Berlin

Iraker gesteht Tötung von vierzehnjähriger Deutscher

Elite-Einheit der Kurden nimmt 20-Jährigen im Nordirak fest – politische Debatte um Umgang mit straffälligen Asylbewerbern in Deutschland entbrannt

Berlin.  Nur zwei Tage nach seiner Flucht aus Deutschland soll der mutmaßliche Mörder der getöteten Susanna (14) aus Wiesbaden in irakischer Haft ein Geständnis abgelegt haben. Das meldete der kurdisch-irakische TV-Sender Rudaw unter Berufung auf einen lokalen Polizeioffizier. Nach Informationen des Flughafens von Erbil war der Gesuchte bereits Sonnabendabend zur Auslieferung an deutsche Behörden auf dem Weg nach Frankfurt/Main.

Ali B. habe nach seiner Festnahme in den kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak ausgesagt. „Als wir ihn verhörten, hat der junge Mann aus Kurdistan gestanden, die junge Deutsche getötet zu haben“, erklärte Polizeigeneral Tarik Ahmed aus der Stadt Dohuk dem Sender. Ali B. habe berichtet, dass er mit dem Opfer befreundet war und in Streit geraten sei. Der Polizeichef: „Er sagte, er habe das junge Mädchen getötet, als es gedroht habe, die Polizei zu rufen.“ Angeblich gestand der Iraker auch, das Mädchen erwürgt zu haben.

Der 20-Jährige war in seinem Heimatort Zakho durch die Elite-Einheit Zeravani festgenommen worden. Die Truppe ist Teil der kurdischen Peschmerga-Kämpfer, die in der Vergangenheit mit Waffen aus Bundeswehrbeständen ausgerüstet wurden.

Die Mutter des Verdächtigen reagierte ungläubig auf die Vorwürfe. „Das ist schwer zu glauben, das kann doch alles nicht wahr sein“, sagte Kalida M. in der nordirakischen Stadt Sakho der Deutschen Welle. Ihr Sohn habe ihr versichert, sich nicht an die Tat erinnern zu können, weil er zu betrunken gewesen sei. Die Familie habe erst durch die Verhaftung des 20-Jährigen im Irak und die Nachrichten im Internet von den Vorwürfen erfahren. Sie, ihr Mann und die sechs Kinder hätten Deutschland am 2. Juni freiwillig verlassen, weil ihr Mann schwer krank sei.

„Ich wollte nicht, dass er im Ramadan in der Fremde stirbt und ich dann ein schlechtes Gefühl habe“, sagte Kalida M. Sie wandte sich gegen eine Auslieferung an Deutschland. „Ich will nicht, dass mein Sohn in einem fremden Land bestraft wird. Wenn er wirklich schuldig ist, dann soll er hier im eigenen Land bestraft werden.“ Sollte er wegen Mordes verurteilt werden, würde Ali B. im Irak die Todesstrafe drohen.

Die am Mittwoch in Wiesbaden tot aufgefundene 14-jährige Susanna F. aus Mainz ist nach bisherigem Ermittlungsstand Opfer eines Gewaltdelikts geworden. Ali B. soll das Mädchen in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai vergewaltigt und anschließend durch Gewalt gegen den Hals getötet haben. Ihre Leiche war nach dem Hinweis eines 13-Jährigen in einem Erdloch bei Wiesbaden gefunden worden.

Der mutmaßliche Täter war mit seiner Familie nach der Tat ungehindert über den Flughäfen Düsseldorf nach Istanbul geflogen und weiter nach Erbil in den Nordirak gereist. In der Nacht zu Freitag wurde er dann in seinem Heimatort Zakho festgenommen.

„Der Spiegel“ berichtet, dass Ali B. in Mainz mit Haschisch und Marihuana gedealt habe. Fast täglich sei er auf dem zentralen Platz der Deutschen Einheit in der Wiesbadener Innenstadt unterwegs gewesen, um Drogengeschäfte zu machen, nur wenige Meter vom ersten Wiesbadener Polizeirevier entfernt.

Die Polizei habe davon nichts bemerkt, zumindest sei kein Bezug des Verdächtigen zum Drogenhandel aktenkundig geworden. Polizeibekannt war Ali B. wegen anderer Delikte. Er soll an einer Schlägerei beteiligt gewesen sein, eine Stadtpolizistin bespuckt und tätlich angegriffen, sowie einige Tage später einen Mann mit einem Messer bedroht und beraubt haben. Außerdem war Ali B. auch mit der Vergewaltigung einer Elfjährigen in Verbindung gebracht worden, ohne dass der Tatvorwurf erhärtet werden konnte.

Unterdessen hat sich am Fall der getöteten Susanna eine politische Debatte über den Umgang mit Asylbewerbern entzündet. Die Unionsfraktion fordert eine Beschleunigung der Asylklageverfahren. „Es darf nicht sein, dass ein abgelehnter Asylbewerber sein Aufenthaltsrecht allein durch eine Klage um deutlich mehr als ein Jahr verlängern kann“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Mathias Middelberg, der „Rheinischen Post“. Neben der personellen Ausstattung der Verwaltungsgerichte komme es nun drauf an, zu entscheiden, „wo wir das Asylprozessrecht verändern müssen“, sagte der CDU-Politiker.

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) forderte eine schonungslose Aufklärung. „Ein solches Verbrechen muss Folgen haben“, sagte sie der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Die Straftäter, „aber auch diejenigen, die ihre staatlichen Pflichten vernachlässigt haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden“, erklärte die SPD-Politikerin.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) warnte vor einer Instrumentalisierung des Mordfalls in der öffentlichen Debatte. „Ich verwehre mich dagegen, wenn solche Fälle dafür genutzt werden, um Hass und Hetze zu verbreiten“ sagte die Politikerin der Nordwest-Zeitung, „da müssen wir gegenhalten.“

Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, mahnte, in dem Fall einen kühlen Kopf zu bewahren. „Ich warne vor Schnellschüssen“, sagte die Staatsministerin im Kanzleramt in einem Interview des Deutschlandfunks.

Mit einer Schweigeminute haben gestern etwa 75 Menschen in Mainz der Getöteten gedacht. Es helfe nicht, „Hass mit Hass zu begegnen“, sagte eine Rednerin am Sonnabend auf der Veranstaltung, zu der die „Gutmenschliche Aktion Mainz“ aufgerufen hatte. Ebenfalls am Sonnabend demonstrierte die AfD-Landtagsfraktion in Mainz unter dem Motto „Es reicht! Endlich Konsequenzen ziehen!“ Etwa 100 Menschen kamen zu der Kundgebung, auf der der AfD-Landesvorsitzende Uwe Jung „reflexartige“ Versuche kritisierte, Gewalttaten mit Flüchtlingen als Täter zu bagatellisieren.