Militär

Russlands Präsident Putin fährt Raketen in Kaliningrad auf

Bisher hatte Wladimir Putin die Stationierung von Iskander-Raketen in Kaliningrad nicht zugegeben. Doch nun legt Russland sie offen.

Raketen des Typ Iskander wurden in Kaliningrad stationiert. Hier ist eine Rakete beim Verladen in Yekaterinburg zu sehen.

Raketen des Typ Iskander wurden in Kaliningrad stationiert. Hier ist eine Rakete beim Verladen in Yekaterinburg zu sehen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Donat Sorokin / picture alliance / Donat Sorokin

Berlin/Moskau.  Bei einer nächtlichen Probe für die Militärparade am 9. Mai tauchten sie plötzlich auf: Auf schweren Lastwagen rollten atomar bestückbare Iskander-M-Raketen durch die westliche Ostsee-Exklave Kaliningrad (früher Königsberg).

Die russischen Streitkräfte haben nun nach langem Versteckspiel die Stationierung der Flugkörper bestätigt. Diese haben eine Reichweite von 500 Kilometern und können Warschau, Berlin oder Kopenhagen erreichen. Es handelt sich um eine Brigade mit 18 Abschusssystemen und mindestens 36 Raketen.

„Die Bürger der Exklave sollen sehen und verstehen, dass die modernsten Waffentypen der russischen Armee zum Schutz der Region aufgestellt sind“, sagte ein Militärsprecher. Iskander-Raketen waren auch früher in Kaliningrad gesichtet worden, waren aber nicht dauerhaft dort aufgestellt. Die Waffen seien im Februar in dem Ort Tschernjachowsk (früher Insterburg) stationiert worden, erklärte der Sprecher.

Moskau: Reaktion auf US-Raketenschild in Osteuropa

Erst kürzlich hatte Russland mit der Kinschal eine Weiterentwicklung der Iskander-Raketen präsentiert – und erfolgreich getestet. Sie ist Teil eines umfassenden atomaren Aufrüstungsprojekts. Präsident Wladimir Putin hatte dies bei seiner Rede an die Nation Anfang März präsentiert, wenige Tage vor seiner Wiederwahl.

Nawalny bei Anti-Putin-Protesten festgenommen
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Der Kremlchef hatte damals ein rhetorisches Feuerwerk in einer mit Computer-Animationen unterlegten Waffenschau gezündet: ballistische Interkontinentalraketen, welche jede Flugabwehr überwinden können; Marschflugkörper mit unbegrenzter Reichweite; Raketen, die von einem Unterseeboot und von einem Flugzeug abgefeuert werden und Kriegsschiffe oder Städte zerstören. US-Präsident Donald Trump und Kanzlerin Angela Merkel hatten sich besorgt über die Ankündigungen geäußert.

In Russland wird die Iskander-Stationierung hingegen als defensive Maßnahme dargestellt. Bereits 2008 hatte der damalige Präsident Dmitri Medwedew angedroht, in den westrussischen Regionen Krasnodar und Kaliningrad Iskander-Raketen zu stationieren, wenn die USA den Aufbau ihres Antiraketenschildes in Osteuropa fortsetzten. „Das ist die Antwort auf die amerikanischen Antiraketen-Stellungen im Nordostens Polen“, sagte der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin unserer Redaktion.

Nato hat Bataillone in baltische Staaten verlegt

Dort sei der Bau der Abschussrampen so gut wie abgeschlossen. „Von denen können nicht nur defensive Abfangraketen abgefeuert werden, sondern auch Langstreckenraketen des Typs Missile 3, die weite Teile des europäischen Teils von Russland erreichen.“ Mit Hilfe der Iskander sei es möglich, die US-Antiraketensysteme der Marke Aegis Ashore direkt zu bekämpfen, so Litowkin.

Die Stationierung der Iskander-Raketen in Kaliningrad war auch als Moskauer Reaktion auf die Verlegung von vier Nato-Bataillonen in die baltischen Staaten und nach Polen 2017 erwartet worden. Nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im März 2014 hatte die Nato 2016 die Entsendung von rund 4000 Soldaten an die Ostflanke des westlichen Bündnisses beschlossen. Die Bundeswehr führt in Litauen ein Bataillon an.

Die Einverleibung der Krim und das darauf folgende russische Militär-Engagement in der Ostukraine haben zu einer dramatischen Abkühlung im Ost-West-Verhältnis geführt. Das Muster der geleugneten Einflussnahme durch Moskau hat die Wahrnehmung in der Nato bis heute geprägt: Zunächst hieß es, Soldaten ohne Hoheitszeichen – „grüne Männchen“ – seien auf der Krim, dann war von russischen Soldaten „auf Urlaub“ die Rede.

Polen und baltische Staaten in Sorge

Erst spät gab der Kreml die Präsenz russischer Kräfte zu. Die gleiche Salamitaktik wiederholte sich in der Ostukraine, in der Russland mit Geld, Waffen und Personal die Rebellen im Donbass unterstützt.

Nicht nur die Krim-Annexion, auch die militärischen Großmanöver Russlands sorgen vor allem im Baltikum, in Polen und in der Ukraine für Unruhe. Das trifft insbesondere auf die alle vier Jahre stattfindende Übung „Zapad“ (Westen) russischer und weißrussischer Verbände zu. 2017 waren nach Angaben Moskaus knapp 13.000 Soldaten im Einsatz, im Baltikum sprach man von bis zu 100.000 Kräften.

Auch US-Militärkreise in Europa sehen die Aktivitäten Russlands zunehmend mit Sorge. Seit der Krim-Annexion wird vor einem „ernsthaften Militäraufbau Russlands“ gewarnt, der mit „Fähigkeiten innovativer Technologie“ unterlegt sei. „Wir haben im Donbass beobachtet, wie die Russen mit elektromagnetischer Kriegsführung die Kommunikationssysteme der ukrainischen Armee gestört haben. Nach der Schwächung des Gegners folgte der Angriff“, sagte ein amerikanischer Spitzenmilitär. Das Misstrauen gegenüber Moskau treibt die Europäer zu einer größeren Zusammenarbeit. So gaben die EU-Verteidigungsminister im März den Startschuss für 17 Projekte einer engen Militärkooperation (Pesco), die eine Verteidigungsunion zum Fernziel hat.

Russland bemühte sich, die jüngste Stationierung der Iskander-Raketen herunterzuspielen. Die Flugkörper würden auf dem engen Kaliningrader Gebiet nicht übungshalber abgefeuert werden, „um unsere Nachbarn in Polen und Litauen nicht in Schockstarre zu versetzen“, sagte ein Militärsprecher. Es klang eher wie eine versteckte Drohung.

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