Valencia/Madrid

Valencia bereitet sich auf die „Aquarius“-Flüchtlinge vor

| Lesedauer: 4 Minuten
Ralph Schulze

Spanische Stadt lässt 630 Migranten von Bord gehen. Auch an anderen spanischen Orten kommen immer mehr Bootsmigranten an

Valencia/Madrid. Ralph Schulze

Valencia, Stadt der Zuflucht: Mit diesem Willkommensplakat will die spanische Stadt die Flüchtlinge der „Aquarius“ begrüßen. Sie sollen heute im Hafen der Stadt von Bord des Rettungsschiffes und der beiden Beiboote gehen. Nachdem sich Italien und Malta geweigert hatten, die Schiffbrüchigen an Land gehen zu lassen, ist Spaniens Regierung eingesprungen und bot als humanitäre Geste den 630 Flüchtlingen den Hafen Valencia an.

Arbeiter bauten am Sonnabend ein Feldlazarett auf und luden Paletten mit Lebensmitteln, Wasserflaschen, Kleidung und Hygieneartikeln ab. Mehr als 1000 Rotkreuzhelfer sollen die Schiffbrüchigen versorgen, die am vergangenen Wochenende vor der Küste Libyens aus dem Meer gerettet wurden. Zur Operation „Hoffnung Mittelmeer“, wie der Einsatz von den spanischen Behörden getauft wurde, gehören auch Hunderte Polizisten und Dolmetscher.

Aus Sicherheitsgründen sind die 630 Geretteten vor der 1500 Kilometer langen Seefahrt nach Spanien auf die drei Schiffe verteilt worden. Um eine geordnete Versorgung der Menschen sicherzustellen, sollen die Schiffe am Sonntag nicht gleichzeitig in den Hafen fahren, sondern in dreistündigem Abstand. Wie die Hafenbehörden ankündigten, wird zuerst gegen sechs Uhr das italienische Küstenwacht-Patrouillenschiff „Dattilo“ anlegen. An zweiter Stelle, gegen neun Uhr, darf die „Aqua­rius“ – das Hilfsschiff von Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée – einfahren. Gegen Mittag wird das italie­nische Marineschiff „Orione“ festmachen.

Am vergangenen Wochenende hatte die „Aquarius“ vor der Küste Libyens zunächst 229 Menschen aus Seenot gerettet. Weitere 400 Schiffbrüchige waren auf Anordnung der italienischen Seenotzentrale von der italienischen Küstenwacht und von Handelsschiffen übernommen worden. Doch dann schloss Italiens neue Populistenregierung, welche private Hilfsschiffe wie die „Aquarius“ aus dem Mittelmeer vertreiben will, ihre Häfen.

Der Großteil der 630 Geretteten stammt aus den Kriegs- und Krisenländern Sudan, Südsudan, Eritrea und Nigeria. Das zweitgrößte Kontingent kommt aus den westafrikanischen Armutsländern Guinea, Sierra Leone, Elfenbeinküste, Gambia und Senegal. Auch etwa 60 Menschen aus den nordafrikanischen Ländern Algerien und Marokko sind dabei. Unter den Ankommenden befinden sich 80 Frauen (von denen sieben schwanger sind) und elf Babys. Zudem wurden 123 Minderjährige gezählt, die sich ohne Eltern aus ihren Heimatländern auf den langen Weg nach Europa machten. Die meisten haben lange – Wochen oder Monate – im Chaos-Land Libyen ausgeharrt, immer in der Hoffnung auf eine Chance zur Überfahrt nach Europa. Ihre gesamten Ersparnisse überließen sie den Schleppern.

Sie litten unter Gewalt, sexuellem Missbrauch, wurden ausgeraubt oder waren in libyschen Lagern eingesperrt. „Es ist klar, dass diese Menschen traumatisiert sind. Nicht nur, weil sie übers Mittelmeer gekommen sind, sondern weil sie in Libyen waren“, sagt David Noguera, Spanien-Chef von Ärzte ohne Grenzen. „Ich ging nach Libyen, um Arbeit zu suchen“, berichtete etwa der 20-jährige Ibrahim den Rettern auf der „Aquarius“. „Als ich dort ankam, wurde ich als Sklave versteigert und für 1000 Dinar verkauft.“ An einem Tag sei ein betrunkener Kumpane des Sklavenhalters gekommen und habe mehrere Afrikaner erschossen. „Ich musste dann die Leichen aufsammeln und vergraben.“ Folter, Prügel, Vergewaltigungen – viele Schiffbrüchige erlebten ein Inferno in Libyen.

Valencia ist an diesem Wochenende nicht der einzige spanische Hafen, in dem schiffbrüchige Migranten an Land gehen. In Südspanien kamen allein am Freitag und Sonnabend rund 800 „Boatpeople“ an, die vom spanischen Grenzschutz und dem Seenotrettungsdienst aus dem Wasser gefischt worden waren. Sie hatten sich in nahezu 70 kleinen Schlauchbooten von Marokko aus auf den Weg gemacht. Seit Montag landeten nahezu 2000 Bootsmigranten in Südspanien. Seit Jahresbeginn gelangten schon mehr als 10.000 dorthin, rund doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Spanien steht derzeit bei der Zahl der Bootsankünfte noch knapp hinter Italien und Griechenland. Doch dies könnte sich, angesichts immer größerer Hindernisse auf der östlichen und der zentralen Mittelmeerroute, bald ändern.

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