Renteneintritt

Krankenkasse: Trend zur Frühverrentung bringt Probleme

| Lesedauer: 5 Minuten
Theresa Martus
Viele Berufe sind körperlich so anstrengend, dass sie nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter ausgeübt werden können.

Viele Berufe sind körperlich so anstrengend, dass sie nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter ausgeübt werden können.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die Techniker Krankenkasse schlägt Alarm: Trotz Anhebung des offiziellen Rentenalters hören mehr Menschen frühzeitig auf zu arbeiten.

Berlin.  Wenn die Rente am Ende des Arbeitslebens eine Ziellinie ist, rückt sie immer weiter nach hinten – und die Zahl der Menschen, die das Rennen vorzeitig abbrechen müssen, wächst. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen geht vor dem offiziellen Renteneintrittsalter von derzeit 65,5 Jahren in den Ruhestand. Viele nehmen dabei auch Abschläge bei der Rente in Kauf, wie der „Gesundheitsreport 2018“ der Techniker Krankenkasse (TK) ergab, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Unter jenen beispielsweise, die 2017 schon mit 64 im Ruhestand sind, nimmt rund ein Drittel Abschläge bei den Bezügen hin. Jeder Siebte wäre auch gar nicht in der Lage gewesen, weiterzumachen, ging wegen Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit oder einer schweren Behinderung in Rente.

Wer frühzeitig in den Ruhestand geht, bekommt weniger Geld

Das Problem, nach Aussage von TK-Chef Jens Baas: „Menschen schaffen es gar nicht, so lang zu arbeiten wie sie arbeiten sollten.“ Es bringe deshalb auch wenig, das Renteneintrittsalter immer weiter zu erhöhen.

Seit 2012 wird die Zeit bis zum abschlagsfreien Renteneintritt stufenweise erhöht. Ziel ist ein regulärer Beginn des Ruhestands mit 67 Jahren, das soll 2029 erreicht sein. Kassen-Chef Baas bezweifelt aber, dass Beschäftigte dann tatsächlich auch länger arbeiten. „Ein höheres Renteneintrittsalter hat nichts mit längerem Arbeiten zu tun“, so Baas, „sondern nur mit niedrigen Bezügen.“ Denn wer vor dem festgesetzten Alter in den Ruhestand geht, bekommt weniger Geld.

Wenn die Babyboomer gehen, droht Fachkräftemangel

Baas plädiert deshalb dafür, in den Betrieben Rahmenbedingungen zu schaffen mit denen Menschen tatsächlich länger arbeiten können. Denn auch für Firmen ist die große Zahl von Mitarbeitern, die früher in den Ruhestand gehen, absehbar ein Problem. Der Mangel an qualifiziertem Personal, über den viele Branchen bereits jetzt klagen, wird dadurch verschärft. Und die große Lücke kommt erst noch: Dann nämlich, wenn die Babyboomer, also Menschen die in den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1955 und 1969 zur Welt kamen, in Rente gehen.

Ziel der Auswertung, für die Daten aus fünf Jahren gesammelt wurden, war ein Überblick über Erwerbsbiografien von Menschen in Deutschland. Dazu hat die TK zwischen 2013 und 2017 verfolgt, ob und wie rund dreieinhalb Millionen Versicherte zwischen 20 und 65 Jahren beschäftig waren. Der große Teil der Versicherten – rund zwei Drittel – hatte dabei durchgängig Arbeit. Bei 32,8 Prozent gab es mindestens eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit.

Viele junge Menschen sind nach dem Studium arbeitslos

Viele Versicherte nahmen sich beispielsweise Zeit für die Familie: 9,6 Prozent der Unterbrechungen gingen zurück auf Mütter und Väter in Elternzeit. Der größte Teil der Pausen in der Erwerbstätigkeit war allerdings unfreiwillig: 15,2 Prozent der Gruppe, deren Daten das Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (aQua) im Auftrag der TK ausgewertet hat, waren in den fünf Jahren mindestens einmal arbeitslos. Unter jungen Menschen lag dieser Anteil sogar doppelt so hoch.

Thomas Grobe vom Institut aQua erklärt das vor allem mit der Jobsuche nach dem Studium. So waren junge Versicherte meist weniger als sechs Monate ohne Arbeit. Anders dagegen die Lage bei älteren Beschäftigten: Die sind deutlich häufiger auch für längere Zeiträume arbeitslos gemeldet – und gehen auch deswegen früher in Rente.

So waren rund zehn Prozent der 60-Jährigen mindestens ein Jahr ohne Beschäftigungsverhältnis, rund vier Prozent sogar mehr als zwei Jahre. Besonders hoch ist das Risiko längerer Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Schulabschluss, in Leiharbeit und befristeten Arbeitsverhältnissen.

In vielen Berufen ist arbeiten bis 65 nicht möglich

Dazu kommt: Nicht alle Berufe können überhaupt bis zum Ruhestand ausgeübt werden, selbst wenn eine Stelle da ist. Vor allem Beschäftigte aus der Metall- und der Baubranche, aber auch aus Logistik- und Dienstleistungsberufen arbeiten häufig nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter – der Arbeitsalltag in diesen Branchen ist dafür körperlich zu anstrengend. TK-Chef Baas spricht sich deshalb dafür aus, auch solche Aspekte bei der Frage des Renteneintrittsalters zu berücksichtigen. Man müsse die ganze Erwerbsbiografie einer Person in den Blick nehmen, so Baas.

„Und dann muss man das so gestalten, dass in dem Alter, in dem man körperlich in Rente gehen muss, man auch finanziell in Rente gehen kann.“ Der Zeitpunkt, an dem nichts mehr geht, kann laut TK mit betrieblichen Gesundheitsmanagement nach hinten geschoben werden. Gemeint sind damit nicht nur klassische Angebote wie Sportkurse. Auch flexible Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit oder Telearbeit können helfen, Mitarbeiter länger im Berufsleben zu halten.

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