Münster

Täter erschießt sich nach Todesfahrt in Münster

In der westfälischen Stadt rast ein Kleintransporter in ein Straßencafé. Hintergründe noch unklar. Viele Verletzte im Krankenhaus

Münster. Wo sonst an Sonnabenden das Leben pulsiert, herrscht plötzlich gespenstische Leere. Die Fußgängerzone ist verlassen, Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Vor dem Prinzipalmarkt mit seinen prächtigen Fassaden stehen schwer bewaffnete Polizisten in Schutzwesten. Weite Teile der Innenstadt von Münster sind gesperrt. In der Nähe des 800 Jahre alten Paulusdoms stehen Rettungsfahrzeuge mit blinkendem Blaulicht auf dem Pflaster, ein Hubschrauber kreist knatternd über der Stadt – immer wieder bleibt er in der Luft stehen, als wolle die Besatzung aus der Höhe einen bestimmten Punkt anvisieren.

Der Ort des Geschehens ist das vor allem bei Touristen beliebte Restaurant „Kiepenkerl“. Bei sommerlichen 25 Grad sitzen Menschen auf dem kleinen Platz davor, als um 15.27 Uhr plötzlich ein Kleintransporter in die Menschengruppe gelenkt wird. Es gibt viele Opfer. Drei Menschen sind tot, heißt es. Nach Polizeiangaben auch der mutmaßliche Täter, der sich nach dem Anschlag im Fahrzeug selbst erschossen hat. Von den rund 20 Verletzten wurden mehrere schwer verwundet, einige von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr, hieß es am Abend. Die Lokalzeitung „Westfälische Nachrichten“, deren Redaktion sich in der Nähe befindet, berichtet, das Fahrzeug sei mit hoher Geschwindigkeit durch die Innenstadt gerast. Danach spielen sich dramatische Szenen ab. Bilder zeigen einen verwüsteten Platz, Stühle und Tische liegen rund um den Transporter herum. Ein Seelsorger kümmert sich um einen Kellner. Der Mann wirkt geschockt, sein Blick ist starr.

Spekulationen um dieIdentität des Täters

Zunächst befürchten die Bürger einen Terroranschlag, womöglich mit islamistischem Hintergrund. Auch Polizeibeamte warnen Passanten, es habe sich möglicherweise ein Terrorangriff ereignet. Erinnerungen an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 werden wach. Am Abend dann die spektakuläre Wende: Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass es sich bei dem Fahrer um einen womöglich psychisch labilen Einzeltäter handeln soll. Die Hintergründe sind noch unklar, aber es handelt sich wohl nicht um einen Terrorakt. Laut „Süddeutscher Zeitung“ wurde die Wohnung des mutmaßlichen Täters am Abend nach Sprengstoff durchsucht. Dafür gab es zunächst keine offizielle Bestätigung. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen ist der Mann Jahrgang 1969 und Deutscher ohne Migrationshintergrund. Einzelne Quellen berichten hingegen, bei dem Mann handele es sich um einen 27-Jährigen. Laut NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ soll der mutmaßliche Täter in der Vergangenheit psychisch auffällig gewesen sein, Hinweise auf Islamismus gebe es nicht. Eine offizielle Bestätigung stand am Abend jedoch aus. In dem Kleinlaster hat die Polizei nach eigenen Angaben einen verdächtigen Gegenstand gefunden. Um was für einen Gegenstand es sich handele und ob davon eine Gefahr ausgehe, müsse nun geklärt werden.

Mitarbeiter eines Restaurants, das ganz in der Nähe des Tatorts liegt, berichten später von einem lauten Geräusch: „Tschack, tschack, tschack“, hätten sie gehört, dann sei alles ganz schnell gegangen und sie hätten das Restaurant verlassen müssen. Gesehen haben sie nichts. Augenzeugen berichten, dass der Wagen letztlich gegen einen Baum gefahren sei. Ein Augenzeuge zum MDR: „Ich habe einen lauten, dumpfen Schlag gehört und mit einem Mal schrien die Leute auf: ,Oh mein Gott!‘ Alle liefen nach vorne. Eine Minute später waren schon Streifenwagen da.“

Die Menschen in Münster hatten Glück im Unglück. Nicht nur, weil zufällig eine Gruppe Notfallseelsorger aus Paderborn wegen eines Ausflugs in der Stadt ist und ihre Hilfe anbietet. Zeitgleich mit der Attacke sollte in der Innenstadt eine Kurdendemonstration beginnen, weshalb viele Polizeibeamte in der Nähe und schnell am Tatort waren. Sie sperren die Gegend ab. Die Behörde bittet die Bevölkerung via Twitter mehrfach und eindringlich, nicht zu spekulieren – und den Innenstadtbereich zu meiden. Laut Polizei gibt es Gerüchte, wonach zwei weitere Menschen aus dem Transporter gesprungen und geflüchtet seien könnten. Das sei aber nicht sicher, sagte ein Sprecher.

In der Stadt herrscht eine eigenartige Stimmung. Einerseits riefen örtliche Krankenhäuser die Bevölkerung zu Blutspenden auf, was vielen die Dramatik der Situation verdeutlichte. Andererseits stand das Leben außerhalb der Innenstadt keineswegs still, sondern wirkte seltsam normal. Eine solche Gewalttat ausgerechnet hier, in dieser idyllischen Studentenstadt im grünen Münsterland – für viele bis vor Kurzem undenkbar. „Ganz Münster trauert über dieses schreckliche Ereignis. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Getöteten. Den Verletzten wünschen wir schnelle und baldige Genesung“, sagt Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) und stellt noch einmal klar: „Wir wissen bislang nicht, welchen Hintergrund dieses Ereignis hatte.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärt, sie sei zutiefst erschüttert. „Es wird jetzt alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen getan. Allen Einsatzkräften vor Ort gilt mein Dank.“

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigt an, dass die Polizei noch einmal die schon „extrem hohen Sicherheitsvorkehrungen“ für den Halbmarathon am heutigen Sonntag überprüfen werde.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet schreibt: „Ein trauriger, ein schrecklicher Tag für unser Land.“ Ein Sprecher der Landesregierung teilte mit, Laschet habe mit der Kanzlerin telefoniert und sie über den Stand informiert. Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt: „Die Polizei in Münster und in ganz NRW arbeitet jetzt mit Hochtouren an der Aufklärung des Sachverhaltes.“

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