Politik

Unendliche Trauer

Der Anschlag von Münster zeigt: Absolute Sicherheit kann es nicht geben

Die Erinnerungen kehren zurück. Die Ruhe der vergangenen Monate hat sich an diesem Sonnabend als trügerisch herausgestellt und das bedrückende Gefühl des 19. Dezember 2016 ist wieder da. Auch wenn die Motive möglicherweise vollkommen anders liegen, so drängen sich doch die Parallelen der beiden Anschläge von Münster am gestrigen Sonnabend und Berlin vor 16 Monaten geradezu auf: Wieder starben Menschen durch die kaum zu fassende Tat eines einzelnen Mannes. Wie in Berlin am Breitscheidplatz traf es das belebte Stadtzentrum, wie in Berlin wurde ein Fahrzeug eingesetzt, mit dem der Täter in eine arglose Menschenmenge raste. Es herrscht sprachlose Trauer.

Wenn die Hintergründe des Anschlags von Münster auch noch weitgehend unklar sind – hier standen wohl eher persönliche Motive im Vordergrund und keine politisch motivierte Tat – so ist das Muster das gleiche: Ein Fahrzeug wird durch den Täter zur Mordwaffe. Menschen, die die Sonne, den Frühlingstag und ihre Freizeit genossen, wurden zu willkürlichen Opfern. Für die Angehörigen und die überlebenden Opfer wird nach diesem Anschlag nichts mehr so sein wie zuvor, egal, wie es dazu kam. Sie werden Antworten auf viele Fragen suchen, die es am Ende vielleicht gar nicht geben kann. Dieser Schmerz ist schwer zu ertragen.

Der tödliche Zwischenfall von Münster zeigt erneut: Absolute Sicherheit wird es nicht geben. Wer will, kann die Gesellschaft schmerzhaft treffen. Alle Sicherheitsvorkehrungen, Überwachungen und auch Prävention und Repression können nur bis zu einem bestimmten Grad schützen. Aber nicht jeder Ort und nicht jede Person können rund um die Uhr bewacht werden. Hier setzt der Rechtsstaat der Überwachung und Kontrolle Grenzen. Das muss auch so bleiben, wenn wir unsere Freiheit nicht aufs Spiel setzen und uns in eine Gesellschaft des gegenseitigen Misstrauens verwandeln wollen.

Dennoch werden die Behörden Lehren aus diesem neuerlichen tödlichen Anschlag ziehen: Die Sicherheitsbehörden werden noch genauer hinsehen, von wem eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben im Land ausgeht oder wer extremistische Verblendung betreibt. Auch Münster – wie andere Städte auch - wird sich intensiver damit beschäftigen, wie öffentliche Plätze noch besser geschützt werden können, wohlwissend, dass ganze Städte sich nicht mit Pollern zupflastern lassen. Die Diskussion darüber wird in Münster wohl etwas härter geführt werden, denn die ersten Poller sollten in diesem Jahr in der Innenstadt aufgestellt werden. Monate zu spät, um das tragische Geschehen verhindern zu können.

Bei aller Trauer und Wut über das sinnlose Sterben der Menschen an der Münsteraner Traditionsgaststätte Kiepenkerl ist jetzt aber auch Besonnenheit gefragt. Es wäre ein Fehler, das mörderische Spiel solcher Täter mitzuspielen und die Angst vor derartigen Taten regieren lassen. Pauschale Vorverurteilungen gegen einzelne Bevölkerungsgruppen helfen bei der Aufklärung ebenso wenig, wie blinde Racheakte gegen Bekannte oder Verwandte des Täters. Sie stehen meist genauso sprachlos vor den Folgen der Tat wie die Angehörigen der Opfer.

Was bleibt, ist ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht. Die beiden Taten von Münster und Berlin, bei denen Menschen starben und viele schwer verletzt wurden, führen uns erschreckend deutlich vor Augen, wie verletzlich unsere freiheitliche Gesellschaft ist und wie sehr es sich lohnt, sie zu verteidigen. Seite 5

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