London

Ließ der Kreml den Spion vergiften?

| Lesedauer: 5 Minuten
Jochen Wittmann

Sergej Skripal war Doppelagent für Russland und Großbritannien. In einem Krankenhaus ringt er um sein Leben

London. Als der Name des Opfers bekannt wurde, schrillten alle Alarmglocken. Denn Sergej Skripal ist ein russischer Ex-Spion, der als Doppelagent für den Westen gearbeitet hatte. Der 66-Jährige wurde am Sonntagnachmittag zusammen mit seiner 33-jährigen Tochter Julia bewusstlos auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum in der südenglischen Stadt Salisbury aufgefunden. Es gab keine äußeren Verletzungen. Im Krankenhaus vermutet man eine Vergiftung. Zurzeit ringen Skripal und seine Tochter auf der Intensivstation um ihr Leben.

Der Vorfall gelangte erst am Montagabend in die Öffentlichkeit, nachdem die brisante Identität des Opfers gelüftet worden war. Am Dienstag erklärte die Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard, dass sie zusammen mit der Polizei vor Ort ermitteln würde, wollte aber den Vorfall noch nicht als Terrortat einstufen. Dazu sei es zu früh. Aber fast alle Medien im Königreich zogen ihre eigenen Schlüsse: Skripal sei höchstwahrscheinlich auf Anweisung des Kremls vergiftet worden. Die russischen Behörden bestreiten dies allerdings energisch.

Die Parallelen zum Fall Alexander Litwinenko sind allzu offensichtlich. Vor elf Jahren war der russische Ex-Agent, der im britischen Asyl lebte, ermordet worden. Er hatte sich mit zwei ehemaligen Kollegen im November 2006 zum Tee in einem Londoner Hotel getroffen. Der Tee war mit dem radioaktiven Isotop Polonium 210 versetzt. Litwinenko starb einen langen qualvollen Tod, als ihn das Polonium über die nächsten drei Wochen von innen verstrahlte. Noch auf seinem Totenbett hatte Litwinenko den russischen Präsidenten Wladimir Putin für seine Ermordung verantwortlich gemacht. Eine gerichtliche Untersuchung des Falles bestätigte ihn. Sie kam vor zwei Jahren zu dem Schluss, dass der Anschlag vom russischen Staat gebilligt und wahrscheinlich auf Anweisung Putins erfolgt war.

Noch gibt es keine Beweise, aber Indizien deuten auch im Fall Skripal auf Spuren nach Moskau. Skripal hatte in den 1990er-Jahren, als er Oberst beim russischen Militärgeheimdienst war, Informationen an den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 verkauft. 2004 kamen ihm die Russen auf die Schliche, und er wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. 2010 war Skripal Teil eines Gefangenenaustauschs zwischen den USA und Russland und siedelte sich in Großbritannien an. Er kaufte ein Haus in Salisbury. Vor einigen Wochen soll er der Polizei erklärt haben, dass er um sein Leben fürchte. Sein Sohn sei unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

„Extremisten“ werden auch im Ausland eliminiert

Der Fall Litwinenko habe die bilateralen Beziehungen zwischen dem Königreich und Russland auf den tiefsten Punkt seit dem Kalten Krieg gestürzt, befand der Auswärtige Ausschuss des Unterhauses im vergangenen Jahr. Der Vorsitzende Tom Tugendhat sagte nun, dass der Fall Skripal „sicherlich all die Kennzeichen einer russischen Attacke trägt“. Er sprach von einem „weichen Krieg“, den Russland zurzeit gegen Großbritannien führe, verwies auf Cyberhacking sowie „vielfältige Aggressionen“ und verlangte Sanktionen und Reisebeschränkungen, sollte eine russische Beteiligung nachgewiesen werden. Außenminister Boris Johnson antwortete auf Tugendhats dringende Anfrage im Unterhaus. Russland, sagte er, fordere in vielerlei Hinsicht „die fundamentale Basis der internationalen Ordnung heraus“, auf die die britische Regierung „mit Stärke und Entschlossenheit“ reagieren werde. Er stellte auch die Teilnahme einer politischen Delegation aus Großbritannien an der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland infrage, falls sich der Verdacht bestätigen sollte, dass Moskau in den Vorfall involviert sei. Im Fall Skripal sei es aber noch zu früh, mit dem Finger auf Russland zu zeigen.

Seit dem Fall Litwinenko hat es in Großbritannien eine Reihe von Angriffen auf Personen gegeben, die dem russischen Staat kritisch oder feindlich gegenüberstehen. Das Internet-Magazin „Buzzfeed“ enthüllte im letzten Sommer, dass die amerikanischen Geheimdienste von mindestens 14 Fällen ausgingen, in denen russische Akteure, seien es staatliche Dienste oder mafiöse Gruppen, an der Ermordung von in Großbritannien lebenden Personen beteiligt waren. Dazu gehören der Oligarch Boris Beresowski oder der russische Geschäftsmann Alexander Perepilichny, die beide auf mysteriöse Weise verstarben. Und es ist kein Geheimnis, dass Russland seine Feinde auch im Ausland verfolgt, sondern Staatsräson. Seit 2006 gibt es ein Gesetz, das dem Präsidenten erlaubt, „Extremisten“ auch außerhalb der Landesgrenzen eliminieren zu lassen. Putin sagte 2010 in einer Rede über Doppelagenten: „Verräter werden verrecken, glaubt mir. Die 30 Silberlinge, die sie erhielten – sie werden daran ersticken.“

Angesichts der bevorstehenden Präsidentenwahlen, sagte eine anonym bleibende russische Quelle gegenüber der „Times“, sei es doch extrem unwahrscheinlich, dass der Kreml hinter der Attacke auf Skripal stecken würde. Genau umgekehrt, meinte Alexander Goldfarb, Dissident und Freund von Alexander Litwinenko. „Putin sieht einen positiven Einfluss auf die Wahlen durch diese Art von Aktivität. Russland ist ein nationalistisches Land, dessen Staatspropaganda Großbritannien als den Feind und Leute wie Skripal als Verräter porträtiert.“ Auch der ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparow hat keinen Zweifel, wer hinter dem Giftanschlag steckt. Nach der „jämmerlichen britischen Reaktion auf Litwinenkos Ermordung“, schrieb er auf Twitter, „warum sollte es Putin nicht noch einmal tun?“

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