Tunis/Damaskus

Assads letzte Schlacht

Tagelange Großoffensive der syrischen Truppen gegen Rebellen im Süden. Hunderttausende auf der Flucht. Verhandlungen über Waffenruhe

Tunis/Damaskus. Wieder ziehen Elendstrecks durch Syrien. Hunderttausende Menschen fliehen dieser Tage mit Handkarren, Traktoren und betagten Autos in Richtung Jordanien und Israel. Sie müssen bei brütenden Temperaturen und scharfen Winden in den kargen Grenzregionen ausharren. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mittlerweile 330.000 der 725.000 Bewohner der südlichen Rebellenenklave auf der Flucht vor der Großoffensive der syrischen Truppen, iranischen Milizen und russischen Luftwaffe. „Jeder rennt um sein Leben“, sagte einer der Neuankömmlinge. „Wir haben unsere Kinder, unsere Häuser und unsere Schutzräume verloren“, klagte eine Frau in einem der provisorischen Lager. „Es ist nichts mehr übrig als Steine“, erklärte ein Aktivist der Opposition gegenüber der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Trotzdem weigern sich Jordanien und Israel, die Fliehenden über die Grenze zu lassen. Die Vereinten Nationen warnten vor einer humanitären Katastrophe. Nach Angaben von Menschenrechtlern blockiert Damaskus seit einer Woche sämtliche jordanischen Hilfskonvois ins syrische Grenzgebiet, die den Gestrandeten Zelte, Essen und Wasser bringen wollen. Israel versorgt die Geflohenen in Grenznähe.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind viele Kinder unter den Opfern der jüngsten Gewaltwelle. „Wir haben grauenhafte Berichte erhalten über eine ganze Familie mit vier Kindern, die in einem Dorf in der Region Daraa getötet wurde“, sagte der Unicef-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika, Geert Cappelaere, in Amman. Die Zahl der Kinder, die allein im Südwesten Syriens in den letzten drei Wochen Berichten zufolge getötet worden sind, ist damit auf 65 gestiegen.

In Daraa im Südwesten des Landes hatten im März 2011 die Proteste gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad ihren Anfang genommen. Der Funke des „Arabischen Frühlings“ war auf das Land übergesprungen. Vor mehr als zwei Wochen begann der Generalangriff der Assad-Kräfte auf die Provinzen Kuneitra und Daraa. Mehr als 130 Menschen sind bisher in Daraa gestorben, acht Kliniken wurden beschädigt oder zerstört. Aktivisten posteten im Internet ein Foto aus der Kanzel eines Kampfhubschraubers, dessen Pilot einen Zettel in der Hand hielt mit dem Text: „Hier in Daraa begann die Krise, und hier werden wir sie beerdigen.“

Mittlerweile gibt es zumindest Anzeichen auf eine Entschärfung der Lage. Die syrischen Rebellen haben sich nach eigenen Angaben mit russischen Militärs auf ein Ende der heftigen Kämpfe um die Provinzhauptstadt Daraa verständigt. „Die Einigung beinhaltet eine Einstellung der Kampfhandlungen beider Seiten“, erklärte Ibrahim Dschabaui, Sprecher des Zentralkommandos der Rebellen um Daraa.

Wann die Einigung in Kraft treten soll, sagte er nicht. Die Gespräche über Detailfragen dauerten weiter an. Die Rebellen in der heftig umkämpften Region an der Grenze zu Jordanien und den Golanhöhen sagten demnach zu, schrittweise die Waffen abzugeben. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, dass syrische Truppen die Kontrolle über einen Grenzübergang nach Jordanien übernommen hätten. Rund 20.000 Geflüchtete seien daraufhin in ihre Häuser zurückgekehrt.

Daraa ist neben der nordwestlichen Provinz Idlib eine der letzten Regionen, die noch unter Kontrolle der Rebellen stehen. Die Widerständler sind ein bunt gemischter Haufen von verschiedenen Gruppen, bei denen Islamisten, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen, mittlerweile den Ton angeben.

Eine russische Delegation verhandelt derzeit mit Rebellen und zivilen Vertretern des Südens über einen von Moskau so betitelten „Versöhnungsvertrag“. Die früher vom Westen unterstützte Fraktion Shabab al-Sunna ließ sich auf ein Angebot ein: Es garantiert den Kämpfern persönliche Sicherheit, wenn sie ihr Waffenarsenal aushändigen. Auch rund 30 Dorfvorsteher in den Gebieten westlich von Daraa erklärten sich bereit, unter die Kontrolle des Assad-Regimes zurückzukehren. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte vom Sonnabend sind Tausende geflüchtete Syrer in ihre Häuser im Süden zurückgekehrt.

Moskau schlägt vor, dass nach einem Ende der Kämpfe alle Zivilisten unter dem Schutz russischer Militärpolizisten und syrischer Polizei in ihre Häuser zurückkehren dürften. Einen Transfer von Kämpfern in andere Rebellengebiete lehnen die Russen jedoch rigoros ab. Stattdessen müssten junge Männer, die wehrpflichtig seien, innerhalb von sechs Monaten ihren Status mit der syrischen Armee klären. Einwohner und Rebellen befürchten daher, das Regime werde sich nach der Entwaffnung der Opposition rächen und alle Widersacher verhaften, foltern und töten.