Altenpflege

Wer Pflegeberufe wertschätzen will, muss sie besser bezahlen

Bundeskanzlerin Merkel nennt Altenpfleger „Helden des Alltags“. Doch allein durch das Etikett wird sich für sie kaum etwas ändern.

Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin.

Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Berlin.  So eine Videobotschaft ist für die Kanzlerin eine angenehme Art der Öffentlichkeitsarbeit: Beruhigende Antworten auf unkritische Fragen. In dieser Woche sprach sie zum Thema „Pflege“.

Sie berichtet, wie ihre Minister – Hubertus Heil (Arbeit), Franziska Giffey (Familie) und Jens Spahn (Gesundheit) – einen Aktionsplan ausgearbeitet haben. Es werden ad hoc 13.000 neue Stellen geschaffen, die häusliche Pflege wird überarbeitet und vor allem: Die Anerkennung für den Beruf solle wachsen. Sie nannte die Pflegekräfte gleich „Helden des Alltags“.

Pflegenotstand existiert seit Jahrzehnten

Das Video der Kanzlerin wurde vielfach im Internet kommentiert. Ein Kritiker schreibt: „Als ich vor 40 Jahren mein Examen machte, sagte man mir, es gebe einen Pflegenotstand, aber die Politik wird sich darum kümmern.“ Die Versprechen seien die gleichen, schreibt er. Und: „Die Not ist es auch.“

Es gehört in vielen Berufen dazu, über den Arbeitsalltag zu schimpfen, und richtig, viele von den 1,1 Millionen Pflegerinnen und Pfleger in Deutschland erzählen von Zeitmangel und Überstunden, von Lücken in Dienstplänen und vor allem: über ihren Frust um die geringe Bezahlung.

Viel Teilzeit, kaum Tarifverträge

Pfleger in Altenheimen bekommen in Westdeutschland rund 2600 Euro brutto im Monat, im Osten Deutschlands zum Teil nur 2000. Außerdem arbeiten 60 Prozent der Angestellten in Teilzeit. Tarifverträge gibt es nur vereinzelt und die vielen privaten Heim-Betreiber, rund die Hälfte, lehnen das ohnehin komplett ab.

Nein, durch das Etikett „Held des Alltags“ wird sich für die Mitarbeiter in dieser Branche nur wenig ändern. Helden, das sind Feuerwehrleute und Polizisten – oder der Mann, der hilft, wenn eine Frau sich bedrängt fühlt oder die Frau, die einen Antisemiten in der U-Bahn zurechtweist. Für die Anstecknadel „Held des Alltags“ kann sich eine gute Altenpflegerin aber nichts kaufen.

Merkel sollte Pfleger bei ihrem Besuch gut zuhören

Die Kanzlerin sagt im Video, sie werde am Montag ein Wahlversprechen einlösen – und ein Altenheim besuchen. Ja, wenn sich alle Wahlversprechen so einfach lösen ließen. Es bleibt zu hoffen, sie hört in Paderborn genau hin, was der Pfleger Ferdi Cebi, der sie einst in der Kanzlerarena eingeladen hat, ihr zu erzählen hat.

Er wird ihr nicht nur von der harten Arbeit, den Gerüchen und den Überstunden erzählen. Er gehört nicht zu denen, die nur schimpfen. Schließlich bekommt er auf zwischenmenschlicher Ebene viel zurück. Denn die Pflege ist eine Arbeit, der auch viel Dankbarkeit entgegengebracht wird. Die „Helden“ müssen davon erzählen, nicht nur der Kanzlerin, sondern allen.

Zum Beispiel von der älteren Dame, die einen Brief mit schnörkeliger Schrift an ihren Pfleger gab: „Sie pflegen mich seit fünf Jahren und sind immer freundlich. 1000 Danke.“ Daran klebte ein Kinogutschein für zwei. Oder wie es Ferdi Cebi selbst erzählte: Er bekommt von seinen Schützlingen auch Dating-Tipps.

Wertschätzung gibt es schon, nur nicht bei Bezahlung

Der Pflegeberuf muss nicht „cool“ werden, wie es Ministerin Giffey es gern hätte. Die Pfleger müssen auch nicht zu „Helden“ werden. Der Beruf könnte von sich aus strahlen, wenn die Geschichten, die er erzählt, solche sind, die man selbst gern erleben möchte. Die Anerkennung, die Wertschätzung, welche die Kanzlerin einfordert, es gibt sie schon. Wo sie bisher fehlte, ist vor allem bei der Bezahlung.

Deshalb kann es nur ein Anfang sein, die Ausbildung kostenlos zu gestalten und auch zu vergüten. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass die Kanzlerin vor diesem Montag noch nie ein Altenheim besucht hat, wie sie selbst sagte, dann sollte dieser Besuch auch nur der erste von vielen sein.

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