USA-Reise

Angela Merkel ist auf dem Weg zur Trump-Versteherin

| Lesedauer: 7 Minuten
Tim Braune, Dirk Hautkapp und Kerstin Münstermann
Merkel-Besuch: Trumps Charmeoffensive soll Streit überdecken

Merkel-Besuch: Trumps Charmeoffensive soll Streit überdecken

Küsschen und freundliche Worte, aber keine Kompromisse: Bei ihrem Besuch im Weißen Haus ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von US-Präsident Donald Trump mit demonstrativer Herzlichkeit empf...

Beschreibung anzeigen

Kanzlerin Merkel findet in Washington einen besseren Draht zu US-Präsident Trump. Bei Zöllen und Iran droht aber weiterhin Ungemach.

Washington/Berlin.  Manchmal ist ein Blick in das Gesicht der Kanzlerin unbezahlbar. Minutenlang verteidigte Donald Trump seinen als Veteranenminister durchgefallenen Leibarzt Ronny Jackson. Der Fall elektrisierte die im Weißen Haus anwesenden US-Journalisten nämlich weit mehr als der Gast aus Deutschland.

Da schaute Angela Merkel mit unbewegter Miene in die Ferne. Was mag der mächtigsten Frau der Welt durch den Kopf gehen, wenn der vielleicht gefährlichste Mann der Welt von schändlichen Vorwürfen gegen seinen Freund Jackson spricht (Alkoholmissbrauch etc.) und er diesen als amerikanischen Helden verteidigt?

Trump wirkt staatsmännisch neben Merkel

In diesem Moment der knapp 40-minütigen Pressekonferenz ist jener Trump in allen Facetten zu sehen, den die Weltgemeinschaft so fürchtet. Zornig, beleidigend, herrisch. Ein Präsident, der Raketen gegen Syrien auf Twitter ankündigt, der in 280 Zeichen Gegner vernichten will.

Im Beisein der Kanzlerin aber war über weite Strecken ein anderer US-Präsident zu erleben. Ein Trump, der sich seiner staatsmännischen Rolle bewusst zu sein schien. Dass der Gastgeber ziemlich aufgeräumt wirkte, dürfte an den historischen Bildern von der koreanischen Halbinsel gelegen haben.

Der gemeinsame Gang der Präsidenten von Nord- und Südkorea über die Demarkationslinie gilt als ein Erfolg Trumps. Dieser hätte den Friedensnobelpreis verdient, sollte die Annäherung nachhaltig sein, schlug prompt der republikanische Senator Lindsey Graham vor.

Konservative US-Medien notierten aufmerksam, dass die Kanzlerin dem Gastgeber öffentlich eine Mit-Urheberschaft für die Korea-Entspannung zuschrieb. Dass es die „Stärke des amerikanischen Präsidenten“ gewesen sei, mit Sanktionen gegen Nordkorea „neue Möglichkeiten“ eröffnet zu haben, wie Merkel sagte, wurde als Lobpreisung Trumps interpretiert.

Bei den Inhalten steht Merkel mit leeren Händen da

Der milde gestimmte Präsident vermied daraufhin Frontalangriffe gegen Deutschland und Europa. „Ich mache Angela keinen Vorwurf, Deutschland nicht und Europa nicht“, sagte Trump mit Blick auf das riesige US-Handelsdefizit und die aus seiner Sicht zu geringen Nato-Beiträge der Verbündeten. Dies hätten vielmehr seine Vorgänger im Weißen Haus tatenlos einreißen lassen.

Aus der deutschen Delegation hieß es später, es dränge sich der Eindruck auf, dass Trump in seinem Amt angekommen sei, er die Bandbreite seiner Möglichkeiten besser abschätzen könne. Merkel persönlich wiederum scheint eine bessere Strategie im Umgang mit dem exzentrischen Milliardär gefunden zu haben.