliger Koalitionspartner in Bayern, die FDP, auf die Barrikaden ging. Die Liberalen wollten von der Bevorteilung der Alleinverdienerehe, wie sie der CSU-Vorsitzende bis heute selbst führt, abrücken. „Wollen Sie jetzt meine Frau bestrafen, weil sie daheimgeblieben ist und Kinder großgezogen hat?“, lamentierte der damalige Ministerpräsident.

Die veränderten gesellschaftlichen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, gehört nicht zu den Stärken von Horst Seehofer. Aber nicht nur seine CSU, auch die CDU hält das traditionelle Bild der Kleinfamilie bis heute hoch. Auch wenn 56 Prozent der Paare, die das Ehegattensplitting nutzen, keine Kinder in ihrer Erklärung angeben, das belegen Zahlen vom Statischen Bundesamt. Ein Konstrukt, das sich längst von der Realität entfernt hat. Die Politik kommt kaum hinterher.

Ein Ausschnitt aus dieser Realität: Rund 2,6 Millionen Alleinerziehendenhaushalte gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Die Kinder von getrennt lebenden Eltern wachsen zu 90 Prozent bei der Mutter auf, und somit sind meist Frauen die Leidtragenden. Und weil viele Väter keinen Unterhalt zahlen, musste der Staat im Jahr 2017 mit 1,1 Milliarden Euro einspringen und Unterhaltsvorschuss zahlen. Fast die Hälfte dieser Kinder lebt von Hartz IV.

Viele Mütter sind zerrissen zwischen Familie und Beruf

Demgegenüber steht eine andere Zahl. Rund 300.000 Kindergartenplätze fehlen aktuell in Deutschland. Warum ist es so schwer für die Politik, zwischen diesen beiden Faktoren einen Zusammenhang herzustellen?

Klar, es ist löblich, dass der Staat durch eine Reform im vergangenen Jahr in der Lage ist, den Unterhaltsvorschuss für zahlungsunwillige Väter zu begleichen. Aber wäre es nicht besser, Frauen mit Kindern zu ermutigen, in der Arbeitswelt selbstbewusst zu agieren? Dafür müssten mehr Ganztagskindergartenplätze (bis 20 Uhr) geschaffen werden, und vor allem müsste die Stigmatisierung von Müttern, die Vollzeit arbeiten gehen, ein Ende haben.

Seehofer nimmt die Abschaffung des Ehegattensplittings persönlich, Alleinerziehende sollten das auch tun. Weil sie Leistungsträgerinnen sind. Sie ziehen die Kinder groß, erledigen Organisation und Haushalt – immer allein. Haben Alleinerziehende einen Job, parken sie ihre Kinder manchmal mit Laptop im Büro. Sie sind immer in der Rotation, zerrissen zwischen Familie und Beruf. Kinder zu haben, heißt in unserer freien Wirtschaft, Verwundbarkeit zu zeigen. Alleinerziehende haben keinen Plan B. Sie sorgen für Lebensunterhalt und ihre Kinder. Jeden Tag.

Alleinerziehende werden mehrfach bestraft

Die Ehe steht in unserem unionsregierten Land unter besonderem Schutz. Alleinerziehende Haushalte tun das nicht. Sie genießen im Gegensatz zu Ehepaaren verschwindend geringe Steuervorteile. Und sind irgendwann einmal die Kinder aus dem Haus, droht häufig Altersarmut. In Deutschland beträgt die gesetzliche Durchschnittsrente von Frauen 645 Euro im Monat, die von Männern 1595 Euro.

So werden Alleinerziehende hierzulande mehrfach bestraft. Einmal fehlen, wenn ihre Kinder klein sind, die Betreuungsplätze. Sind die Kinder erwachsen, fehlt es den Müttern an Rente, weil sie nur in Teilzeit oder gar nicht arbeiten konnten. Alleinerziehende könnten zu dem Schluss kommen, dass der Staat auf ihre Kosten lebt, weil er ihre tägliche Gratisarbeit in der Erziehung unsichtbar erscheinen lässt. Das wäre der Weg, die Debatte emotional zu führen. Horst Seehofer darf das schließlich auch.