Washington

Duell unter der Gürtellinie

Ex-FBI-Chef Comey spricht US-Präsident Trump die moralische Eignung für das höchste Staatsamt ab. Beide bekriegen sich immer heftiger

Der Dramaturgie der Charakterzerstörung nach zu urteilen, die James Comey im ersten TV-Interview vor seiner an diesem Dienstag in Buchform erscheinenden Generalabrechnung mit Donald Trump exerzierte, hätte nach 60 Minuten eigentlich der Appell zur Amtsenthebung kommen müssen. Der im Mai 2017 vom amerikanischen Präsidenten gefeuerte Chef des Inlandsgeheimdienstes FBI hatte dem Fragensteller des Senders ABC, George Stephanopoulos, ein Bild des amtierenden Commander-in-Chief gezeichnet, wie es verheerender kaum hätte ausfallen können.

Der Vorwurf, dass der 71-Jährige mit seiner Missachtung der Wahrheit die Fundamente der Demokratie aushöhle, war dabei noch der mildeste. Comey spricht Trump grundsätzlich das Format ab, das höchste Staatsamt auszuüben. "Wer Frauen behandelt wie ein Stück Fleisch, in kleinen und großen Dingen ständig lügt und darauf besteht, dass das amerikanische Volk das auch noch glaubt, ist nicht geeignet, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein – aus moralischen Gründen."

Aber: Trump einem "Impeachment"-Verfahren (Amtsenthebung) zu unterziehen, lehnt der frühere oberste Bundespolizist ab. Das würde die Bevölkerung "vom Haken lassen", die aus seiner Sicht "moralisch verpflichtet" sei, das Problem auf demokratischem Wege zu lösen: "Die Menschen in diesem Land müssen aufstehen, in die Wahllokale gehen und für ihre Werte stimmen."

Dass ein Top-Vertreter des für die nationale Sicherheit zuständigen Esta­blishments so unverhohlen für die Nichtwiederwahl eines amtierenden Präsidenten plädiert, ist laut Historikern "einzigartig". Nicht nur darum werfen viele Trump-Anhänger dem 57-jährigen Comey unverzeihbare Parteilichkeit vor und stellen – siehe die Internetseite www.lyincomey.com – komplett seine Integrität in Frage. Trump selbst nannte den mehr als zwei Meter großen Schlaks einen "Schleimbeutel", "Durchstecher", "Lügner" und "Verbrecher", der als "schlimmster" FBI-Chef aller Zeiten "in die Geschichte eingehen wird".

Was Comey vor der Kamera zu sagen hat, steht fast eins zu eins in seinem heute erscheinenden Buch mit dem Titel: "Größer als das Amt: Auf der Suche nach Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an". Im Fernsehen erhalten manche Antworten durch Mimik und Kunstpausen zusätzliches Gewicht. Haben die Russen etwas gegen Trump in der Hand, was ihn erpressbar macht? "Es ist möglich." Gab es die ominösen Pinkelspiele mit russischen Prostituierten im Beisein Trumps in einem Moskauer Hotel 2013 wirklich? "Es ist möglich." Hat sich der Präsident der Justizbehinderung schuldig gemacht, als er Comey darum bat (was Trump bestreitet), die Untersuchungen gegen den früheren Nationalen Sicherheitsberater Michel Flynn auf sich beruhen zu lassen? "Es ist möglich." Dieses betonte Offenhalten, formuliert vom ehemaligen Chef des FBI, der Trumps Verlangen nach uneingeschränkter Loyalität mit dem Gebaren von Mafia-Bossen vergleicht, verfehlt seine Wirkung nicht. Zumal Comey, noch immer erkennbar gekränkt durch seinen von Trump erzwungenen Abgang, mehrfach anmerkt: "Das sind Worte, von denen ich niemals gedacht hätte, sie einmal über einen amerikanischen Präsidenten zu sagen."

Apropos Loyalität. Comey schilderte mit nur mühsam unterdrückten Kopfschütteln erneut en detail, wie Trump ihn bei einem Essen im Weißen Haus unter vier Augen um Gefolgschaft ersucht hat. "Ich brauche Loyalität. Ich erwarte Loyalität", sagte Trump demnach. Comey will, wissend um Interessenkonflikte und um Trump nicht zu brüskieren, lediglich "Aufrichtigkeit" angeboten haben. Woraus Trump dann "aufrichtige Loyalität" machte. Dass Comey dies nicht auf der Stelle korrigierte, sondern entgegnete: "Ja, das können Sie erwarten", bereut er heute zutiefst.

Über sich selbst und seine zwiespältige Rolle bei der Handhabung der E-Mail-Affäre der Demokratin Hillary Clinton, die unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl 2016 hohe Wellen schlug, findet Comey nur wenige selbstkritische Töne. Das mache ihn "anfechtbar" auch in Wählerschichten, die Trump lieber heute als morgen aus dem Amt gedrängt sähen, sagten Analysten im US-Frühstücksfernsehen. Gleichwohl wird Comeys Rachefeldzug noch Wochen andauern. Nach der TV-Interviewelle steht eine Lesereise durch Amerika an. Eine Metapher wird sich dabei einprägen: "Ich vergleiche Präsident Trump in meinem Buch mit einem Waldbrand. Er wird enorme Schäden anrichten. Aber aus einem Waldbrand können gesunde Dinge entstehen, die vor diesem Feuer keine Chance gehabt hätten."

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