Neues Buch

Unbequeme Wahrheit über die Integration an deutschen Schulen

Der ehemalige Leiter des NDR-Politmagazins „Panorama“, Joachim Wagner, hat den Stand der Integration recherchiert.

Auch Schulleiter
aus Hamburg
räumen „gewisse
islamische Parallelgesellschaften“
in Hamburger
Schulen ein

Auch Schulleiter aus Hamburg räumen „gewisse islamische Parallelgesellschaften“ in Hamburger Schulen ein

Foto: Getty Images

Wer über den Islam schreibt, macht sich schnell unbeliebt. Das musste einst der SPD-Politiker Thilo Sarrazin erfahren, der mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" 2010 zwar einen der größten Bestsellererfolge landete, aber zugleich zur Persona non grata wurde. Nun kann man vieles am Sarrazin-Buch kritisieren, aber die Reaktionen sind bis heute schwer fassbar. Dass etwa Kanzlerin Angela Merkel gleich nach Erscheinen das Buch als "nicht hilfreich" abkanzelte – ohne es gelesen zu haben. Dass die Öffentlichkeit kaum die Inhalte diskutierte, aber eilfertig den Verfasser diskreditierte. Und die SPD gar ein Ordnungsverfahren gegen den Parteifreund forcierte. Ein demokratischer wie intellektueller Offenbarungseid.

Vermutlich wird die Kanzlerin das neue Buch des Hamburgers Joachim Wagner "Die Macht der Moschee – Scheitert die Integration am Islam?" auch nicht lesen. Was schade ist, denn die Lektüre lohnt. Der ehemalige "Panorama"-Chef und langjährige ARD-Korrespondent Wagner ist kein Sarrazin und jeder Überspitzung unverdächtig. Bestürzend sind seine Erkenntnisse und Recherchen, die er in monatelanger Arbeit zusammengetragen hat, allemal: Wagner hat mit Migrationsforschern und 65 Lehrern verschiedener Schulen in Hamburg, Dortmund, Berlin, Hanau und Nürnberg gesprochen, Studien und Quellen gewälzt. Er selbst erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch, aber trägt Dinge aus der Republik zusammen, die viele eben weder hören noch sehen, noch lesen wollen.

Wagner polemisiert nicht

Wie schrieb Klaus von Dohnanyi aus Anlass der Sarrazin-Debatte 2011? "Im Schatten unserer Geschichte und eines oft allzu einseitigen Bildes unserer Selbst scheuen wir uns vor Debatten und Worten, die bei anderen Völkern gang und gäbe sind. So aber kann eine Gesellschaft den Herausforderungen der Gegenwart kaum begegnen." Der ehemalige Bürgermeister und Bundesbildungsminister forderte: "Bitte keine Feigheit vor dem Wort."

Wagners Buch ist nicht feige, es ist nüchtern, leider an manchen Stellen etwas unsauber redigiert. Zwei Dinge hätten ihn zur Recherche motiviert, sagt der Hamburger. Die Übergriffe von Köln in der Silvesternacht 2015 und die überraschend hohe Zustimmung der Deutschtürken für den Präsidenten Erdogan, die hierzulande sogar höher liegt als in der Türkei. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Wagner mit religiös geprägten Zuwanderergesellschaften in Deutschland befasst. 2011 erschien sein Buch "Richter ohne Gesetz: Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat".

Christen vom Spielen ausgeschlossen

Wagner polemisiert nicht, er lässt andere zu Wort kommen: Da erzählt eine Lehrerin der Grundschule Kerschensteinerstraße in Harburg, dass muslimische Eltern inzwischen schon gegen Gummibärchen opponieren, weil diese aus Gelatine und damit haram – also verboten – seien. Grundschüler schlössen Christen vom Spielen aus. Eine Kollegin aus Öjendorf berichtet Wagner von Schülern, die sich weigerten, an einer Schweigeminute für die Terroropfer zu beteiligen. An der Otto-Hahn-Schule in Jenfeld drängten salafistische Schüler andere zu beten, in Hamm wurden Zettel "Wie werde ich ein guter Muslim?" verteilt, in Bergedorf wollten Schüler wegen des Ramadan eine Klassenfahrt verschieben. In einem Hintergrundvermerk des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung ist von einem "täglichen Kleinkrieg um Religionsfragen" die Rede.

Das alles mögen Einzelfälle sein – die aber in ihrer Häufigkeit keine Ausnahmen mehr an deutschen Schulen sind. In den vergangenen Tagen wurden Fälle aus Berlin publik, die den demokratischen Rechtsstaat herausfordern: Muslimische Schüler bedrohten eine jüdische Zweitklässlerin mit dem Tod; ein 14-Jähriger wurde 2017 von muslimischen Klassenkameraden wegen seines Glaubens drangsaliert, gewürgt, beschimpft; selbst Grundschulen stehen schon unter Wachschutz. Man mag diese krassen Fälle auf "Berliner Verhältnisse" zurückführen. Aber auch Schulleiter aus Hamburg räumen "gewisse islamische Parallelgesellschaften" in Hamburger Schulen ein.

74 unterschiedliche Muttersprachen

Die Konzentration auf die Schulen, das Labor und Konfliktfeld der Integration, ist der stärkste Teil des Wagner-Buches. "Die Besuche von 21 Schulen waren Ausflüge in ein multikulturelles Deutschland, das die große Mehrheit der Bevölkerung nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung kennt", schreibt der frühere "Panorama"-Chef. An der Stadtteilschule Barmbek werden 74 unterschiedliche Muttersprachen gesprochen, in Wilhelmsburg, Harburg oder Mümmelmannsberg liegt der Anteil der Muslime bei 50 Prozent und mehr.

Die Multikulti-Seligkeit endet an den Pforten der Realität. Die meisten von Wagner befragten Lehrer teilen den Satz: "Je höher der Migrantenanteil, desto größer die negativen Effekte." Weil gerade Schüler mit Migrationshintergrund besonders häufig Schulen besuchen, wo der Anteil nicht deutscher Schüler ohnehin hoch ist, vergrößert sich das Problem. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, fordert eine Migrantenquote von höchstens 35 Prozent, weil höhere Anteile "zu Leistungsabfall und Integrationsproblemen führen".

Re-Islamisierung hat viele Muslime erfasst

Bildungsforscher sehen die kritische Grenze bei 40 Prozent Nichtmuttersprachlern, wobei aber die Zusammensetzung der Schülerschaft entscheidend ist. In sozialen Brennpunkten liegt der Anteil deutlich höher. Im IQB-Bildungstrend von 2016 überschreiten 39 Prozent der Hamburger Schulen diese Schwelle. Dies könnte eine der Ursachen sein, warum der eklatante Leistungsrückstand von Zuwandererkindern zwischen 2005 und 2016 kaum abgenommen hat und weiterhin bei zwei Schuljahren liegt.

Wagner konstatiert, die Integration vieler Muslime in Deutschland sei gescheitert. Er zitiert den Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, wonach die "Wissenschaft inzwischen genug Evidenz gesammelt hat, dass Bildung und Arbeit nicht ausreichen", um sich zu integrieren. "Integration kann deshalb nur dann erfolgreich sein, wenn sie sozial wie kulturell gelingt", schlussfolgert Wagner. Die kulturelle Integration aber scheitert oft an der Religion.

Wichtiges Datum

Schlimmer noch: Seine Gesprächspartner, aber auch Studien kommen zur Erkenntnis, dass eine Re-Islamisierung viele Muslime erfasst hat. 80 bis 90 Prozent der interviewten Lehrer unterstützen diese These. Ein Datum spielt dabei eine wichtige Rolle – die Anschläge vom 11. September 2001. Sie haben die Gräben in der Gesellschaft vertieft und viele Muslime zurück in die Religiosität getrieben. Allerdings ist das nur ein Teil der Erklärung: In den vergangenen Jahren sind viele Menschen aus Ländern eingewandert, in denen der Fundamentalismus stark ausgeprägt sind.

Zugleich reagiert die Gesellschaft immer dünnhäutiger, mitunter ja hysterisch auf den Islam. So schreitet die gegenseitige Entfremdung weiter voran. "Die steigende Tendenz der Muslime zur kulturellen Selbstbehauptung und die Forderung der Bevölkerung, sich der deutschen Kultur anzupassen, vertragen sich nicht miteinander. Sie sind wie zwei Züge auf einem Gleis, die ohne Rot-Signal aufeinander zurasen", schreibt Wagner.

Auch die moderne Techniken – angefangen beim Satellitenfernsehen bis hin zu sozialen Medien – erschweren die Integration. Wer einen Mausklick von der alten Heimat entfernt ist, bleibt in der neuen Heimat fremd. Ein Lehrer der Otto-Hahn-Schule beschreibt das weit verbreitete Problem über das Leben in zwei Welten. "Wenn sie nach Hause kommen, legen sie den Schalter um." Wie kommt man so in Deutschland an?

Religion wichtiger als Demokratie

Wagner zitiert wissenschaftliche Studien, wonach 45 Prozent der Muslime in Deutschland Religion wichtiger ist als die Demokratie und der Rechtsstaat. Sie meinen, es sei wichtiger, die Gebote der Religion zu befolgen, als die Gesetze des Staates, in dem sie leben. Eine Hamburger Religionslehrerin kommt zu dem Schluss: "Liberale Muslime schaffen die Integration. Bei den konservativen ist Integration nicht erwünscht."

Die Grenzen seiner Recherche zeigen Grenzen der Integration auf: Wagner hat den wichtigen Verbänden – dem Islamrat, dem Zentralrat der Muslime, dem Verband der Islamischen Kulturzentren und der Union Türkisch-Islamischer Kulturvereine kritische Fragen geschickt. Eine Antwort hat er nie bekommen.

Viele Antworten bekam er hingegen von Lehrern, auch auf die zentrale Frage "Schaffen wir das?" "Wir geben uns Mühe, aber es wird schwieriger", sagt etwa Renate Wiegandt von der Otto-Hahn-Schule. Und eine Kollegin aus Hessen betont: "Europas Grenzen sind offen. Das europäische Ausland darf kommen, um die Lehrer kümmert sich niemand."

Durch die Flüchtlingskrise drängen nun noch einmal bis zu 350.000 Kinder und Jugendliche zusätzlich in die deutschen Bildungseinrichtungen – oft mit traumatischen Erfahrungen, massiven Sprach- mitunter sogar Alphabetisierungsdefiziten. Hinzu kommen Inklusionskinder. Auch der Hamburger Kurt Edler, Grünen-Politiker und Bildungs­experte, warnt: "Das Gefühl der Lehrer ist, dass da etwas ins Rutschen gekommen ist. Es wird immer schlimmer."

Die Ratlosigkeit an den Schulen und in der Politik versucht Wagner mit einigen Lösungsvorschlägen zu überwinden. Integration, macht der Journalist klar, ist keine Einbahnstraße. Sie muss von den Einwanderern kommen, aber auch von der hiesigen Bevölkerung unterstützt werden. "Wenn über die Hälfte die Zuwanderungspolitik ablehnt, fallen erhebliche Teile der Zivilgesellschaft als Integrationsmotor bei der Eingliederung der Muslime aus", schreibt Wagner. Zugleich müssen auch die muslimischen Verbände stärker in die Pflicht genommen werden – sie müssen transparenter und unabhängig von ausländischen Geldgebern agieren. Die Schulen ihrerseits benötigen mehr Hilfe, vor allem eine "Ausbildungsoffensive für Erzieher, Sozialpädagogen und Lehrer" sowie mehr interkulturelle Fortbildung.

Offenere und mutigere Debatte

Der ehemalige ARD-Korrespondent wirbt auch für eine Obergrenze – nachdem Deutschland in den vergangenen Jahren rund 1,7 Millionen Muslime aufgenommen hat, ohne mit der Integration früherer Migranten schon am Ziel gewesen zu sein: "Um es in einem Bild zu konzentrieren: Ein Bergsteiger, der unter der Last eines schweren Rucksacks ächzt, bekommt noch einmal zehn Kilo Gepäck draufgelegt."

Zum Schluss fordert Wagner eine offenere und mutigere Debatte über kulturelle Unterschiede und Konflikte. "Ohne ihre offene und öffentliche Benennung kann kulturelle Integration nicht gelingen." Sein Buch ist ein Anfang, legen wir los.

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