Politik

Die VEB-Politikerin

Anlässlich eines offenen Talks zum Weltfrauentag tritt das neue weibliche Macht-Triumvirat der SPD gemeinsam auf: Franziska Giffey aber hält sich merklich zurück

In Kreuzkölln, irgendwo im Grenzbereich zwischen Kreuzberg und Neukölln, trifft sich das neue weibliche Macht-Triumvirat der SPD zum offenen Talk anlässlich des Weltfrauentages: Katarina Barley, bislang Familienministerin, zukünftig wohl die neue Arbeitsministerin, Andrea Nahles, die SPD-Fraktionsvorsitzende und – womöglich selbst erstaunt, nun so plötzlich in der Bundespolitik mitzumischen – Franziska Giffey, Bezirksbürgermeisterin aus Neukölln, die wohl bald Familienministerin im GroKo-Kabinett werden wird. Aber noch wird sie bei der Veranstaltung „Starke Stimmen für die Demokratie“ als Kiez-Bürgermeisterin vorgestellt. Offiziell ist ihre Ernennung ja noch nicht. Erst heute wollen die Sozialdemokraten verkünden, wen sie ins neue Kabinett Merkel schicken.

Von der Neuköllner Bürgermeisterin zur Ministerin im Bundeskabinett – was für ein Sprung! Neukölln hat rund 300.000 Einwohner, das ist vergleichbar mit Städten wie Bonn oder Münster. Kann man sich vorstellen, dass eine Bonner SPD-Bürgermeisterin plötzlich in Berlin einen Ministerposten erhält? Nur schwer. Aber Neukölln ist nicht irgendein Berliner Bezirk, nein, dieser Ort wirkt wie ein „Labor Deutschland“. Fast alle Probleme, die das Land bewegt, hier finden sie sich in konzentrierter Form: eine international bunt gemischte Bevölkerung, 150 Nationen kommen hier zusammen, viele Bewohner und Familien, die staatliche Transferleistungen erhalten, ein Kiez mit Kriminalität und Härten. Und gleichzeitig einer, der sich verändert. Künstler siedeln sich hier an, die Szene wird lebendig, aber dazu gehört auch: Gentrifizierung droht in manchen Ecken.

Und Franziska Giffey? Die benennt die Probleme. Ähnlich wie ihr Mentor und Amtsvorgänger Heinz Buschkowsky. Allerdings charmanter.

Es dauert eine Weile, bis Giffey an diesem späten Nachmittag im Ballhaus Rixdorf etwas sagen darf. Erst hält Andrea Nahles eine längere, klar, frauenkämpferische Rede. Barley, macht sie darin bald deutlich, ist schon lange und auch privat ihre Freundin. Seit an Seit. Giffey? Sie ist die Neue. Die Ostlerin. Das ist ihr Ticket an die Macht. „Gerade Frauen aus dem Osten, wie du Franziska“, spricht sie Nahles in ihrer Rede direkt an. Das ist jetzt erst mal Giffeys Stempel: VEB-Politikerin. Die Ost-Quotenfrau.

Die geschäftsführende Bundesfrauenministerin Dr. Katarina Barley wird zuerst vorgestellt, das ist sie ja formal noch, dann folgt die zweite promovierte: Dr. Franziska Giffey. Zwei Frauenministerinnen nebeneinander – die frühere und die kommende. Giffey, mit ihren 39 Jahren, ist fast zehn Jahre jünger als Barley. Dennoch wirkt sie in ihrem blauen Hosenanzug, der Nadel des Neukölln-Wappens am Revers und mit der eigenwilligen Steckfrisur, die man eher aus einer 60er-Jahre Serie wie „Mad Men“ kennt, optisch gesetzter als ihre Vorgängerin. „Herzlich willkommen in Neukölln“, beginnt Franziska Giffey auf ihre eigene, fast mädchenhafte Art. Sie sei die erste weibliche Bürgermeisterin in Neukölln, sagt sie stolz. „Wir haben viele Mädchen, die in einer Welt aufwachsen, in der sie eben nicht selbstverständlich über das eigene Leben bestimmen können.“ Mädchen aus traditionellen arabischen beziehungsweise türkischen Familien, die sich mit arrangierten Ehen abfinden müssen.

„Für mich ist ganz klar, dass die Wahl zwischen drei Cousins, keine freie Partnerwahl ist“, sagt Giffey. Das sind die klaren Sätze, für die Wähler sie schätzen. In Neukölln schnitt die SPD bei der Bundestagswahl deutlich besser ab als anderswo. Die SPD, diese alte Volkspartei, die in Umfragen doch sehr krankt und weiterhin unter der 20 Prozent-Marke liegt, sie hatte zuletzt eher einen anderen Frauentyp nach vorne gebracht: Politikerinnen mit Doppel-Namen, die teilweise eine unfassbare Langmut für Minderheitenthemen aufbrachten. So eine ist Giffey nicht, keine Vorreiterin der Gender-Toilette. Bei der Heirat hat sie den Namen ihres Mannes angenommen, das war ganz klar für sie. Sie ist eine linke Konservative.

Das ist eine Chance für die SPD, das kommt gut an. Sie redet die Probleme nicht weg, auch nicht auf dem Podium. Aber sie macht auch klar – manches ist lösbar, Vielfalt ist lebbar. Aber es ist anstrengend. „Wir können auch nicht so tun, als wären das alles nur Einzelfälle“ – sagt sie wieder zum Thema Zwangsheirat. So viel Realismus hat man in der SPD schon länger nicht mehr gehört. Wie ist die Reaktion der SPD-Frauen, die heute zu der Veranstaltung gekommen sind? Noch ist sie eher verhalten. Man wird sich an den neuen Ton wohl erst noch gewöhnen müssen.

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